Jahresband 1887

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


 

Die Glocken der St. Nikolauskirche in Mölln.

Von Dr. THEODOR HACH in LÜBECK.

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Nur das Geläute des Domes zu Ratzeburg, welches zu den trefflichsten unserer Gegend gezählt werden darf, übertrifft im Bereiche des ehemaligen bischöflich-ratzeburgischen Sprengels das Geläute der St. Nikolauskirch zu Mölln. Dadurch, daß Stadt und Vogtei Mölln von 1359-1683 im Pfandbesitze der Stadt Lübeck waren, hat speciell auch die St. Nikolauskirche mancher Fürsorge und macher Vortheile sich erfreuen können, welche die Zugehörigkeit zu jener auch auf kunstgewerblichem Gebiete hoch dastehenden Stadt gewährte. Neben den Werken der Bildhauerkunst und der Malerei blühte dort die Kleinkust und unter den Kunstgewerken nahm nach den Goldschmieden die Erzgießkunst die erste Stelle ein. So mußte denn natürlich, wenn die Kirchen der Vogtei und speciell der Pfarrkiche in Mölln der Arbeiten der Erzgießer bedurften, das lübeckische Kunstgewerbe die Ausführung übernehmen. Wie trefflich dieses seine Aufgabe zu lösen wußte, davon geben noch zahlreiche Werke Zeugnis und nicht das schlechteste wieder die Erzgußwerke der Möllner Kirche, das Tauffaß von 1509 und das herrliche Geläute, welches sich aus Glocken des 15. und 16. Jhdts. zusammensetzt. Von älteren Glocken der Kirche haben sich weder

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Spuren, noch Nachrichten entdecken lassen; sie werden bei dem großen Brande von 1391 und bei späteren Unfällen, welche Kirche und Thurm zu Mölln erlitten haben, zu Grunde gegangen sein. Das jetzt im Thurme hängende Geläute besteht aus 3 großen und 2 kleinen Glocken; überdies hängt noch in der kleinen Spitze, welche den Thurm oben abschließt, eine Uhrglocke, zu welcher ich jedoch nicht gelangen konnte. (s. d. Zusatz.)


No. 1.

Die größte Glocke stammt aus dem Jahre 1468. Ihr unterer Durchmesser beträgt 1,78 m, der obere 0,98 m, die innere Höhe 1,13 m, die äußere schräge Höhe 1,49 m; hiernach berechnet sich ihr Gewicht auf etwa 7000 Pfund. Die Glocke zeigt im Ganzen wenig ornamentalen Schmuck. Um die Haube laufen hart untereinander zwei Inschriftreihen in gothischen Minuskeln mit je einem großen Anfangsbuchstaben. Die Trennungszeichen zwischen den Worten bestehen hier, wie bei den übrigen Inschriften der Glocke, bald aus vier um einen Kreuz tragenden Kreis gruppirten Kreuzen, bald aus zwei übereinander gestellten, bald nur aus einem derartigen Kreise mit Kreuz. Die Inschriften an der Haube lauten:

Anno domini millesimo quadrigentesimo sexagesimo
octavo. sexo kalendos augusti. nicolaus corn plebanus.
Albertus. lutow. soneta (!) *)
Dum suero mota sonando do tria dona.
fulgura depello flammas hostesque revelo.

In diesen letzten zwei Hexametern bezeichnet sich also die Glocke selbst als „Wetter-, Feuer- und Sturmglocke“.

Unterhalb dieser Inschriften sind auf der Mantelfläche figürliche Verzierungen in gutem Relief angebracht; und zwar unter dem Worte „Albertus“ ein Bild der hl. Katharina; sie

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*) Du Cange ed. Henschel kennt dieses Wort nicht; offenbar hängt es mit sonizitare, das Glöckchen ertönen lassen, zusammen, und wird Albert Lütau der damalige Glöckner gewesen sein. – Anm. d. Heraus.: Alb. Lutow (oder Lutolb) war Presbyter in Mölln.


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ist stehend dargestellt und hält im linken Arme das Rad, in der Rechten das erhobene Schwert. Ihr entsprechend steht unter den Worten „do tria“ die Gestalt eines Bischofs mit segnend erhobener Rechten und dem Bischofsstabe in der Linken; obwohl er kein Buch hält, ist der Bischof doch offenbar der heilige Nikolaus, wie aus ferneren Inschriften der Glocke hervorgeht. Zwischen diesen beiden Reliefgestalten ist, der Haube etwas näher, in ziemlicher Größe ein Kammrad, das Wappen der Stadt Mölln, in nur schwach erhabenen, ursprünglich in die Form vertieft und eingeritzt gewesenen Linien sichtbar.

Unterhalb der Heiligenbilder folgt eine gothische Inschrift, welche in vier Hexametern die Gnade des hl. Nikolaus und der hl. Katharina für diese Glocke anruft. Die Verse lauten:

O pastor clemens meritis plene nicolae.
fac me laudare tuum nomen ac resonare.
Virgo deo grata prudens katerina beata
per tua da merita vas istud pangere clara.

Hinter dem letzten Worte folgen noch zwei Zeichen, etwa von folgender Gestalt XX; sie werden als Gießerzeichen aufzufassen sein und haben Aehnlichkeit mit dem Zeichen, welches auf Glocken des 1435 und 1442 genannten lübeckischen Gießers Timmo Tegher vorkommt; gleichwohl scheint diese Glocke von 1468 selbst einen anderen Gießer zu nennen.

Um den Schalgrand der Glocke läuft zwischen schmalen Stäben eine Inschrift in stellenweise schwer erkennbaren gothischen Minuskeln, sie lautet:

†† bertel krogher marquart brant † borghermestere † iacob crusemake † hinrik bollan 2) † hans vos kersten vusink † lutke havedank † curt rode † marquart mut 3) † tile van emeke † goflach vorrat † hans brant † ratmanne

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2) „bollan“ steht da; doch ist wohl sicher zu lesen „bollau“; der Name Bollow ist noch jetzt nicht selten.
3) lies „munt“; auf der Glocke von 1514 (No. 2) erscheint marquardt Munt als Bürgermeister in Mölln.

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manne to molne † reginer von telkome 4) kerksware † abele vo .. es 5) wilken crvse ghot my vnde hans vredebolt.

Am Ende der Inschrift werden anscheinend zwei Gießer genannt, doch wird wohl eine Verschiebung der Inschrift anzunehmen sein; dann wird, da im 16. Jhrdt. Kruse’s als Gießer in Hannover vorkommen, Wilken Cruse als Gießer zu betrachten sein; die Worte „vnde hans vredebolt“ aber sind zu den vorgehenden Namen der Kirchenjuraten zu ziehen, so daß Reginer von Talkau, Abele Vo(gh)es und Hans Vredebolt als Juraten erscheinen; freilich hatte die Möllner Kirche gewöhnlich vier Juraten, wie deren Namen z. B. auch auf der sogleich zu besprechenden Glocke von 1514 genannt sind.

No. 2.

Die Salvatorglocke von 1514 nebst ihrer dem gleichen Jahre und der gleichen Meisterhand entstammenden Schwester (Nr. 3) gehört hinsichtlich ihrer technischen Vollendung zu den besten und wegen ihrer Ornamentik zu den interessantesten Glocken der ganzen Gegend. Sie hat einen Durchmesser unten von 1,62 m, oben von 0,86 m; ihre schräge äußere Höhe beträgt 1,31 m, die senkrechte innere 1,20 m; daraus läßt sich das Gewicht auf etwa 5070 Pfd. berechnen. Eine anschauliche Beschreibung dieser Glocke zu geben, ist schwierig. Die Krone ist aus sechs Henkeln gebildet, welche mit bärtigen Köpfen von ganz vorzüglicher Ausführung verziert sind. Zu oberst um die Haube läuft ein Laubwerkornament, in welchem ein den wachsenden gewundenen Hörnern auf Helmzierden ähnliches Motiv, wie solches auf Schnitzwerken, welche den Uebergang von der Gothik zur Renaissance zeigen, ja selbst schon an dem gothischen Colossalcrucifix von 1477 im Dom zu Lübeck vorkommen, eine

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4) Richtiger sollte es heißen „telcowe“, nach dem Orte Talkau (telecowe) südwestlich von Mölln.
5) Hier ist ein etwa zwei Buchstaben verdeckender Gußfehler; wahrscheinlich ist „voghes“ zu lesen. Die Namen Voghet und Voghedes kommen um 1500 in Mölln vor.

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große Rolle spielt. Unterhalb dieser Verzierung läuft ein Laubwerkband um, welches mit kleinen in starkem Relief vortretenden weiblichen Köpfen untermischt ist. Nun folgt eine Inschrift in gothischen Buchstaben; die einzelnen Worte werden durch gleiche Köpfe, durch Laubwerk und Rosenzweige, an einzelnen Stellen auch durch eingegossene Münzen getrennt; die Inschrift, in deren erstem Hexameter nach Analogie anderer Glocken statt mole zu lesen ist „move“ lautet:

O venerande Jhesu vitiorum mole gravatum.
Confer antidotum contra pestem, nicolae.

Clawes vulkeman (brugheman), bertelt love, hans witten, hans gherdes iuraten.


Am Mantel der Glocke folgen jetzt einander gegenüber stehend zwei größere Reliefbilder. Das eine stellt den segnenden Christus mit der Weltkugel dar; dies Relief des Salvator mundi scheint nach demselben Modelle gegossen zu sein, wie das gleiche Relief auf den Glocken des Gerd van Wou in der Jakobi- und der Petrikirche zu Lübeck. Auf der Möllner Glocke liest man zur Rechten des Reliefs die Worte: „Dns Marquardus Munt“, zur Linken, gefolgt von sechs Bracteaten verschiedener Größe die Worte: „her Marten Tuskow“. Zu Füßen des Reliefs sind zwei Wappenschilder angegossen, deren eines den lübeckischen Doppeladler, das andere das Möllner Rad zeigt.

Das dem Salvator mundi entsprechende, in Modellirung und Guß besonders gut gelungene Relief stellt den hl. Nicolaus vor (auch) hier ohne Buch); zu Füßen sieht man gleichfalls zwei Wappen, den lübeckischen quergetheilten weiß- und rothen Schild und das Möllner Rad. Zu beiden Seiten dieses Reliefs vertheilt stehen die Worte: „Ora pro nobis pater Nicolae“.

In gleicher Reihe setzt sich, von Münzen und anderen Verzierungen unterbrochen die Inschrift also fort:
Ao domini Mo Vd xiiij hans brant, lammert lutow, ha(n)s vose. Salvator mundi salva nos. Hinrick van kampen. Arent Arndes. hans fus.

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Hinrick van Kampen ist der Name des Gießers, der auch sein Siegel in Silber in die Glocke neben seinem Namen eingegossen hat; es zeigt auf einem schrägrechts gelehnten Wappenschilde oben eine kleine Glocke und unter derselben eine Hausmarke und trägt in gothischen Minuskeln die Unterschrift: „S. hinrick van kampen“.

Die als Worttrennungszeichen eingelassenen Münzen sind durchgängig sehr abgeschliffen, sodaß ich sie nicht näher zu bestimmen vermag; eine derselben läßt drei Wappenschilder erkennen und die Umschrift: „6 semis marce lub“. Die außer Hinrick von Kampen genannten Namen werden Möllner Rathsherren angehören. Noch ist zu bemerken, daß oben an dem Haubenrande der Glocke in denselben eingeschnitten etwa 2 ½ cm hoch die beiden Buchstaben K. M. sichtbar sind. Dieselben ähneln in ihrer Gestalt den gleichen Buchstaben auf der Grabplatte Karsten Middeldorp’s in der Jacobikirche zu Lübeck, und mögen vielleicht von diesem 1561 verstorbenen Gießer herrühren, der etwa eine Reparatur an der Glocke vorgenommen haben mag; jedenfalls hat, wie noch sichtbar, einmal eine Umhängung der Glocke, deren Schlagring übrigens nur einige schlichte Reifen zieren, stattgefunden.

No. 3.

Die Zwillingsschwester der eben als No. 2 beschriebenen Glocke theilt im Wesentlichen deren Vorzüge, ist jedoch kleiner – (unterer Durchmesser 1,42 m, oberer 0,79 m; äußere Höhe 1,28 m, innere 1,12 m; ungefähres Gewicht 4000 Pfd.) – und weniger reich mit Zierwerk ausgestattet. Die sechs Henkel der Krone zeigen hier weiblich Köpfe, die zwar im Guß trefflich gelungen, künstlerisch aber geringwerthiger sind, als die bärtigen Männerköpfe der Krone bei No. 2. Schriftbänder und Reliefs erscheinen hier nicht schon an der Haube, sondern erst am Mantel der Glocke. Die erste von zwei undeutlichen Lübeckischen Münzen begleitete Inschrift lautet:

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Virgo decens quam sol vestat stelleque coronant!
Splendidulum Catharine sancte mihi teneo nomen.
Anno domini Mo Vc xiiij.
 

Dem Inhalte der sehr holprigen Hexameter entsprechend folgen dann einander gegenüberstehend zwei treffliche Reliefbilder der heiligen Maria und Katharina. Ersteres Relief zeigt die Jungfrau Maria auf der abwärts gekehrten Mondsichel stehend, die Krone auf dem Haupte, das Christkind, dem sie einen Apfel reichen will, auf dem Arme tragend und umgeben von einer flammenden Sonnenglorie; das ganze Relief ist von einem Oval, das sich aus lauter kleinen Runds zusammensetzt und wohl einen Rosenkranz darstellen soll, eingefaßt. Zu den Füßen dieses Reliefs sieht man den lübeckischen Doppeladler und das Möllner Rad, doch hier nicht auf Wappenschilden. Die begleitende Inschrift, welche in halber Höhe des Reliefs befindlich ist, lautet:

Sancta Maria ora pro nobis. her Bartolomeus
Stenfeld. her Casparus Stenfeld.

Das entsprechende Relief der hl. Katharina zeigt die durch ihre Attribute, Schwert und Rad gekennzeichnete Heilige, wie sie auf den durch Krone und Scepter kenntlichen am Boden sich windenden Kaiser Maxentius tritt. Unterhalb dieses Reliefs wieder der lübeckische Wappenschild und das Möllner Rad. Die zu diesem Relief gehörige Inschrift, an deren Ende sich wie bei No. 2 das Siegel des Gießers befindet, lautet:

Sancta Katherina sponsa Christi. Hinrick van Kampen.

No. 4.

Getrennt von den unter No. 1-3 besprochenen Glocken, aber doch in derselben Glockenstube hängen noch zwei kleinere Glocken, deren größere vom Jahre 1513 datirt. Ihr unterer Durchmesser beträgt 0,84 m, der obere 0,50 m; die äußere Höhe 0,70 m , die innere 0,65 m. Die gothische Inschrift, deren Worte wie auf einen Stab gereiht erscheinen und unterhalb

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deren als einzige weitere Verzierung eine schmale spitzenartige Verzierung angebracht ist, lautet:

Ano Dni. M. CCCCC vn XIII. help Ihesus vn. [jeweils ein dicker Horizontalstrich über: "vn"]
Maria un sunte nic – klawes pat – trone.

No. 5.

Die kleinste Glocke, nur 0,66 m unteren Durchmesser haltend, ist völlig schlicht, nur an der Haube befinden sich in gleichen Abständen drei Abdrücke von Münzen, anscheinend von s. g. Regenbogenschüsselchen, doch konnte ich dieselben bei der herrschenden Dunkelheit nicht genauer erkennen. Vielleicht, daß diese kleinste Glocke zugleich die älteste der im Thurme der Möllner Nikolaikirche hängenden Glocken zu sein beanspruchen darf.
 

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ZUSATZ DES HERAUSGEBERS.
 

Außer den vorstehend beschriebenen 5 Glocken befinden sich noch in der Spitze des Thurmes 2 Glocken, die mit der Thurmuhr in Verbindung stehen. Die größere dieser Glocken, welche die Stunden verkündet, rührt von H. v. Kampen her und stammt aus dem Jahre 1514. Sie hat in gothischen Minuskeln folgende In- resp. Umschrift:

De * nicht * weit * wo * it * is * in * der * Tit * de * hore * na * my * myt * gantzem * Flyt * Hinrick * van 1) Kampen * Casten * Tode * Hans* Steuber * Anno * Dni 2) M0 V0 XIIII. Die kleinere Glocke, welche die halben und Viertelstunden ankündigt, ist ohne Inschrift.
WD. [ein dicker Horizontalstrich über: "ni" in der Buchstabenfolge: "Dni"]

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1) Hier befindet sich das van Kampen’sche Wappen.
2) Hier ist der lübeckische Doppeladler angebracht.


 


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