Jahresband 1886

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


 

Über den ersten Apostel Lauenburgs.

Officium de sancto Ansvero ex Breviario Slesvicensi.

Übersetzt von H. VOLLMAR, Divisionspfarrer in Rendsburg.

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Nachstehendes Chorgebet ist uns erhalten in den Annales Episcoporum Slesvicensium von Johannes Adolphus Cypraeus (1634). Dasselbe ist der Sammlung von Gebeten, Psalmen und geistlichen Lesungen entnommen, welche für die Geistlichen der Diözese Schleswig vorgeschrieben war. Diese Sammlung – Brevier genannt – wurde von dem letzten Schleswiger Bischofe Godschalk von Aleveld neu herausgegeben, wie Cypraeus uns mittheilt; leider aber wiß er uns nichts darüber mitzutheilen, wann und von wem das Officium de s. Ansvero verfaßt ist. Wir geben hier eine getreue Übersetzung desselben und fügen nur die Überschriften der einzelnen Abtheilungen des Gebetes bei, sowie auch bei der Lebensgeschichte des Heiligen einige Ergänzungen (in Klammern) die aus andern Quellen entnommen sind.
 

ZUR VESPER.

Stehe uns bei, o Vater der Glorie, damit wir die Loblieder von dem Siege deiner Märtyrer, Ansver und seiner Genossen, würdig singen können.

Tief aus des Herzens Heiligthum singst All’ im Jubeltone, Seht auf Ansveri Martyrhaupt St. Stephans heil’ge Krone!


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Seht, Himmelsblumen frisch und grün hat ihm in Lieb geschenket
Dies unser glücklich Erdenland, in seinem Blut getränket.
Gott grüß euch, heil’ge Märtyrer, St. Ansvers treue Schaaren;
Fleht, daß wir Arme nicht zurück zum Todesschatten fahren.
 

Heil’ger Ansver, erhab’ner Märtyrer Gottes,
Bitte für uns mit deinen Genossen.


HYMNUS.

Singe Holstein, singe Lieder,
Nobles Landes, es klinge wieder
Deiner Ahnen heil’ges Lob!
Denn aus deinem edlen Schooße
Glüht hervor die Tugend-Rose,
Sankt Ansver, den Gott erhob.

Keine Zunge kann es sagen,
Was der Herr in jenen Tagen
Wirkte durch Ansveri Hand.
In dem Dufte seiner Tugend
Wuchs des Christenvolkes Jugend
In dem ganzen Slavenland.
 

CAPITULUM UND GEBET.

St. Ansver, unschuldig von Kindheit an, sanft als Knabe, mäßig als Jüngling, folgte den Fußstapfen seiner Eltern und wurde mit so hohem Tugendschmuck gekrönt, daß er bis zum Mannesalter, in welchem er vollkommen heilig lebte und die höchste Stufe der Vollkommenheit erreichte, mit dem heiligen Iob verglichen werden kann.

O Gott, der du den seligen Ansver und seine Genossen deinem glorreichen Märtyrerfürsten Stephanus in
 

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seinem Leiden gleich gemacht hast, verleihe uns die Gnade, daß wir auf ihre Verdienste und Fürbitten von den endlosen Qualen der Hölle bewahrt bleiben und zum ewigen Leben gelangen. Amen.

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ZUR MATUTIN.

(Dieselbe wird in manchen Ordenshäusern Nachts 12 Uhr gesungen,
in den Kathedralen dagegen in früher Morgenstunde.)

 

INVITATORIUM.


Dem König aller Könige, kommt, laßt dem Herrn uns singen,
Er stärkt die hl. Märtyrer, wenn sie im Tode ringen.

Ps. 94: Kommt, laßt dem Herrn uns jauchzen, Gott unserm Heile jubeln, u. s. w.
 

HYMNUS.

Von Christi ew’gen Strahlenglanz
Und seiner Märt’rer Siegeskranz
Singt Lob und jauchzt aus voller Brust
In eures Herzens sel’ger Luft!

Ihr, die ihr Gottes Weinberg pflegt,
Und deren Liebe Flammen schlägt,
Seht dort als Bürger jener Welt
Ansver und die ihm zugesellt.

Dort lohnet sie für kurzes Leid
Des Himmels ew’ge Seligkeit;
Sie flehn für uns an Gottes Thron,
Drum sing’ das Herz im Jubelton.

Lob Ihm, der Aller Vater ist,
Lob seinem Sohne Jesu Christ,
Lob sei dem heil’gen Geist geweiht
Und der dreifalt’gen Einigkeit.


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I. NOKTURN.

PSALMENGESANG.


1. Ansver lenkt die Schritte niemals zu dem Rath gottloser Thoren;
Darum hat ihn Gottes Liebe zu der Sel’gen Schaar erkoren.

Ps. 1. Dem Manne Heil, der auf der Bösen Rath nicht geht u. s. w.

2. Warum wüthet auf die Heil’gen wohl der Heiden grimme Horde,
Rafft sie hin, wer sollt’ nicht weinen, in beweinenswerthem Morde?

Ps. 2. Warum toben die Heiden u. s. w.

3. Herr, du hast die laute Stimme deiner Heiligen erhöret,
Denen du für deinen Namen Schmach zu leiden hast gewähret.

Ps. 4. Als ich rief, erhörte mich der Gott meiner Gerechtigkeit u.s.w.

 

LEBENSGESCHICHTE DES HL. ANSVER.

Der selige Ansver stammte aus altadligem Geschlecht; sein Vater war Oswald, ein tapferer Ritter, und seine Mutter Agnes (eine überaus fromme und wohlthätige Frau). Er wurde geboren (gegen das Jahr 1040) zu Schleswig. (Bis in das späte Mittelalter hinein bezeichnete die beständige Tradition das Wohnhaus der Eltern an der „Caninen“-Straße.) Schleswig, eine sehr reiche und bevölkerte Stadt der Sachsen jenseits der Elbe, auf der Grenze des dänischen Reiches, war, wie aus der Hamburger Chronik ersichtlich ist, zu jener Zeit durch einen plötzlichen Überfall von Seiten der Heiden von Grund aus zerstört. Ansverus verachtete die Schlacken irdischer Würde, damit er sich erwerbe die

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Glorie der Himmelsstadt. Er verließ deshalb die Heimath in der Blüthe der Jugend und erwählte das ehelose Leben nach der Regel Renedikts. Viel lieber wählte er das Weggeworfensein im Hause seines Gottes, als in der Sünder Zelt zu wohnen. Als nun der hl. Ansver fünfzehn Jahr alt war, (und der ältere Bruder, welcher sich schon in früher Jugend aus der Heimath entfernt hatte, nichts mehr von sich hören ließ,) hoffte man in ihm den künftigen Erben des väterlichen Vermögens zu sehen. Indessen gegen den Wunsch der Eltern (die ihn zum Kriegsdienste ausbilden wollten) zeigte Ansver nur Lust und Sehnsucht, in den wissenschaftlichen Studien erzogen zu werden. So ging er denn, (wie einige behaupten, auf Anrathen des Bischofs Rudolf von Schleswig,) von der Heimath und den Eltern hinweg und verfolgte seinen Weg, vom guten Geiste geführt, bis zu dem St. Georgs-Kloster in Ratzeburg, in welchem zu jener Zeit mitten unter den Heiden und Götzenanbetern Mönche vom Orden des hl. Benedikt wohnten. (Ansver kannte von seiner Heimat her die Mönche dieses Ordens recht gut, da dieselben bereits seit 200 Jahren, seit der Mitte des 9. Jahrhunderts, in Holstein und Dänemark als Missionare gewirkt hatten. Der hl. Ansgarius hatte sie cr. 860 mit Unterstützung des Königs Erich II. „aus den benachbarten Orten“, wie Cypraeus meldet, herbei geholt. Wann das Kloster in Ratzeburg gegründet ist, läßt sich schwerlich ermitteln. Einige nehmen das Jahr 1050 an.)

RESPONSORIENGESANG.

Wie Rosen roth und Lilien weiß
Auf Gottes grünen Auen
In trautem Bund zusammenstehn,
So war’s auch hier zu schauen:
Oswaldi Sohn stützt jugendfrisch
Des jungen Klosters Leben,
Und an St. Benedikti Norm
Sich froh die Pflänzlein heben.


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Da Ansver aber bereits die Welt und ihre Schmeicheleien, die dem Herzen keine dauernde Ruhestätte bieten, genugsam kannte und das Andere, was die irdischen Glücksgüter bieten, verachtete, so ging er zu dem genannten Kloster hin und flehete mit heißester Sehnsucht, daß man ihn in den Ordensstand aufnehmen möge. Da nun Gott selbst es wollte, Er, der alles, was er will, ausführt und ordnet, so erlangte Ansver leicht die Erfüllung seines Wunsches.

RESPONSORIENGESANG.

Eja Rachel, kampfgeschmückte
Kirche Christi, Gottes Braut,
So viel Kinder hast geboren,
Als dein Aug’ dort oben schaut
Seelen, die zu Himmelsfreuden
Du erhob’st voll Weh und Schmerz,
Deren Tod du hast beweinet
Mit sehnsuchtsvollem Mutterherz.

 

II. NOKTURN.

PSALMENGESANG.


1. Gleich jungen Ölbäumen sind deine Kinder um deinen Tisch herum.

Ps. 127. Glückselig alle, die den Herrn fürchten u. s. w.

2. Herr, mit dem Schilde deiner Huld hast du sie rings umgeben,
All, die du zogest aus dem Schmutz, aus diesem Erdenleben.

Ps. 5. Meine Worte nimm zu Ohren du, o Herr! u. s. w.

3. Der Mund der Leidenden soll dir, o Christe, Lob bereiten
Zur Prüfung der Unschuldigen, die kraftvoll für dich streiten.

Ps. 8. Herr, unser Herrscher, o wie ist dein Nam’ auf Erden wunderbar u.s.w.

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4. In Gottes heil’gem Zelte wohnt Ansver in Himmelsklarheit,
Der in dem Sklavenvolke war ein Lehrer heil’ger Wahrheit.

Ps. 14. Wer darf, o Herr, in deinem Zelte wohnen u.s.w.
 

FORTSETZUNG DER LEBENSGESCHICHTE.

In demselben Kloster aber mit dem Ordensgewande bekleidet, schritt Answer seinen Altersgenossen, die mit ihm die Schule besuchten, weit voran, sowohl in den wissenschaftlichen Studien, als auch in der Uebung der Tugend. (Selbst sein Aeußeres, sein liebliches und freundliches Gesicht, das Bild seiner Unschuld und Demuth, fesselte die Bessern seiner Ordensbrüder fortwährend an ihn.) Und als er endlich zum Priesterstande erhoben wurde, brachte er Gott dem Herrn in wunderbarer Demuth, in Betrachtung vertieft und mit heißem, thränenvollem Gebete sein Herz und seinen Körper zur Arbeit und zum Opfer dar. Darum wurde er auch während der Feier der Messe trostreicher, göttlicher Offenbarungen gewürdigt. *)

RESPONSORIENGESANG.


Zum Abt und Vater wird erwählt Ansveri hl. Würde,
Fern jedem Stolz, saft wie ein Lamm trägt er die schwere Bürde.

In jedem Werk’ der Frömmigkeit bleibt Ansver unverdrossen;
Nur was er selbst vorher gethan, das lehrt er die Genossen.
Darum beim Herrn er Gnade findt’t,
Auf ihn des Segens Ströme sind
Vom Rettungsgott geflossen.

Als endlich des genannten Klosters Abt gestorben war, wurde durch einheitliche Wahl der Brüder der hl.

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*) Die Legende von den Wundern, auf welche hier und im Folgenden Bezug genommen ist, werden wir am Schlusse des Chorgebetes mittheilen.

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Ansver zum Abt ernannt und erlangte auch in Wirklichkeit Namen und Wesen eines guten Hirten. Fehlten manchmal die Brüder in menschlicher Schwäche, so wußte er dieselben so zurecht zu weisen, daß er sie nicht durch allzugroße Strenge verdarb, aber sie auch nicht durch außergewöhnliche Milde in ihrem Irrthum einschläferte. O hochheilige Verehrer der göttlichen Dreifaltigkeit. Abraham sah am Fuße des Berges drei Männer und Einen betete er an, so hörte man einstmal aus dem Munde des hl. Ansver drei Stimmen gleichzeitig singen. Abraham sah drei Männer; Drei sah er, Einen betete er an; so auch Ansverus.

Als nun der heilige Vater Ansverus mit seinen 28 Brüdern das Wort Gottes vertrauensvoll im Slavenlande predigte und Viele zum Glauben bekehrte, waren die Häuptlinge (magnates) erzürnt und steinigten sie auf einem Berge, nicht weit von einem Kloster. Der hl. Ansver bat aber auf der Marterstätte angelangt, die Peiniger, die Genossen zuerst zu steinigen; denn er fürchtete, sie möchten wankend werden. Und als diese ihre Krone empfangen hatten, knieete er selbst mit freudigem Herzen wie der hl. Stephanus nieder, dessen Fürbitte er anflehete, und gab unter den Steinwürfen seine Seele dem Schöpfer zurück. An seinem Grabe wurden die Blinden sehend, und viele Wunder wirkte die Güte unseres Erlöser.

RESPONSORIENGESANG.

Niemals kann verborgen bleiben eine Stadt auf Bergeshöhen;
Und die Heiligkeit, wer soll’ sie in den Heiligen nicht sehen?
Blick’ auf Ansver, o genugsam leuchtete sein heilig Leben!
Sieh’ die Ruthe, die vom Himmel dem gerechten Abt gegeben;
Diese, die zur Kerze wurde, deutete des Büßers Streben.

 

III. NOKTURN.

PSALMENGESANG.


1. Vom Herrn ist es gescheh’n, und wunderbar in unseren Augen.


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Ps. 117. Lobsinget dem Herrn, denn er ist gut u. s. w.

2. Sie, die auf Dich so treu gehofft und auch für Dich gestorben sind,
O Herr der Himmel nimm sie auf, Du hochgebenedeiter Gott!

Ps. 30. Auf Dich , o Herr, vertraue ich u. s. w.

3. Mit reinem Herzen hatten sie vor Sündenschmutz sich stets bewahrt;
Drum wird im Lande ihres Herrn ihr fester Wohnplatz ewig sein.

Ps. 26. Der Herr ist mein Licht, mein Heil u. s. w.

Hierauf folgt die Erklärung des Evangeliums (Luc. 6) in drei Abschnitten.
 

RESPONSORIENGESANG.

Es fleht für ihres Volkes Schuld, o Christe, deiner Märt’rer Schaar,
Sie, die in ihrem eignen Blut für dich, o Herr, geröthet war.
O Heeresführer schön und stark, der Kirche hier in Kampf und Streit,
O Fahnenträger in dem Heer, das triumphirt in Ewigkeit!
O hl. Ansver und ihr, seine Genossen, vertheidiget uns mit euren Bitten,
Uns, die ihr so demüthig in eurem Dienst verharren seht,
Bei Christo laßt uns Gnade finden, o betet immerfort für uns.
 

RESPONSORIENGESANG.


Arme Erdbewohner lenken jetzt zum Himmel ihren Lauf,
Von den Wölfen hingemordet steigen sie als Engel auf!
Und die Slaven sind belehret wie mit süßem Honigthau,
Sind entrissen all den finstern Höllenbanden schlimm und rauh.
Räche du das Blut, o Herr, deiner heil’gen Märtyrer.
 

RESPONSORIENGESANG.

Die ihr fröhlich triumphiret, wollet immer für uns bitten;
Huldvoll an uns corrigiret der Verderbniß böse Sitten.

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Möge euer Fleh’n uns helfen, daß der Schöpfer aller Dinge,
Die er von dem Schmutz gereinigt, zu dem Himmelszelte bringe.
Fleh’t zu Christo, daß Erhörung unser höchster Wunsch erringe.
 

Te Deum laudamus.


So weit die Matutin mit ihren drei Abschnitten (Nokturen.) Unmittelbar hieran schließen sich die feierlichen Laudes (Lobgesänge), meist mit Orgelbegleitung.
 

ZU DEN LAUDES.

PSALMENGESANG.


1. Umgürtet mit Kraft Jehova regieret,
Der all’ seine Heil’gen mit Schönheit gezieret.

Ps. 92. Der Herr ist König, in Herrlichkeit gezieret u. s. w.

2. Ihm dienet das Volk, das getreue, mit Freuden.
Die Heil’gen befreit er aus Aengsten und Leiden.

Ps. 99. Frohlocket Gott, alle Lande u. s. w.

3. All’ die nach Martyr dürften, sie hängen nur am Herrn
In seinem Dienste stehen sie wachend treu und gern.

Ps. 62. O Gott, mein Gott, zu dir erwache ich u. s. w.

4. Ihr, so heilig und demüthig von Herzen, singt Lob unserm Gott! Alleluja.

Canticum. (Daniel 3. 57 ff.) Lobsingt dem Herrn ihr seine Werke all! u. s. w.

5. Singt vereinte Himmelschöre eurem König Lob und Ehre.

Ps. 143. Lobt von den Himmeln her den Herrn u. s. w.
 

HYMNUS..

Glorreicher Fürst auf hehrem Thron,
Der Märt’rer König und ihr Lohn,
Durch Martyrqualen führest du
Die Heiligen dem Himmel zu.

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Roth glühend hier im Slavenland
Steht eine Blume; Gottes Hand
Hat sie von Holsteins Flur gebracht
In der Ungläub’gen Winternacht.

Als Knabe schon besiegte er
Der Jugendfehler böses Heer;
Nach Benedikti Regel weiht
Er Gott des Lebens Reinigkeit.

Doch kaum der Unschuld Bild erscheint,
Da wüthet auch ihr Höllenfeind
Mit Stacheln spitz und vielgestalt,
Tumult, Empörung und Gewalt.

Zum Abt den Heil’gen man erhebt,
Wiewohl sein Herz davor erbebt;
Nur durch des Volkes Fleh’n bestimmt
Des Herren Joch er auf sich nimmt.

Lobsinget der Dreifaltigkeit,
Durch deren Huld und Gütigkeit
Ansverus mit der treuen Schaar
Erglänzet groß und wunderbar. Amen.
 

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ZUR VESPER.

HYMNUS.

Ratzeburger heil’ge Kirche Gottes Auge auf dich schauet,
Du bist Gottes ew’ger Güte auf das Innigste vertrauet.
Strahlest hell in heil’ger Schönheit von der Heil’gen Blut geröthet
Der Hülfe dich geleitet, der Liebe für dich betet.
Staunend sah’n die Himmelsbürger und die Geister in der Hölle,
Wie gebrechliche Naturen wunderbar behend und schnelle
Siegen in dem größten Streite,
Steigen auf zur Himmelsfreude
Zu des Lichtes sel’ger Quelle. Amen.

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ZUM MAGNIFICAT.

O Ansver, hocherhabner Held, - dem vier mal Sieben zugestellt, - Du wollest reichlich für uns fleh’n – und stets voll Sorgfalt auf uns seh’n, - die wir voll Demuth uns erfreu’n – Dein Fest alljährlich zu erneu’n.

Canticum (Luc. 1,46). Hoch preiset meine Seele den Herrn u.s.w.
 

Schlußgebet wie in der ersten Vesper.
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DIE LEGENDE VON DEN WUNDERBAREN BEGEBENHEITEN.

im Leben des hl. Ansver, wie sie sich im Munde des Volkes acht Jahrhunderte hindurch erhalten hat, wird uns in einer von dem Direktor der Domschule zu Ratzeburg, Dr. U. J. H. Becker 1841 herausgegebenen Broschüre: „Der hl. Ansverus“ in folgender Weise mitgetheilt:

„Unter den Klosterbrüdern aber war Einer mit Namen Oswaldus, welchen Ansverus sehr liebte, weil er den Namen seines Vaters führte. Als nun Ansverus einmal den Gottesdienst in der Klosterkirche verwaltete und den Leib des Herrn im Abendmahle vertheilte, so sah jener Oswaldus, daß der hl. Evangelist Johannes bei dem Altare stand und dem Ansverus verkündete, er werde über all seine Verfolger den Sieg davon tragen. Derselbe Klosterbruder sah ein anderes Mal den Herrn Jesum Christum in der Gestalt eines allerliebsten Kindes, welches eine Krone in der Hand hatte und dieselbe dem Ansverus auf s Haupt setzte. Und als dieser nachher das Gratias vor dem Altare las, so sahen mehrere seiner Brüder mit eignene Augen einen Engel Gottes mit dem Ansverus gehen, zum Zeugniß, daß Ansverus sich ganz von den Boten Gottes leiten ließe. Ja, man sagte sogar, daß Ansverus an dem verborgenen Orte, den er sich zum Gebete auserwählt, mit den Engeln verkehre. Da aber seine Brüder ihn und sein ganzes Wesen nicht begreifen und verstehen konnten, so wurde Ansverus
 

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vor den Abt und das ganze Capitel gefordert und wegen seiner ungewohnten Sitten zur Rechenschaft gezogen. Ein anderes Mal, als sie in Abwesenheit des Abtes viele Anschuldigungen vorbrachten, von denen ihn aber Manche von seinen Brüdern lossprachen, geschah es, daß diejenigen, welche bei ihrer Anklage verharrten, von einem plötzlichen Donnerschlag so niedergeworfen wurden, daß sie sich von demselben kaum wieder erholen konnten und dem Ansverus das Priesteramt, welches sie ihm früher verboten hatten, jetzt wieder antrugen. Während dieser Anklagen und Verläumdungen unterließ er es nicht, mit großer Sehnsucht und vielen Thränen in seinen Gebeten den Herrn Jesum und die Jungfrau Maria zu verehren und anzurufen. Und so geschah es denn, daß die hl Jungfrau am Altare der Klosterkirche zu St. Georg gesehen wurde, wie sie einen schönen Edelstein aus der Krone, welche sie trug, ausbrach und denselben dem hl. Ansverus auf seine Stirn drückte.

Daß aber Ansverus ein wahrhaftiger Liebhaber der hl. Dreieinigkeit war, das offenbarte sich, wie die Legende sagt, in einer Vision, welche einem Andern seiner Brüder in der Klosterkirche zu St. Georg zu Theil wurde. Es war nämlich einer der Klosterbrüder sehr krank, und ihn pflegte in seiner Krankheit ein Schüler des Ordens. Dieser aber ging, so oft er nur die Zeit dazu hatte, in die Kirche und verrichtete dort sein Gebet für sich und seinen Kranken. Einstmals nun, als er auch zu diesem Zwecke in die Kirche gegangen war und sich mit freudigem Muthe von seinem Gebete erhob, sah er den Ansverus in einer Entzückung und mit geneigtem Haupte dem Herrn dankend. Voll Staunen über solche Innigkeit des Gebetes und tief im Herzen vom Verlangen ergriffen, auch so zu Gott beten zu können, wurde der Schüler also erweckt, daß er den Ansverus die lieblichsten Gesänge mit dreifachen Stimmen aufs lieblichste singen hörte. Da verwunderte er sich noch mehr und es
 

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trieb ihn die Neugierde, daß er sich schnell ihm näherte, um zu erfahren und mit eigenen Augen zu sehen, was das wäre, und ob es DREI wären, welche da sängen. Doch auch da sah er Niemanden anders, als den Ansverus und hörte doch drei Stimmen. Aus diesem Gesicht nun, welches der Schüler hatte, merkte und schloß man, daß Ansverus in dem beschaulichen Leben ein Nachfolger des hl. Augustinus war, welcher in der hl. Dreieinigkeit drei Personen, aber nur ein Wesen verkündigte. So wie Abraham drei Männer sah und nur Einen anbetete, so sah dieser Schüler nur Einen und hörte drei. – Als Abt leitete Ansver die Schaar, welche ihm befohlen war, durch heilige Lehre und eigenes Beispiel an zu einem tugendsamen Leben in stetem Glauben und unerschütterlicher Hoffnung und seliger Liebe, so daß seine Zeitgenossen, gewohnt, ausgezeichnete Männer mit Heiligen aus der Schrift zu vergleichen, von ihm sagten, im Glauben folge er Abraham, in der Hoffnung dem rechtfertigen Simeon und in der Liebe dem Herrn Jesu Christo selbst, welcher sich der Sünder erbarmt, ihrer Reue wartet und nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er lebe. – Es geschah aber, daß sich einer der Mönche schwer vergangen hatte, wofür er von dem Abt Ansverus Strafe empfangen sollte. Ansverus aber, wohl bedenkend, daß die Gerechtigkeit eine Tugend sei, welche die Guthandelnden belohne und die Uebelthuenden bestrafe nach der Größe des Verbrechens, fürchtete, daß er entweder zu streng verfahren würde gegen den Missethäter, oder, wenn er ihn zu leicht bestrafte, daß er seine Uebertretung zu begünstigen schiene. Daher flehete er in seinem Gebete zu Jesu, daß er ihm den Sinn geben möchte, wie er die Sünde bestrafen sollte, ohne das Maaß zu überschreiten. Während er noch betete, so fiel vom Himmel eine Ruthe in seine Hand, zum Zeichen der Strafe und Züchtigung des Missethäters. Als der Missethäter nun, welcher bisher seine Uebertretung für

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unbedeutend und wenig strafbar gehalten hatte, die Größe seiner Missethat daraus erkannte, daß er in der Hand des Abtes die vom Himmel gefallene Zuchtruthe sah, so gestand er sein Verbrechen ein und bereute dasselbe so aufrichtig, daß er acht Tage lang harte Buße that und am neunten Tage im Frieden Gottes eines sanften Todes verschied. Als Ansverus dies vernahm, wandte er sich im Gebete zu Gott und fragte ihn, was er nun mit der ihm von Himmel gesandten Ruthe machen sollte. Und in demselben Augenblicke verwandelte sich die Ruthe in ein langes Wachslicht, welches mit Holz umkleidet war und welches so lange in dem Kloster vor Ratzeburg aufbewahrt wurde, bis dasselbe 1066 zerstört wurde. – In diesem Jahre kam ein Aufstand der heidnischen Obotriten und Polaben gegen ihren habsüchtigen und strengen Herzog Ordulf von Sachsen auf eine furchtbare Weise zum Ausbruch. Entsetzliche Grausamkeiten wurden verübt und selbst der König Gottschalk wurde zu Lenzen an der Elbe beim Gottesdienste in der Kirche überfallen und ermordet. Mit unerhörter Wuth fielen die heidnischen Slaven über das St. Georgskloster her und wie wilde Löwen, sagt die Legende, rissen sie voll Grausamkeit den hl. Ansverus mit seinen acht und zwanzig Klosterbrüdern aus demselben und schleppten sie nach dem etwa 2000 Schritt vom Kloster entfernten RINSBERG, wo sie den frommen Brüdern den Tod der Steinigung bereiteten. Während diese noch mit dem Tode kämpften, so überstrahlte sie Gott, zum Beweise, daß er allen Denjenigen beistehe, welche ihn in ihrer Noth anrufen, mit wunderbarem Glanze himmlischer Klarheit. Andere Christen, welche dabei standen, sahen in diesem Glanze leuchtende Schaaren von Engeln Gottes, welche die Seelen der heiligen Märtyrer mit himmlischem Gesange zur Freude des Himmels einführten. Welche Wonne, welcher Jubel war da, sagt die Legende, wo das Licht der Engel die Seelen der Märtyrer

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zur Erduldung der großen Leiden ermuthigte. Weshalb denn auch viele von den Umstehenden, ermuthigt durch die himmlische Klarheit, den Glauben der Christen und Derer bekannten, welche gesteinigt wurden und in derselben Stunde selbst auch gesteinigt ihre Seele dem Herrn befahlen. (Ausführlich wird dieses von einem Ehepaare erzählt.) Da lagen nun die Leichname der Märtyrer unbegraben, als ein frommer Priester mit einigen anderen Christen an die Stelle kam und mit heißen Thränen Gott bat, daß er ihnen nach seiner Gnade zeigen möchte, wer von den Gemordeten der Oberste und ihm Angenehmste gewesen ware, damit sie seinem Körper eine größere Ehre könnten widerfahren lassen. Da kam ihm auf den Wink Gottes in den Sinn, daß er alle Leichname in das Wasser, welches in der Nähe war, senkte mit der Bestimmung, daß der Leichnam, welcher oben schwimmen würde, der Körper des vornehmsten Märtyrers sein sollte. Sofort gingen alle Leichen der übrigen Märtyrer unter, nur die des Ansverus schwamm oben. Da aber der Priester noch zweifelte, so bat er auf’s Neue Gott, daß, wenn das Wunder wirklich wahr wäre, der Leichnam, welcher oben schwämme, untergehen und diejenigen, welche zu Grunde gegangen wären, wieder hervorkommen möchten, welches auch sogleich geschah. Sie sammelten nun alle Leichname und begruben sie in der Nähe des Ortes, wo sie gesteinigt waren, mit großer Ehrfurcht; den Leichnam des Ansver aber, welchen sie nun durch die oben erzählten Wunder erkannt hatten, begruben sie in einem gehauenen steinernen Gewölbe des Klosters, welches er bewohnt hatte. – Einige Zeit nachher, etwa ein Jahrhundert später, kam ein blinder Mann zu der Kluft und wollte sein Gebet verrichten und stieß zufällig mit seinem Fuße an das steinerne Grab des Ansverus. Da fiel er auf dasselbe mit gefalteten Händen hin und betete innig zu Gott und er ward zu derselben Stunde sehen. Aus Freude hierüber ging er

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zum Bischof Evermodus von Ratzeburg und erzählte ihm das Wunder seiner Heilung. Dieser aber versammelte viele Geistliche und Laien und Edelleute, und grub den Leichnam des Ansverus aus und brachte denselben mit großen Ehren in die Kirche zu Ratzeburg.“ In dem folgenden Capitel derselben Broschüre wird erzählt, wie der hl. Ansver nebst zwei Genossen im Jahre 1329 einer frommen Frau dreimal erschienen sei und an diese Erzählung wird die Frage angeknüpft, wann der hl. Ansver vom Papste unter die Zahl der von der Kirche verehrten Heilien aufgenommen sei. Den einzigen Anhaltspunkt hierfür bietet die Notiz in Wolterus Chron. Brem.: „Et illos martyres Adalbertus fecit canonisari per quendam suffraganeum in Raceborg annuente sibi apostolico et sacro approbante concilio.“ (Und jene Märtyrer ließ Adalbertus heilig sprechen durch einen ihm untergebenen Bischof in Ratzeburg unter Zustimmung und Genehmigung des apostolischen und heiligen Concils.) Adalbert regierte als Erzbischof von Bremen und Hamburg vom Jahre 1043 bis zum Jahre 1072. Was hier unter dem Worte „Concil“ zu verstehen sei, ist nicht recht klar, da in jener Zeit weder ein allgemeines noch ein Provinzial-Concil stattgefunden hat; vielleicht ist damit das Cardinal-Collegium des Papstes gemeint. Uebrigens ist die Angabe des Wolterus durchaus nicht so unwahrscheinlich, als die gedachte Broschüre es meint. Denn erst im Jahr 1170 wurde die Canonisation vom Papste Alexander III. als päpstliches Reservat erklärt und eine strengere Norm dafür festgesetzt, während dieselbe in den vorhergehenden Zeiten von dem Bischofe vorgenommen wurde.

Zwei Stücke sind für die Geschichte Lauenburgs besonders hervorzuheben, nämlich erstens: Das ungemein zarte und doch so populäre Bild vom hl. Ansver, wie es in der mitgetheilten Legende von dem Direktor Dr. Becker und vorgeführt ist, hat sich 800 Jahre hindurch treu im Gedächtniß

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des Volkes erhalten und gereicht deshalb sowohl dem Heiligen, wie auch dem Volke zur hohen Ehre. Zweitens: Vor diesem Bilde einigen sich die confessionell getrennten Zeiten, katholische Vergangenheit und evangelische Gegenwart; keine will sich in der Würdigung der Missionsthätigkeit ihres Glaubensboten und in der Bewunderung seines hl. Lebens von der andern übertreffen lassen. Während in katholischen Zeiten außer dem Officium im Brevier zu Ehren des hl. Ansver Seelsorgerstellen (Vikarien) gegründet, Kapellen und Altäre erbaut, eigene Gottesdienste (besonders Messen) angeordnet und in der Eidesformel der Ratzeburger Bischöfe die Namen des hl. Ansver und seiner Genossen genannt wurden, so ehrt in gegenwärtiger zeit die Lauenburgische Kirchenordnung sein Andenken durch folgende Verordnung: „Es soll alle Jahr am Sonntag nach Ansveri Tag im ganzen Fürstenthum dem lieben Gott zu Ehren eine allgemeine Danksagung von der Kanzel, wenn des Evangelii Predigt aus ist, geschehen dafür, daß Gott der Allmächtige aus lauter Güte und Gnade unsere alten Voreltern in Niedersachsen und ganzen umliegenden Wendischen Landen und Nachbarschaften von der heidnischen Abgötterei, da sie denen, welche von Natur nicht Gott waren, sondern dem leidigen Teufel dienten, errettet, und zu seinem heiligen Worte und zur Erkenntniß Gottes gebracht hat. Und soll dafür die Gemeinde dem lieben Gott zu danken ermahnt werden mit Bericht, daß Gott zeitlich diese Lande zu seiner Erkenntnis zu bringen sich gnädiglich erbarmet und soll nach solcher Erinnerung die ganze Geimeinde einhellig das Te Deum mit Andacht singen, und wenn diese Danksagung gehalten soll werden, soll der Pastor am Sonntag zuvor das Volk fleißig dabei zu sein ermahnen.“

 


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