Jahresband 1887

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


FRIEDRICHSRUH.

Eine historische Skizze von W. DÜHRSEN,
Amtesgerichtsrath in Mölln.

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FRIEDRICHSRUH, der bekannte in sogen. Sachsenland im ehemaligen Herzogthum, jetzigen Kreise Herzogthum Lauenburg, hart an der Berliner-Hamburger Eisenbahn herrlich gelegene Besitz unseres Reichskanzlers, hat eine verhältnißmäßig nur kurze historische Vergangenheit, denn erst etwa um die Mitte des vorigen Jahrhunderts tritt es unter diesem seinem jetzigen Namen auf. Bis dahin kommt der Name nicht vor, sondern nur der des Dorfes AUMÜHLE (Auemühlen), zu dessen Feldmark ursprünglich Friedrichsruh gehört hat. Da dieser Besitz mit den ihn umgebenden Wäldern, dem Sachsenwald, von Sr. Majestät dem Kaiser unserem Reichskanzler wegen seiner Verdienste um das Vaterland als Dotation verliehen worden, damit er dort im wahrsten Sinne des Worts auf seinen Lorberen ausruhe und sich von den Strapazen seines Dienstes erhole, so darf, was sich über die Vergangenheit dieses Besitzes hat ermitteln lassen, wohl auf ein allgemeineres Interesse Anspruch machen, umsomehr, als der Reichskanzler bekanntlich dort öfter auf längere Zeit und, wie man sagt, auch gern verweilt.

Der verdiente U. F. C. Manecke, der zu Anfang dieses Jahrhundets seine „topographisch-historischen Beschreibungen der Städte, Aemter und adeligen Gerichte im Herzogthum Lauenburg und dem Lande Hadeln“ zusammentrug (dieselben befinden

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sich unter obigem Titel als Manuskripte in der königlichen öfentlichen Bibliothek zu Hannover und sind im Jahre 1884 mit einem Anhange und Zusätzen versehen von dem Verfasser dieser Skizze herausgegeben, Mölln L. Alwart) meldet uns, daß Auemühlen damals „9 Reihestellen, 1 Schulhaus, eine Kornmühle von 2 Grindeln, eine herrschaftliche Brauerei, eine Erbenzins-Eisenfabrik, eine Försterwohnung, ein Erbenzinshaus, Friedrichsruh genannt, und 2 Erbenzins-Kupferhammer der Krohn in Hamburg, die Stangen- oder Obere und die Untermühle genannt, so Alles von der Aue das bedürfende Wasser erhält“, enthalten habe. Dies Gewässer führt den Namen Aue, und ist somit der Name Aumühle für die Ortschaft, in welcher Friedrichsruh ein Erbenzinshaus war, sehr leicht zu erklären. Die Aue entspringt (nach C. Schildknecht und D. Bredekow, geometrischer Abriß des Sachsenwaldes, 1664) oberhalb Schwarzenbek’s, nimmt auf dem Schwarzenbeker Felde die Schwarzenbeke, im Sachsenwalde die Kammerbeke, und nachdem sie die Stangen- oder Obere Kupfermühle mit Wasser versehen, die Sesterbeke in sich auf, treibt dann die untere Kupfermühle und giebt, nach Aufnahme der großen Osenbeke, der Eisenfabrik das nöthige Wasser, geht über die Ländereien des ehemaligen Vorwerks Nienhof, treibt dort eine Kornmühle und ergießt sich endlich in die Bille, die hier die Grenze zwischen Holstein und Lauenburg bildet.

Bei den Kupfermühlen auf dem Grunde eines ehemaligen Försterhauses ist nun im Jahre 1763 Friedrichsruh von dem Grafen und Edlen Herrn Friedrich Karl August zur Lippe, Sternberg und Schwalenberg, des Brandenburgischen rothen Adlerordens Ritter, *) erbaut und bis zu seinem am 31. Juli 1781 erfolgten Tode bewohnt worden. Er starb im 76. Jahre seines Lebens und ist in der Kirche zu Brunstorf begraben, „wo
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*) Vergl. P. C. Pustkuchen, Denkwürdigkeiten der Grafschaft Lippe 20. 21.

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ihm seine Erben eine im Marmor eingehauene, sehr artige Grabschrift haben setzen lassen.“ Diese Grabschrift, nach Linsen, Handbuch S. 620 auf einer Gedenktafel aus Mormor befindlich und von Klopstock herrührend, lautet: „Edle Saat zur himmlischen Freude. Friedrich Karl August, Graf und edler Herr zur Lippe, Sternberg und Schwalenberg, Haupt der Lippe-Biesterfeld’schen Erbherrlichen Linie, war geboren den 20. Jan. 1706, gestorben den 31. Juli 1781, alt 75 Jahre 6 Monat 12 Tage. Hier unter dem ernsten und stillen Volke der alten Sachsen schläft ein edler Ritter von deutscher Vaterlandssitte. Treu und wahrhaft, Reif zur Vollendung durch unvergängliche Saat ging er ein als Freund Gottes und der Menschen zur ewigen Heimath. Tausende von Armen setzen klagend ihre Cypressen, kindliche Liebe den Marmor“.

„Ursache seines hiesigen Aufenthalts war der Lieblingsneigung der Jagd, die er im Sachsenwald erpachtet hatte, nachzugehen.“ Von diesem nach ihm benannten Wohnsitze des Grafen Friedrich zur Lippe sind keine Überreste mehr vorhanden, und es läßt sich die Stelle, an der das Haus gestanden, wohl nur vermuthen. Wahrscheinlich ist es nach dem Tode seines Erbauers in den Besitz der Hamburger Industriellen übergegangen, die hier Eisen- und Kupferhämmer hatten, und demnächst, als auch diese Industrie aufhörte, abgebrochen. Denn eine Art monumentalen Baues dürfen wir uns unter diesem Erbenzinshause wohl nicht denken. Der letztere Ausdruck deutet an, daß diese Landstelle nicht zu den dem Meierrecht unterliegenden sogen. Reihestellen der Dorfschaft Aumühle gehört habe, sondern von der Landesherrschaft das Areal dazu von deren Grund und Boden dem in Lauenburg allgemein geltenden Meierrecht analog verliehen worden ist. Als Nachfolger im Besitz des Jagdhauses Friedrichsruh führt v. Kobbe II p. 281 auf: 1781 Jean Albrecht Willink, 1784 Rodde, 1785 J. A. Willink, 1789 Jean de Vicq Thalen, 1791 J. D. Baetke.

Daß in Aumühle bezw. in und bei dem jetzigen Friedrichsruh,

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dessen Namen sich, obgleich das ursprüngliche Friedrichsruh vom Schauplatz der Geschichte schon lange verschwunden, erhalten und sogar einer Station der Berlin-Hamburger Eisenbahn mitgetheilt hat und neben und bei Aumühle im Gegensatz zur früheren Zeit eine Ortschaft bezeichnet, eine nicht unbedeutende Metallindustrie im vorigen Jahrhundert und zum Theil auch noch im Anfange dieses Jahrhunderts geblüht habe, läßt sich noch nachweisen. Patje, in seinem Abriß des Fabriken-, Gewerbe- und Handlungszustandes in den Kur-Braunschweig-Lüneburgischen Landen (Göttingen 1796) führt unter den Eisenhütten die Wuppermann’sche Eisenfabrik im Sachsenwalde zur Aumühle auf. Bis zum Jahre 1758 eine herrschaftliche Papiermühle und für 150 Rthlr. jährlich verpachtet, ward sie in jenem Jahre den Gebrüdern Engelbert und Daniel Wuppermann in Elberfeld und Hamburg zu einer EISENFABRIK erbenzinsweise überlassen. Im Jahre 1763 setzten sich die Gebrüder Wuppermann wegen dieser Fabrik auseinander, und der Sohn des Hamburger Wuppermanm, Daniel Wuppermann übernahm sie von seinem Vater. Als Patje sein Buch schrieb, bestanden die auf der Fabrik vorhandenen Werke in einem Roh-Eisenhammer, einer Schleifmühle, einem Dreh- und Schraubenwerk, einer Sägeschmiede, einem Band- und Breithammer und einer großen Ankerschmiede mit 2 Feuern. Es arbeiteten dort 7 Meister, 10 Gesellen, 3 Tagelöhner und 2 Kohlenbrenner, theils Ausländer, theils Landeskinder, die „angelernt“ wurden. Es wurden dort nach Patje l. c. runde Schiffsbolten, Bandeisen, Modelleisen, Anker, Amböße, alle zu Schleusen und Mühlen erforderlichen schweren Eisen, Fensterrahmen und Pfeiler zu Kirchen und Brücken, Walzen, Schrauben zu Tabacks- und anderen Fabriken, Waagebalken, Sägen u. s. w. verfertigt (auch die Bohraxe zur Stückgießerei in Hannover). Das rohe Eisen ward in Hamburg und Lübeck angekauft, auch ward einmal amerikanisches, in Nantes aufgekauftes Eisen verarbeitet. Die fertigen Eisenwaaren gingen nach Lübeck, Hamburg, Altona,

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auch sogar nach den französischen Häfen. Die zum Fabrikbetrieb erforderlichen Kohlen brannte der Fabrikant zum Theil selber, zum Theil ließ er sie sich von den umwohnenden Bauern, die Weichholz hatten und Kohlen brannten, liefern. Die erforderlichen Steinkohlen kamen via Hamburg aus England. Die An- und Abfuhr des rohen Eisens bezw. der fertigen Waaren geschah durch Schwarzenbeker und Ratzeburger Fuhrleute, gelegentlich auch durch holsteinische. Wie man sieht, war dieser Eisenhammer in einer Gegend angelegt, wo das Brennmaterial reichlich und wohl auch billig zu haben war *), dazu kam allerdings die Wasserkraft, die die Aue gewährte.

In unmittelbarer nähe dieses Eisenhammers befanden sich zu Patje’s Zeit zwei Kupferhämmer, dem Kaufmann Krohn in Hamburg zugehörig, auf jedem arbeiteten ein Meister und zwei Gesellen und machten allerlei Kupferwaaren, die nach Hamburg gingen, woselbst die Niederlage war. Sie scheinen aber nicht entfernt die Bedeutung gehabt zu haben, die jener Eisenhammer hatte. Es sei noch erwähnt, daß der Besitzer des letzteren nach Manecke bei seiner Fabrik im September 1792 auch ein WARMES STAHLBAD anlegte, welches aber nach dem Verkauf derselben an Andr. Petersen wieder einging. Näheres über dies Stahlbad, bei dem schwerlich eine warme Stahlquelle mitwirkte, haben wir leider nicht ermitteln können. – Zwischen dem Eisenhammer und der Kornmühle lag in alter Zeit das 1745 eingegangene landesherrliche Vorwerk Nienhof, durch dessen Niederlegung die Anbauerstellen zu Aumühle existent wurden. Das dem sog. Erbenzinsgut Friedrichruh beigelegte Areal war übrigens nur etwa 85 Morgen (Calenberger Morgen) groß; nach dem Eingehen des von dem Grafen Friedrich zur Lippe erbauten Hauses entstanden hier ein Logirhaus und zwei Wirthshäuser, von denen eins von dem nahen Bergedorf hierher versetzt und

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*) Diese Praxis wird ja auch noch heut zu Tage, nachdem die großen Kohlenbecken im mittleren Deutschland erschlossen, befolgt: die Eisenhämmer werden da angelegt, wo die Kohlen sind.

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Frascati (!), das andere aber Landhaus oder Landkrug genannt ward. Der Eisenhammer, zu dem das Areal (etwa 57 Morgen) ebenfalls als Erbenzinsgut hergegeben ist, ging ein, und an seine Stelle trat 1812 eine Tuchfabrik, die bis in die neuere Zeit hinein existirt hat und ca. 20 Arbeiter beschäftigt und jährlich ca. 13,000 Ellen Tuch und 1000 Pfund Garn producirt haben soll. Sie stand am sogen. Fabrikteich, am Einfluß des Osenbek in die Aue. – Bis zum Eintritt Lauenburgis in den Zollverein (1867) ward in Friedrichsruh ein sogen. Landzoll erhoben, ein sehr mittelalterliches Institut, auf das man bis zu jenem Zeitpunkt vielfach in Lauenburg stieß, und das so wenig ergiebig war, daß es entweder verpachtet oder irgend einem Beamten als Nebenamt übertragen wurde. Gesteuert wurde nämlich lediglich nach Gewicht, so daß also 1 Centner Schmucksachen nicht mehr Zoll einbrachte als etwa das gleiche Quantum Feldsteine.

Als die Berlin-Hamburger Eisenbahn und Friedrichsruh eine Station derselben geworden, ward es ein beliebter Ausflugsort für die Hamburger, die namentlich an Sonntagen in größeren Schaaren dahin fuhren, um die köstliche reine Luft des Sachsenwaldes einzuathmen und sich bei Herrn Specht zu stärken; es wurden von reicheren Hamburgern auch etliche Sommervillen dort erbaut und das Specht’sche Haus, jetzt für den Reichskanzler und von ihm zu einem höchst komfortabel eingerichteten Schlößchen umgebaut, nahm viele Hamburger auf, die den ganzen Sommer dort zubrachten. Trotzdem dies Etablissement eingegangen, hat Friedrichsruh seine Anziehungskraft auf Naturschwärmer und Luftschnapper sich durchaus bewahrt.

Der Friedrichsruh rings umgebende Sachsenwald gehörte in den ältesten Zeiten dem Erzbischof von Bremen, der ihn unter der Bezeichnung „die Forst an der Bille gegen Lauenburg zu und aufwärts, soweit sich das Ufer der Bille erstrecke“, dem Herzog Albrecht zu Sachsen 1228 für seine Ansprüche und

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Forderungen an dithmarschen die Grafschaft Stade, die Forst auf beiden Seiten der Bille und die Propstei Wildeshausen zu Lehen gab (Urk. in STAPHORST’s hamburg. Kirchengeschichte II, 17 und in den vermischten Abhandlungen zur Geschichte der Herzogthümer Bremen und Verden VI, 110.539. MUSHARD’s brem. und verd. Rittersaal 61. 67. Vergl. auch C. SCHILDKNECHT und D. BREDEKOW geometr. Abriß des Sachsenwaldes, aufgenommen 1664.) In dem Vergleich, den die Herzöge zu Sachsen-Lauenburg mit Lübeck und Hamburg 1420 zu Perleberg über die Abtretung des Amtes Bergedorf schlossen, ward die Hälfte des Sachsenwaldes, jedoch mit Vorbehalt der Jagd, mit abgetreten. Da nun aber keine bestimmte Feststellung der Grenze vorgenommen worden war, die genannten beiden Städte vielmehr überhaupt nur den Mitbesitz und das Miteigenthumsrecht an dem Walde hatten, so dehnten die Herzöge das vorbehaltene Jagdrecht soweit aus, daß sie die Städte von dem Besitz des Waldes einfach ausschlossen. Diese erhoben daher wider den Herzog Franz von Sachsen-Lauenburg 1549 bei dem Reichskammergericht zu Speyer wegen gebrochenen Friedens, den Sachsenwald betr., Klage, woraus ein langwieriger Rechtsstreit entstand, der erst nach 135 Jahren, 1684, dahin entschieden wurde, daß den genannten Städten, nachdem sie die behauptete Grenze des Waldes erwiesen, diejenige Hälfte desselben pure zuerkannt wurde, die den Vordertheil des aufgemessenen Gehalts zwischen der Bille und der Aue ausmachte (Angeordnete LANDESVERFASSUNG in dem Amte und Städtchen Bergedorf 9. Vergl. auch SAMMLUNG hamburg. Stadtgesetze und Verfassungen X 249 § 5. Becker’s Gesch. von Lübeck II 136. Die Urtheile, welche bis 1670 ergangen, sind auf dem cit. ABRISZ mit abgedruckt, die späteren von 1681, 1683 und 1684 finden sich in der cit. LANDESVERFASSUNG 53-57 und in der cit. SAMMLUNG X 293-297.). Dies Urtheil ist – charakteristisch für die vergangenen Zeiten! – NIE zur Ausführung gelangt, und die beiden klagenden Städte sind

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niemals zum wirklichen Besitz der ihnen zugesprochenen Hälfte des Sachsenwaldes gekommen, der ganze Wald ist vielmehr fortwährend beim Herzogthum Lauenburg verblieben (vergl. Samml. hamb. Stadtges. uetc. X 249 ff. 440 ff. I 208). Allerdings haben die beiden Städte bis in die neuere Zeit hinein unausgesetzt regelmäßig (wahrscheinlich nur pro forma) in und an dem Sachsenwald gewisse Besitzhandlungen auszuüben versucht, sind aber dabei lauenburgischerseits ebenso regelmäßig mit Energie und Nachdruck gestört worden.

Nach dem citirten, nach erfolgter kommissarischer Untersuchung aufgenommenen, zu Lüneburg 1664 ausgefertigten und unterzeichneten Abriß begreift der Sachsenwald diejenige Strecke Landes in sich, welche zwischen Wohltorf, Kröppelshagen, Dassendorf, Brunstorf, Schwarzenbek, Havekost, Möhnsen, Kasseburg, Kuddewörde und der Bille liegt.

Die Herrlichkeit des Sachsenwaldes stimmte schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ein poetisches Gemüth zu lyrischen Ergüssen. Manecke erzählt von einer Ode, in der ein gewisser L. die „Annehmlichkeiten des Sachsenwaldes vornehmlich in der Gegend um Aumühlen“ besungen, überschrieben: Der SACHSENWALD, an seinen Freund Anton Krohn, - Besitzer der Kupfermühlen – Hamburg 1755, 4. 30 S. Es ist leider nicht möglich gewesen, ein Exemplar dieses Opus aufzutreiben, weshalb der freundliche Leser sich mit dem Titel desselben begnügen muß.



 


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