Jahresband 1886

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


Ueber die Franzosenzeit in Lauenburg.

Von Dr. F. BERTHEAU in Ratzeburg.

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Das Herzogtum Lauenburg hat während eines nur wenig unterbrochenen Zeitraums von 10 Jahren den Druck der Fanzosenherrschaft aushalten müssen, und zwar einmal wegen seines Zusammenhangs mit dem damaligen Kurfürstentum Hannover, sodann aber auch wegen seiner Lage, da es das natürliche Bindeglied zwischen Elbe und Trave, ferner aber auch der Durchgangspaß zwischen Holstein und Mecklenburg ist. Aus dem ersteren Grunde hatte das Ländchen alle Schicksale mitzuleiden, welche Hannover, gleichsam das festländische Faustpfand der Franzosen gegen England, trafen, aus dem zweiten Grunde wurde es dem französischen Kaiserreiche einverleibt und war während der Freiheitskriege von den Bewegungen der beiderseitigen Truppen besonders heimgesucht, ja längere Zeit hindurch die Operationsbasis für das ganze Corps des Marschalls Davout 1), jenes Peinigers der alten Hansastadt Hamburg. Wir können uns jene Jahre des Druckes nicht genug ins Gedächtnis

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1) So, und nicht „Davoust“ ist der Name zu schreiben nach dem neuen Werke: Le Maréchal Davout, Prince d’Eckmühl, raconté par les Siens et par lui-même. Paris, Librairie Académique. Didier et Cie. 1880. Auch Thiers in seinem bekannten Werke schreibt so.

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zurückrufen, denn die Leiden des unglücklichen Ländchens zeigen uns so recht deutlich, was von einem energischen, gewaltthätigen Feind zu erwarten ist, der durch die Uneinigkeit und die Schwäche deutscher Männer in die deutschen Gauen eindringt. Auf der anderen Seite zeigen uns aber die Kämpfe des Jahres 1813, was unser Volk erreichen kann, wenn es sich aus langem Schlafe aufrafft, wenn die Gefahr und Not des Vaterlandes die Herzen läutert, kräftigt und zusammenführt. Denn ist auch diese Erhebung vermöge des Druckes der Fremdherrschaft zunächst nur eine räumlich beschränkte gewesen und mußte deshalb auch von außen her der mächtige russische Bundesgenosse uns beistehen, so zeigt uns doch die ganze Geschichte der Freiheitskriege, daß die aufopfernde Thatkraft und der frische Impuls sich vorzugsweise bei den Deutschen finden, mögen sie nun in eigentlich deutschen Heeren oder in deutschen Legionen fremder Heere stehen. Galt es doch auch zunächst ihre Sache, galt es doch ihre ganze Existenz, die bei einem unglücklichen Ausgang vernichtet gewesen wäre. In dem folgenden sollen jene Jahre des Druckes und der glorreichen Erhebung der Lauenburger möglichst an der Hand gleichzeitiger Berichte dargestellt werden. Teilweise sind sie schon geschildert und zwar vor allem von einem Mitkämpfer der Freiheitskriege, der als Lützower Jäger ins Feld gezogen war und später als Lehrer und Leiter am Gymnasium in Ratzeburg lange Jahre segensreich gewirkt hat, nämlich vom Direktor Zander. Schon im Jahre 1839 hat er den Krieg an der Niederelbe veröffentlicht. Die vorausgehenden Jahre der französischen Okkupation hat er im dritten Bande des Archivs für Lauenburgische Geschichte bis zum Jahre 1812 geschildert 2), die von ihm in Aussicht gestellte Darstellung

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2) Auch separat erschienen unter dem Titel: Das Herzogtum Lauenburg im Zeitraume von der französischen Occupation im Jahre 1803 bis zur Uebergabe an die Krone Dänemark im Jahre 1816, von L. L. E. Zander. Ratzeburg 1861. Nur zwei Hefte sind erschienen.


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der Zeit der Erhebung ist leider nicht erschienen. Diese eingehenden, auf gründlichem Aktenstudium beruhenden Schriften sind im folgenden vielfach benutzt worden, daneben sind noch gleichzeitige Aufzeichnungen, öffentliche und private, herangezogen worden, und dazu kommen schließlich noch einige neuere Werke.

Seit dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts war das Herzogtum Lauenburg mit Hannover vereinigt, dessen Kurfürsten seit 1714 zugleich Könige von England waren. Bisher hatte Hannover in der Regel eine neutrale Stellung in den großen Kriegen der Engländer auf dem Festlande eingenommen, wie z. B. im österreichischen Erbfolgekriege, wo der König von England sogar eine Armee gegen die Franzosen in Deutschland befehligte. 3) Bis zum Jahre 1803 hatte diese Stellung auch in den Koalitionskriegen gegen Frankreich bewahrt werden können, denn seit dem Jahre 1795 gehörte Hannover mit zu dem großen norddeutschen Neutralitätsbunde, der von Preußen aufgerichtet war. Aber was galten einem Manne wie Bonaparte völkerrechtliche Garantieen, zumal wenn sein persönlicher Haß auf das empfindlichste gereizt war? Dieser Haß aber richtete sich ja ganz besonders gegen England. Allerdings hatte er im Jahr 1802 mit demselben den Frieden zu Amiens geschlossen. Als aber trotz desselben Napoleon sich immer neue Übergriffe zu schulden kommen ließ, behielten die Engländer die Insel Malta, deren Rückgabe an den Johanniterorden im Frieden bestimmt war, und diese Maßregel führte schon zu einem bitteren Notenwechsel. Die Spannung wurde im Jahre 1803 beiderseits immer größer, und es lag sehr nahe, daß Bonaparte seinen bitteren Haß

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3) S. über das folgende: Deutsche Geschichte vom Tode Friedrich des Großen bis zur Gründung des deutschen Bundes, von Ludwig Häusser. 3. Aufl. II. Band S. 439 ff., sowie auch Zander a. a. O.

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gegen England die Bewohner von dessen festländischer Besitzung entgelten ließ, da das Inselreich selbst seines Grimmes spottete. Die Okkupation Hannovers wurde vorausgesehen, und doch geschah nichts, um dieser räuberischen, durchaus gewaltsamen Maßregel entgegenzutreten. Von London aus trafen keine bestimmten Anweisungen für die hannöversche Regierung ein, ja es wurden immer noch friedliche Aussichten gemacht, als der Krieg schon entschieden war. Was that aber Preußen, als die Franzosen sich dazu rüsteten, sich inmitten seiner Besitzungen häuslich niederzulassen? Es suchte in dieser Zeit überall durch friedliche Vermittelungen den Zwist beizulegen, während Frankreich handelte und die schwächlichen preußischen Diplomaten hinhielt und täuschte. Das war die Folge der im Jahre 1795 versprochenen Neutralität, an der nur zu lange festgehalten wurde. Die Besetzung Hannovers durch die Franzosen war auch ein Bruch des Reichsfriedens, da das Kurfürstentum ein Glied des deutschen Reiches war, welches mit Frankreich damals im Frieden lebte. Indessen wie hätte das deutsche Reich einschreiten können , welches faktisch gar nicht mehr bestand, wie konnte von einem in den letzten Zügen liegenden Körper noch energische Hülfe verlangt werden?

So war Hannover auf sich selbst angewiesen, aber auch hier war keine kräftige Leitung in diesem kritischen Moment. Die Armee, die allerdings nur 15000 Mann stark war, hatte einen guten Geist und war auf jeden Fall im Stande dem französischen Okkupationsheer hartnäckigen Widerstand zu leisten, ja vielleicht auch den Anstoß zu einer Erhebung Norddeutschlands gegen die französische Willkür und Gewaltherrschaft zu geben; ihr Befehlshaber, der Graf Wallmoden, war auch zu energischem Handeln bereit. Aber das Ministerium in Hannover zeigte sich in dieser Krisis überaus schwach und kläglich. Diese Kabinettsregierung hatte einen patriarchalischen Charakter und war in ruhigen Verhältnissen

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deshalb nicht unbeliebt, ernsten Gefahren gegenüber bewiesen indessen die leitenden Herren lange nicht genug Mut und Willensstärke. Zweierlei Anordnungen zeigen das schon zur Genüge, zunächst die am 22. April 1803 Wallmoden auf sein ernstes Bitten um kräftige Maßregeln gegebene Antwort, „man werde allerdings die Willensmeinung des Königs erfüllen, aber doch zugleich alles zu vermeiden suchen, was Ombrage und Aufsehen erregen könne,“ und sodann die fast unglaublich klingende Weisung, die später dem Feldmarschall gegeben wurde, „den Truppen nicht zu gestatten zu feuern und nur im dringendsten Notfall das Bajonett mit Moderation zu gebrauchen.“

Bei einer solchen Lage der Dinge war für einen frischen, thatkräftigen Feind alles gewonnen, und die betrübendsten Ereignisse folgten Schlag auf Schlag. Als die Franzosen schon an der Grenze standen, ließ sich das Ministerium auf Drängen Wallmodens allerdings zu der Maßregel herbei, durch einen Aufruf vom 16. Mai sämtliche Unterthanen aufzufordern, „im eintretenden Notfalle zur Rettung und Verteidigung des Vaterlandes sich unweigerlich stellen zu wollen. Sollten wider besseres Verhoffen einzelne durch die Flucht der Landesverteidigung zu entgehen suchen, so soll ein solcher unwürdiger Unterthan unausausbleiblich und ohne zu hoffende Begnadigung seines sämtlichen Vermögens und etwa noch zu hoffenden Erteils für verlustig erklärt werden.“ Eine solche rücksichtslose Drohung vonseiten einer Behörde, die bisher alles Notwendige versäumt hatte, konnte keine Wirkung mehr hervorrufen. Das ruhige, niedersächsische Volk sah darin einen Aufruf nicht in der richtigen Weise, und ein zweites Patent vom 24. Mai, in welchem das Ministerium erklärte, nie ein Volksaufgebot beabsichtigt zu haben, kam zu spät. Schon nach der Proklamation von 16. Mai hatten die jungen Leute scharenweise

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das Land verlassen, wie z. B. aus dem damals zum Herzogtum Lauenburg gehörenden Amte Neuhaus sämtliche jungen und dienstfähigen Leute, 300 an der Zahl, über die mecklenburgische Grenze gingen. 4)

Auch die erst im letzten Augenblicke erfolgte Bitte um Beistand Preußens blieb ohne Resultat, und so konnte das kleine und abgerissene feindliche Heer unter Mortier mit einer Keckheit und Zuversicht in Hannover einfallen, die sich eben nur daraus erklären läßt, daß den Franzosen die Lage der Dinge wohl bekannt war. Die hannöversche Armee stand allerdings nicht ganz vollständig an der Weser, doch auch so hätte sie mit Erfolg Widerstand leisten können, wenn nicht von vorneherein die schmähliche Nachgiebigkeit der Minister alle kräftigen Maßregeln gehemmt hätte. Nur weil die zum Zwecke von Unterhandlungen abgesandte Deputation das französische Hauptquartier nicht gleich finden konnte, kam es zu einem für die deutschen Waffen übrigens glücklichen Zusammenstoß bei Nienburg, weiteres Blutvergießen verhinderte die schandvolle Kapitulation von Suhlingen vom 3. Juni, welche die Franzosen mit leichter Mühe den regierenden Herren abgetrotzt hatten. Die hannöverschen Truppen sollten sich nach derselben hinter die Elbe zurückziehen und sich auf Ehrenwort verpflichten, während des Krieges nicht die Waffen gegen Frankreich zu tragen, ausgenommen wenn sie gegen eine gleiche Zahl französischer Truppen, die etwa in englische Gefangenschaft gerieten, ausgewechselt wären. Hannover nebst den Festungen wurde den Franzosen geöffnet, alle Geschütze, Waffen, Vorräte, alles königliche Eigentum, Domänen und öffentliche Einkünfte wurden den Feinden zur Verfügung gestellt; die französische Armee sollte auf hannoversche Kosten neu beritten gemacht werden, das Land sollte für den Sold, die Kleidung und den Unterhalt der Franzosen

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4) Zander im Archiv S. 15.

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sorgen. Außerdem war der französische General befugt, in der Regierung und den Behörden Änderungen vorzunehmen, wie sie ihm zweckmäßig erschienen, und solche Kontributionen zu erheben, welche er zur Befriedigung der Bedürfnisse der Armee für nötig erachten werde. Für den ganzen Vertrag war die Genehmigung des ersten Konsuls, also Napoleons, vorbehalten. 5) Um die Verantwortung für die nun folgenden schweren Leiden des Landes von sich abzuschieben, forderte das Kabinettsministerium alle Landschaften auf Deputierte nach Hannover zu senden, welche dort mit dem französischen General verhandeln sollten.

Mit der nun durch die Lüneburger Heide flüchtenden, teilweise demoralisierten hannöverschen Armee wurde der Schauplatz der Begebenheiten nach Lauenburg verlegt. Auch das Kabinettsministerium siedelte dort hinüber, und so wurde dieses Ländchen Zeuge der letzten schändlichen Ereignisse. Der Feldmarschall Wallmoden hatte gleich nach dem Abschlusse des Vertrages von den Unterhändlern nichts davon gehört, daß die Gültigkeit desselben noch von der Genehmigung des ersten Konsuls abhängig sei, er hatte im besten Glauben daran, daß er schon definitiv sei, alle Bestimmungen vollstreckt, also vor allem das Heer aus dem Lande hinausgeführt. Erst in Lauenburg und zwar am 15. Juni wurde ihm bekannt, daß die Kapitulation noch gar nicht endgültig genehmigt sei. Daran knüpften sich gleich andere Nachrichten, die Wallmoden dazu bewogen an ernsten Widerstand zu denken. Napoleon nämlich hatte den Vertrag dem König Georg von England zur Ratification vorlegen lassen und dabei erklärt, er werde denselben nur dann genehmigen, wenn jener dieses gethan habe und also zulasse, daß die hannöversche Armee als Tauschobjekt für die von den Engländern gemachten französischen Gefangenen angesehen

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5) Häusser a. a. O. S. 459.
 

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werde. 6) Geschehe dies nicht, so sehe man sich genötigt, das Land nach der Strenge der Kriegsgesetze zu behandeln. Der König verwarf natürlich den ohne seine Autorisation geschlossenen Vertrag seiner pflicht- und ehrvergessenen Minister, übrigens aber erklärte er, er werde, um die Lage seines Kurlandes nicht noch zu verschlimmern, sich jedes Einschreitens gegen den Vertrag enthalten. Nun erklärte Bonaprte, England habe die Ratification verweigert, also sehe sich auch Frankreich nicht mehr als durch die Kapitulation gebunden an. Die Folge davon war, daß die Franzosen sich doch insofern an dieselbe hielten, als sie Hannover im Besitz behielten, und den Vertrag nur insofern als nicht bindend betrachteten, als sie nun die hannöversche Armee ganz unschädlich zu machen suchten. Diese schien anfangs tapfer Widerstand leisten zu wollen. Wallmoden konnte auch ohne englische Hülfe mit seinem immerhin noch 10000 Mann starken Heere in der festen Stellung auf den hohen Elbufern bei Lauenburg die Franzosen am Übergange hindern; auf jeden Fall war er anfangs dazu entschlossen, die militärische Ehre durch längeren Widerstand zu retten. Auch die Soldaten waren damals noch zum Kampfe bereit, wenn auch die Verpflegung mangelhaft und durch die vorausgegangenen Ereignisse das Selbstvertrauen teilweise erschüttert war. So wurde der erste Vorschlag Mortiers eine Kapitulation zu schließen, nach welcher die Soldaten kriegsgefangen nach Frankreich geführt werden sollten, die Offiziere sich aber ihren Wohnsitz auf dem Kontinente wählen durften, wo sie wollten, durch einen in Gülzow stattfindenden Kriegsrat einstimmig zurückgewiesen. Bemerkenswert ist, daß alle Verhandlungen durch zwei hannöversche Landesdeputierte, die Herren von Lenthe und von Wangenheim, eingeleitet und zu ihrem unseligen Ausgange geführt wurden. Am

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6) Häusser a. a. O. S. 460.

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2. Juli kehrten diese mit einem Schreiben Mortiers zurück, wonach dieser auf die Wegführung der hannöverschen Truppen nach Frankreich verzichtete. Auf Drängen Mortiers, der eine schleunige Entscheidung herbeiführen wollte, erklärte Wallmoden noch am 3. Juli, daß er sehr bedaure, auf die vorgeschlagenen Bedingungen nicht eingehen zu können.

Nun aber kam es infolge des Auftretens jener beiden Landesdeputierten zu Äußerungen der Unzufriedenheit unter den Truppen, die Wallmoden das Vertrauen zu denselben nahmen und ihn zur Kapitulation führten. Die Herren von Lenthe und von Wangenheim hatten nämlich schon am 1. Juli öffentlich erklärt, daß, wenn die Truppen sich nicht verteidigten, sondern die Waffen niederlegten, sowie die Pferde und die Kanonen abgäben, die Landstände dafür sorgen wollten, daß sie ihren Unterhalt erhielten; wenn sie sich aber verteidigten und damit Unglück über das Land brächten, so hätten sie im Falle einer Niederlage vom Lande nichts zu erwarten. 7) Und in den folgenden Tagen scheint noch auf andere Weise die Kampfbegierde und der Mut der Soldaten unterdrückt worden zu sein. Es kam zu Scenen der Widersetzlichkeit gegen die Befehle der Vorgesetzten, und wenn auch die Ruhe äußerlich wieder hergestellt wurde, so mußte doch der Feldmarschall selbst, als er freundlich den Truppen zuredete, die traurige Erfahrung machen, daß „dumpfes Schweigen auf seine Rede folgte und daß das ganze Benehmen der Truppen deutlich verriet, wie wenig Eindruck die Vorstellungen ihres Feldherrn auf sie gemacht hatten.“ 8) So war das gegenseitige Vertrauen erschüttert, und wenn auch einige ihre Reue und ihre Bereitwilligkeit zu ihrer Pflicht zurückzukehren zeigten, so glaubte

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7) Zander a. a. O.
8) Dieses wörtlich nach N. Ludlow Beamish, Geschichte der königlich deutschen Legion. 2 Bände, Hannover 1832 1837. I. S. 52.

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Wallmoden doch, daß der zu einem so schweren Kampfe durchaus notwendige Geist nicht vorhanden wäre, und schloß mit Zustimmung seiner Offiziere auf einem in der Elbe festgeankerten Fahrzeuge mit Mortier die sogenannte Artlenburger Konvention. Dieselbe enthielt folgende Bedingungen: die hannöverschen Truppen sollen die Waffen niederlegen, die den Franzosen ausgeliefert werden. Das Heer wird aufgelöst, die Leute kehren in ihre Heimat zurück, verpflichten sich aber so lange nicht gegen Frankreich zu dienen, bis sie gegen französische Gefangene ausgewechselt sind. Die Offiziere behalten ihre Degen, Pferde und ihr Gepäck. Den Truppen soll bis zu ihrer Ankunft in der Heimat die nötige Subsistenz geliefert werden. Die französischen Truppen sollen sofort Lauenburg besetzen. 9) So mußten sich die Herren der hannöverschen Regierung die Schuld daran zuschreiben, daß sie ihr Land an den Feind überliefert, die an und für sich brave Armee in der schimpflichsten Weise preisgegeben und alle Lasten und Greuel einer mehrjährigen französischen Okkupation hinaufbeschworen hatten. Mit welch bitteren, schmerzlichen Gefühlen nahmen die Soldaten die Stecken in die Hand, um in die Heimat zu wandern! Viele konnten es da gar nicht aushalten, sondern hunderte verließen das Festland, ließen sich in die englisch-deutsche Legion einreihen und tilgten durch ihre tapferen Kämpfe in Spanien die so unfreiwillig auf sich genommene Schmach.

Hannover und Lauenburg blieben über zwei Jahre lang von den Franzosen besetzt. Hier interessieren uns nur die Schicksale des letzteren, welche z. T. aktenmäßig von Zander in der schon oft angeführten Schrift dargestellt sind. Nach der gerinsten Schätzung wurden Lauenburg 2000 Mann als dauernde Einquartierungslast auferlegt. War auch an und für sich diese Zahl nicht zu groß, so

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9) Zander a. a. O. S. 36.

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machten doch die ungleichmäßige Verteilung und vor allem der Übermut und die Erpressungenen der Militärverwaltung und der Offiziere diese Last zu einer außerordentlich drückenden. Einige wenige Daten werden dieses genügend zeigen.

In Mölln wurde auf die kostspieligste Art ein Hospital angelegt. Die allzu übertriebenen Forderungen des Kommissärs Jovène wurden durch ein Douceur von 50 Louisd’or etwas gemäßigt. Gegen Ende des Jahres 1803 wurde von dem Magistrate ein Verzeichnis derjenigen Kosten aufgestellt, welche die Stadt allein zu tragen hatte. Da werden aufgezählt: die Speisung der französischen Offiziere, die auf Kosten der Stadt im Gasthause verpflegt werden, weil sie nur in Gesellschaft speisen wollten, ferner die häufigen Douceurs an Beamte und Offiziere, dazu habe man dem Obersten Serret zehn Ellen blaues Tuch zur Kleidung geben müssen im Betrage von 95 Mark. Sodann gehörten dahin 500 Thl. für die Pflasterung der Pferdeställe der Husaren, dazu 216 Thl. für Hufbeschlag, endlich das für das Hospital gelieferte Brennholz, überhaupt habe die Kämmerei bereits 8000 Thl. aufgenommen und darunter 4500 Thl. in Lübeck zu sechs Procent. Bis zum 12. September 1803, also in einigen Monaten der Okkupation, hatte die Stadt 13890 Mark ausgeben müssen. – Die Stadt Lauenburg hatte den kommandierenden General zu beherbergen. Die Tafel desselben kostete täglich 22 Thl. Der General Drouet hatte bei einem 57tägigen Aufenthalt der Stadt circa 1518 Thl. gekostet. Außerdem wurde das zerbrochene Porzellan, das gestohlene Silbergerät und Leinenzeug auf mehrere hundert Thl. berechnet. – In Ratzeburg war die Lage etwas erträglicher, weil hier der Sitz der Regierung des Herzogtums war, die in dieser bedrängten Lage den französischen Gewalthabern mit Festigkeit und Ruhe entgegentrat. Indessen sehen wir, wie auch der Ratzeburger

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Magistrat sich über die großen Kosten der Verpflegung der Offiziere beklagt. Die Beköstigung war nämlich bei dem Ratskellerwirt Glüer verdungen, und zwar sollten für jeden Offizier sechs Thaler monatlich bezahlt werden, wofür Glüer auch die hannöverschen Offiziere gespeist hatte. Allein die Forderungen der Franzosen überstiegen bald jedes Maß. Sie verlangten zu jeder Mittags- und Abendmahlzeit, die beide warm sein mußten, eine ganze Flasche guten Weines, sogenannten Langkorks, die dem Wirte nicht unter 24 Schilling kam, ein für die damaligen Verhältnisse überaus hoher Preis. Zugleich mußten auch den Bedienten und fünf Ordonnanzen täglich sechs Flaschen Wein vorgesetzt werden. Ferner kamen häufig aus der Nachbarschaft Offiziere zu Besuch, die auch von der Stadt beköstigt werden mußten. So konnte Glüer für einen Monat der Stadt eine Rechnung von 1485 Mark 11 Schillinge vorlegen. Allerdings war von Hannover aus ein Regulativ für die Mahlzeiten der Offiziere erlassen, aber dieselben waren wie die Mannschaften so undiszipliniert, daß sie sich nicht darum kümmerten, sondern behaupteten, in Feindesland könnten sie nach Belieben schalten. Freilich hat die Regierung wohl nach Möglichkeit zur Erleichterung dieser Lasten beigetragen, immerhin aber blieben dieselben für das Land außerordentlich drückend. Dazu kommen die Hemmnisse, die dem Handel und Verkehr in den Weg gelegt wurden, ferner die Beschränkung der persönlichen Freiheit wie durch das Verbot aller öffentlichen Gelage mit Musik, der großen Hochzeiten, der Pfingstheische und Bauernbiere, und vor allem die Rechtsverletzungen und Gewaltthaten, denen kleinere Gemeinden und Privatpersonen ausgesetzt waren. So nahm am 3. Juli 1803 das erste Bataillon der 100. Halbbrigade in Hittbergen Quartier, die Kirche mußte zum Wachtlokal eingeräumt werden, und bei dieser Gelegenheit wurde der Gotteskasten erbrochen, und der

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Klingebeutel, an dem sich eine silberne Schelle befand, geraubt. Am 20. Juli desselben Jahres rückte in Breitenfelde eine Kompagnie Fußvolk ein, der Hauptmann befahl 280 Thl. für eine Person zusammenzubringen, wollte aber nach Empfang der Summe nicht quittieren. 10) Um von anderen Erpressungen zu schweigen, erwähne ich nur, daß sogar noch im Jahre 1804, als die gesetzliche Ordnung etwas wiederhergestellt zu sein schien, ein Husarenoffizier am Schalsee eigenmächtig Requisitionen eintrieb und u. a. von der Frau Schulte auf Niendorf unter argen Mißhandlungen 80 Louisd’or erpreßte. Beschwerden in dieser Beziehung wurden selten berücksichtigt, denn in der Regel steckten bei diesen Herren Vorgesetzte und Untergebene unter einer Decke.

Die gewaltsamen Übergriffe, die sich Napoleon, der im Jahre 1804 Kaiser geworden war, nicht nur in Hannover und Lauenburg, sondern auch namentlich in Italien zu schulden kommen ließ, führten bekanntlich zum großen Kriege der sogenannten dritten Koalition im Jahre 1805.

Am 8. September verließen die letzten Franzosen das lauenburgische Gebiet, um sich auf den süddeutschen Kriegsschauplatz zu begeben. Nur kurze Zeit aber konnten die schwer geprüften Bewohner aufatmen, denn schon im Oktober wurden neue Kriegslasten aufgelegt. Am 27. Oktober besetzte der russische General Werderefsky mit ungefähr 5000 Mann und am 5. November der General Sedmorasky mit 9 Compagnien Ratzeburg, und etwas darauf rückten die Russen auch in Mölln ein. Gleich darauf erschienen die mit diesen verbundenen Schweden, die unter dem Oberbefehl ihres Königs standen. Trotz aller Bemühungen der lauenburgischen Abgeordneten, die sogar in das schwedische Hauptquartier nach Stralsund
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10) S. Zander a. a. O. S. 50. 51.

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eilten, um die Einquartierungslasten für das ausgesogene Ländchen zu erleichtern, ließ sich der König nur zu einer geringen Entschädigung für die Leistungen der Lauenburger herbei. Und doch wäre es ihm nicht schwer gefallen mehr zu vergüten, da er von England aus bedeutende Subsidien bezog. Denn alle Unternehmungen im nördlichen Deutschland bezweckten ja vor allem die Rückeroberung Hannovers für England. Zu diesem Zwecke landete auch die englisch-deutsche Legion in Hannover.

Indessen wurden alle diese Hoffnungen schmählich vereitelt. Wohl nie hat Napoleon glänzendere Lorbeeren gepflückt als gerade in diesem Kampfe. Die Kapitulation Macks in Ulm, die Dreikaiserschlacht bei Austerlitz in Mähren warfen Oesterreich nieder, und auch der russische Koloß wurde so gebeugt, daß er sich nur mit Hülfe Preußens, von dessen Haltung jetzt das Wohl Europas abhing, hätte aufrichten können. Leider trat ja Friedrich Wilhelm III., durch schlechte Ratgeber getäuscht, der Koalition nicht bei, sondern ließ sich durch leere Versprechungen von französischer Seite hinhalten und stürzte dadurch sein Land in unsägliches Unglück. Allerdings erhielt Preußen im Frieden vom französischen Kaiser Hannover für Ansbach, Baireuth, Kleve und Neuschatel, aber jeder wußte ja, daß diese Abtretung durchaus nicht ernst gemeint sei, und Napoleon selbst suchte auch nicht einmal den äußeren Schein der Aufrichtigkeit in dieser Beziehung zu wahren. Aber zunächst nahm Preußen das Land in seine Gewalt. Im Januar des Jahres 1806 besetzte der General Graf von der Schulenburg Hannover und verkündete in einem Manifest seines Königs, daß sein ganzes Streben darauf gerichtet sei, den Krieg, welcher die hannöverschen Lande augenblicklich bedrohe, von denselben abzuhalten. In dieser Absicht habe der König mit dem Kaiser von Frankreich eine Übereinkunft getroffen, vermöge welcher die Staaten des Königs

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von Großbritannien in Deutschland von den französischen Truppen gänzlich geräumt und bis zur Abschließung des allgemeinen Friedens von ihm allein in Verwahrung und Administration genommen werden sollten. Die Engländer und Russen mußten infolgedessen Hannover räumen, Lauenburg versuchte der König Gustav IV. von Schweden als Eigentum seines Alliierten, des Königs von England, unter seinem Schutz zu behaupten. Die baren Kassenvorräte, die allerdings nicht groß waren, wurden mit Gewalt den betreffenden Beamten weggenommen, und der schwedische Befehlshaber, Graf Löwenhjelm, machte Miene das Land mit Waffengewalt zu behaupten. Indessen war er zu schwach, um an nachhaltigen und ernsten Widerstand zu denken. Die von ihm angedrohte Verteidigung bestand darin, daß der von Zarrentin aus heranrückende preußische Oberst v. Beeren bei Großzecher und Seedorf von einigen schwedischen Schüssen begrüßt wurde, daß sodann der schwedische Befehlshaber noch einmal bei Neukogel Stellung nahm, sich aber schon gleich darauf über Kittlitz nach Dutzow auf mecklenburgisches Gebiet zurückzog. Die Schweden verloren bei diesen Scharmützeln einen Toten, die Preußen hatten drei leicht Verwundete. Am 23. April 1806 rückte der Oberst von Beeren mit 948 Mann zu Fuß und 211 Reitern in Ratzeburg ein und nahm für seinen König Besitz vom Herzogtum Lauenburg. Die bisherigen hannöverschen Wappenschilder mußten mit dem preußischen Adler vertauscht werden, und die Regierung des Landes nannte sich offiziell: Von Sr. Königlichen Majestät von Preußen provisorisch bestätigte Regierung.

In ihren Bestrebungen Hannover und Lauenburg vollständig preußische Verwaltung zu geben und dieselben so einzuverleiben, wurde die preußische Regierung durch die unglückliche Doppelschlacht von Jena und Auerstädt im Jahre 1806 plötzlich gestört, und dieses so überaus traurige Ereignis hatte auch für Lauenburg ein Nachspiel

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voll der schrecklichsten Erinnerungen. Bekanntlich warf sich der tapfere Blücher, um der schimpflichen Kapitulation von Prenzlau zu entgehen und einen Teil der französischen Armee von der Oder abzuziehen, mit seinem Korps ins Mecklenburgische und zog sich unter fortwährenden Gefechten Anfang November auf Lübeck zurück. Nur mit Mühe rettete sich wenigstens ein Teil der Schweden, die damals infolge eines Vertrages mit Preußen Lauenburg besetzt hielten, der Rest mußte sich bei Slutup auf der Trave den nachsetzenden Franzosen ergeben. Denn unaufhaltsam hetzten die Marschälle Bernadotte, Soult und Murat das flüchtige Wild. Vergeblich versuchte der preußische Major v. Hövel die Feinde aufzuhalten, indem er einen Teil der langen Brücke zerstörte, die damals Ratzeburg mit dem östlichen Ufer des Sees verband. Er wurde von den Franzosen umgangen und mußte sich nach Lübeck zurückziehen, in dessen Mauern dann jener erbitterte, wütende Kampf stattfand, der die ganze Roheit der verwilderten französischen Truppen zeigt. Bekanntlich mußte Blücher nach heldenmütigem Widerstande bei Ratkau kapitulieren, weil, wie er selbst unter die Kapitulation schrieb, vollständiger Mangel an Brot und Munition herrschte.

Die trüben Novembertage des Jahre 1806 waren auch Tage des Jammers und der Not für Lauenburg. Die Einquartierungslast erreichte damals den höchsten Grad. Auf dem Hin- und Rückmarsche mußten die erbarmungslosen Feinde verpflegt werden. In den Tagen vom 8. bis zum 10. November hatte Ratzeburg allein 11400 Mann zu erhalten. Als am 14. November von der Regierung Auskunft über die geleistete Verpflegung fremder Truppen gefordert wurde, da ergab sich, daß die beiden Dörfer Zecher und Seedorf seit dem 5. November 8000 Mann, teils Fußvolk, teils Reiterei beherbergt hatten. Gleichzeitige Schilderungen aus Ratzeburg zeigen die Leiden und Qualen der Bevölkerung noch deutlicher.

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So liegt zunächst eine Schilderung über das Einrücken der Franzosen vor. Unser Gewährsmann schreibt in einem Briefe: Am Sonntag den 2. November rückten hier ca. 1800 Mann Schweden, die im ganzen Lauenburgischen gestanden, ein, um am Montag über Wismar nach Pommern zu marschieren. Die Nacht von Sonntag auf Montag kamen Stafetten, die die Nachricht brachten, daß Mecklenburg von den französischen Truppen überschwemmt sei, worauf die Schweden sich einzuschiffen auf Lübeck retiriert, am Montag Nachmittag auch mit Gewalt von Lübeck Besitz nahmen.

Am Dienstag den 3. November hörten wir schon in der Ferne den Kanonendonner näher, und zugleich die Nachricht, daß Preußen in Boitzenburg einmarschiert wären, den Abend kam der Kanonendonner näher und nun vernahm man, daß die preußische Armee bei Gadebusch bis zur Thurower Horst konzentriert stand. Die Nacht war unruhig und erwartungsvoll. Am Mittwoch Morgen kamen erst preußische Husaren, dann ein Bataillon Infanterie unter Kommando des Herzogs von Braunschweig 11) in die Stadt, setzten sich erst und ließen die Kanonen, so sie bei sich führten, auf die Wälle führen, und kaum eine Stunde später, so ging ein heftiges Gefecht vor der Stadt beim Holze und Hundebusch mit den Franzosen los, so man hier ganz deutlich vom Boden des Rathauses sehen konnte. Es wurde aus und auf die Stadt mit Kartätschen jedoch ohne große Wirkung geschossen, ein Kavalleriepiquet feuerte unaufhörlich von der langen Brücke, die ruiniert und zur Passage unbrauchbar gemacht war, auf die französischen Jäger und Tirailleurs, bis sich endlich, da die Preußen den Franzosen vor dem Thor weichen mußten, das Bataillon auch aus der Stadt zog; etwa zwei Stunden nachher gegen

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11) Es war ein Bataillon des Regiments Braunschweig.-Öls. Der Kommandeur war der obengenannte Major v. Hövel.


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Abend hörte man, daß die Franzosen bereits wieder an der Brücke arbeiteten; man schickte von Seiten der Stadt die Zimmerleute heraus, um die Brücke wiederherzustellen.

Über die Art und Weise, wie die Franzosen in Ratzeburg verfuhren, hören wir von demselben Gewährsmann folgendes: Der Abend ihres Einmarsches war zwar unruhig, indem ein Teil noch durch die Stadt marschierte, jedoch ging übrigens alles ordentlich zu. Den folgenden Donnerstag Morgen marschierten die Truppen, so die Nacht in der Stadt gewesen, aus, und nun rückte die ganze Armee des Marschalls Soult durch die Stadt, und dieses war das Signal zu einer der schrecklichsten Plünderungen. Man erbrach die Häuser von hinten und vorn und forderte, indem zehn wohl zugleich einem die Pistole auf den Leib hielten, unaufhörlich alles, was ihnen gefiel, und alles ohne Ausnahme war dabei der schrecklichsten Mißhandlung ausgesetzt. Mein Schade ist, obgleich durch möglichste Vorsicht noch etwas gerettet, über 1500 Thaler Courant gewiß anzuschlagen und so nach Verhältnis ein jeder. Alle Leute vor der Stadt, alle Dörfer, Edelhöfe u.s.w. sind alle ohne Ausnahme geplündert, alle Pferde weggenommen, das Futter und Korn weg, in Summa alles Bauer, Bürger und Edelmann gleichgemacht. Dieses heißt Egalité. Der ist noch glücklich, der die Stiefeln und seinen Rock behalten, und zwei Tage war bei den schrecklichen Durchmärschen fast kein Brot zu haben, und man schlug sich vor den Bäckerhäusern darum. Seitdem marschiert hier unaufhörlich die ganze preußische gefangene Armee, wie auch die schwedischen Truppen durch, wobei immer starke französische Eskorten sind. Der Jammer ist unbeschreiblich. Unsere Obrigkeit benimmt sich sehr bieder, thätig und gut dabei und ist jetzt Tag und Nacht permanent auf dem Rathause. Die Landstraßen sind hier voll Räuber, und mit Sicherheit kann man nicht nach dem Amte gehen. Dabei haben wir täglich

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unaufhörlich Einquartierung; in ganz Mecklenburg und Schwerin u.s.w. ist der Jammer ebenso unbeschreiblich. Und am Schlusse des Schreibens heißt es: Übrigens hat die ganze Gegend die Farbe des Schreckens angenommen, und gewiß kann ein jeder Liebhaber der französischen Freiheit sich an diesem Unglück spiegeln.

Noch näher auf die Plünderungen der Feinde geht ein anderer gleichzeitiger Bericht ein, den ich deshalb hier nicht fehlen lassen möchte. Derselbe ist von mir aus verschiedenen Briefen zusammengestellt und lautet ungefähr folgendermaßen. Fast den ganzen November war der ruhige Bürger in Gefahr in seinem Hause von der französischen Einquartierung geplündert und beraubt zu werden. Vor allem das Corps des Marschall Soult hauste schrecklich in der ausgesogenen Stadt. Kaum hatten sich die wilden Scharen nach Lübeck hingewälzt, so fluteten sie siegestrunken wieder zurück. Da lagerten Nacht für Nacht preußische und dann schwedische Gefangene bei der Stadtkirche und bei dem Dome; die Kirchen selbst reichten lange nicht zur Unterkunft aus. Da wurden von den armen, hungernden und todmüden Soldaten die Stakette losgebrochen, die Kirchenbänke zerschlagen, und die davon angefachten Feuer breiteten sich z. B. auf dem Palmberge soweit aus, daß die Besitzer der umliegenden Häuser für dieselben fürchten mußten. Jedes Haus mußte einen Scheffel gekochte Kartoffeln und zwei Pfund Salz für die Gefangenen liefern. Und in den Häusern schalteten und walteten unterdessen die siegestrunkenen, verwilderten Franzosen. Da wurden auch die letzten Vorräte aus Küche und Keller hinausgerissen; wo sich noch Lebensmittel und namentlich Getränke fanden, wurde auch für den nächsten Tag noch reichlicher Vorrat mit genommen, denn man wußte ja nicht, ob im nächsten Quartier noch überhaupt etwas zu finden war. Daß Wertsachen, ja bares Geld geraubt, daß die Fenster zerschlagen und der Hausrat

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durcheinander geworfen wurde, daß die Bewohner, namentlich wenn sie nichts mehr zu geben hatten, Mißhandlungen ausgesetzt waren, geht aus mehr als einer Schilderung hervor.

Noch gefährlicher waren die Nachzügler, die wie gierige Hyänen dem Hauptheere folgten. Da kam es einmal vor, daß die ruhigen Ratzeburger selbst zur Wehre griffen, daß Thüren und Festerläden verschlossen wurden und jeder seinen Posten im Hause zur eigenen Verteidigung faßte. Ein Teil der Marodeurs wurde noch glücklich aus der Stadt hinaustransportiert, ein anderer einzeln in Quartiere starkbewohnter Häuser verlegt, wobei jeder Wirt für seine Einquartierten verantwortlich gemacht wurde. Die Thorwachen wurden stark von Bürgern besetzt, die Brücken aufgezogen, und Patrouillen gingen umher. So wurde Ruhe und Sicherheit erhalten.

Die Durchzüge schienen gar nicht aufhören zu sollen. Kaum hatten die Ratzeburger nach den Lübecker Schreckenstagen aufgeatmet, so kamen Meldungen vom Heranmarsch neuer Scharen. Denn von Hamburg her rückte der Marschall Mortier heran, der sich nach dem Osten begab. So wurden am 25. November für die Stadt Ratzeburg doppelte Rationen und Portionen für 1000 Pferde und 7000 Mann angesagt. Diese sollten für den 27. November bereit sein. Da mußte auch dem Zuversichtlichsten der Mut sinken. Man kannte die Menschen nicht wieder. Durch die fortwährende Spannung und Aufregung, durch die vielen Nachtwachen, durch das verzweifelte Sorgen um das tägliche Brot waren dieselben vollständig abgemattet, abgemagert und hohläugig, viele wurden durch diese schweren Prüfungen auch egoistisch und hartherzig.

Und doch hatten die Landleute noch mehr zu leiden gehabt. Die zerstreut liegenden Gehöfte und Dörfer waren vor allem der Habgier der vielen Nachzügler weit mehr ausgesetzt. Da hören wir, daß Besitzer benachbarter Güter

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sich tagelang in Wäldern oder sogar im Schilfe des Schalsees verborgen gehalten haben. Mehrere flüchteten nach Hamburg, sie waren gänzlich ausgeplündert, hatten nur die Wäsche behalten, sie hatten, wie unser Berichterstatter sich ausdrückt, ganz die Contenance verloren und sahen aus wie gescheuchtes Wild, wenn sie um sich blickten. Es war eine Ängstlichkeit, mit der sie weiterfuhren, wie unser Gewährsmann sie noch nie gesehen hat. Und wie sah es auf den Höfen aus! Von Zecher heißt es, daß nichts mehr in den Ställen war, in den Häusern waren alle Möbeln, Spiegel und Fenster mutwillig zerschlagen. Und so war es allenthalben umher auf dem Lande. Da nimmt es uns kein Wunder, wenn die Landleute sich schließlich gegen die Marodeure zusammenrafften, um wenigstens die geringen Reste ihrer Habe und vor allem ihr und ihrer Frauen und Kinder Leben zu verteidigen. Es heißt: Der Landmann wird, da er nichts mehr zu verlieren hat, dreister und konsequenter auf eigene Verteidigung. Sie rottieren sich zahlreich zusammen bewaffnet mit Heugabeln und verteidigen sich gegen Nachzügler. Durch einzelne zweckmäßige Anordnungen in Dörfern und Gütern hört man auffallende Erzählungen, wie dadurch Gemeinden und Güter gegen Unglück gesichert sind.

Wenn nun auch von Ende des Jahre 1806 an die eigentlich kriegerischen Ereignisse Lauenburg für die nächste Zeit nicht mehr berührten, so mußte die Bevölkerung doch noch viel Hartes und Trauriges erleiden. Zunächst mußte das Land dieselben Schicksale ertragen wie Hannover. In dem ganzen Kurstaate wurde die französische Herrschaft eingeführt; trotz aller Bedenken mußte die lauenburgische Regierung die nach der preußischen Okkupation wieder aufgehängten Wappenschilder ihres rechtmäßigen Landesherrn mit dem französischen Adler in Goldfarbe auf weißem Grunde vertauschen. Im Anfang des Jahres 1807 wurde

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in Hannover und Lauenburg die alte Landesverfassung aufgehoben, von Hannover aus verwaltete ein französischer Gouverneur und ein französischer Intendant den ganzen früheren Kurstaat. Subdelegierter des Generalgouverneurs war für Lauenburg der Landsyndikus Gottschalk. Die Einquartierungslast war auch in dieser Zeit oft sehr drückend. Franzosen, sowie Holländer und Spanier, die unter den französischen Fahnen kämpfen mußten, durchzogen das Land und blieben zum Teil auch längere Zeit liegen. Von diesen waren die Spanier wegen ihres anspruchlosen, bescheidenen Wesens noch am liebsten gesehen. Sie gehörten zum Korps des Marquis de la Romana, das nach dem Norden marschierte. Durch Ratzeburg kamen die Regimenter Gnadalaxara, Zamora und Catalonien, sowie das Reiterregiment Algarbien. Die Bewohner hätten sie weit lieber behalten als die übermütigen Franzosen, welche eine Zeitlang Kantonementsquartiere bezogen und die unverschämtesten Forderungen stellten. 12) Die Tafel des Obersten des 23. Regiments chasseurs à cheval kostete der Stadt Ratzeburg vom 26. November 1807 bis 4. Februar 1808 1072 Thaler 8 Schillinge. Die Kosten der Tafel des Obersten Brunet beliefen sich vom 5. November 1808 bis zum 13. Januar 1809 auf 1046 Thaler 28 Schillinge, und trotzdem äußerte derselbe dem Magistrat seine Unzufriedenheit in betreff des Essens. Wie ungeheuer die Einquartierungslast speziell für Ratzeburg war, sieht man am besten daraus, daß von der Mitte Juli 1803 bis dahin 1809 296578 Soldaten und 19731 Offiziere verpflegt werden mußten. Dazu kamen noch Kontribuionen, und Zwangsanleihen, die von Hannover und Lauenburg aufzubringen waren. Ein harter Schlag war es auch, daß sämtliche Domänen für kaiserliche Krondomänen erklärt wurden, aus deren Einkünften dann die größten Dotationen an die kaiserlichen Marschälle und Minister verliehen wurden.
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12) S. Zander a. a. O. 317.

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Betrachten wir nur die den lauenburgischen Domänen aufgelegten Leistungen. Der Marschall Duroc erhielt aus den Ämtern Steinhorst und Ratzeburg 85000 Francs, der Marschall Rey aus den Ämtern Lauenburg und Ratzeburg 83000 Francs, der General Bisson aus dem Amte Neuhaus 30000 Francs, der Ceremonienmeister Graf Segur aus dem Amte Schwarzenbek 20000 Francs. Im ganzen gingen allein auf diese Weise aus dem Lauenburgischen 218000 Francs ins Ausland. Den Beamten konnte so ihr Einkommen nicht mehr ganz bezahlt werden, die Regierungsbeamten waren schon auf die Hälfte ihres baren Gehalts hinabgekommen. Dazu kam, daß die Lebensmittel außerordentlich teuer waren. Einmal bewirkte das die Kontinentalsperre, durch welche bekanntlich die Einfuhr aller englischen Manufakturwaren verboten und auf die Kolonialwaren ein so hoher Zoll gelegt wurde, daß z. B. in Mitteldeutschland der Konsument sein Pfund Kaffee und Zucker mit einem und dreiviertel Thalern bezahlen mußte. Dazu kam noch Mißwachs, so daß namentlich der Bauernstand fast zur Verzweiflung gebracht wurde.

Im Jahre 1810 entgingen die Lauenburger nur mit genauer Not dem Schicksal, dem Königreich Westfalen einverleibt zu werden. Merkwürdiger Weise war es ein Franzose, der dieses vom Lande fernhielt, nämlich der Generaldirektor der Domänen, d’Aubignosc. Am 10. Mai war der Traktat Napoleons mit Jerôme von Westfalen wegen der übergabe Hannovers an diesen abgeschlossen worden, mit der Klausel, daß vom ganzen Lande nichts ausgenommen wäre als 15000 Seelen im Lauenburgischen, welche sich der Kaiser reserviert habe und welche ausgemittelt werden sollten. 13) Durch einen hohen Beamten Jerômes

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13) Dieses und das folgende ist entnommen aus der Schrift: Erinnerungen aus Hannover und Hamburg aus den Jahren 1803-1813 von einem Zeitgenossen. Leipzig und Hannover, Verlag der Helwingschen



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wurde diese Nachricht auf einer Theesoirée, die im Hause der Madame d’Aubignosc stattfand, verbreitet, und der Herr des Hauses hatte nichts Eiligeres zu thun, als noch in derselben Nacht nach Lauenburg abzureisen, um die Annektion dieses Landes durch Jerôme zu verhindern. Was d’Aubignosc dazu vermocht hat, dem westfälischen Könige diesen recht unangenehmen Streich zu spielen, steht nicht ganz fest. Entweder trieb ihn Ehrgeiz dazu, weil er Intendant von Lauenburg werden wollte, oder er war von Jerôme geringschätzig behandelt und suchte sich auf diese Weise zu rächen. 14) Auf jeden Fall hatte d’Aubignosc die Genugthuung seinen Plan vollständig gelingen zu sehen. Während er mit der Regierung zu Cassel wegen der Abteilung jener 15000 Seelen in möglichst weitläufiger Weise verhandelte, machte er Napoleon darauf aufmerksam, daß Lauenburg in westfälischen Händen der Durchführung der Kontinentalsperre nur hinderlich sein könnte und daß das Ländchen deshalb besser ganz unter des Kaisers Administration zu bleiben hätte. Er hatte eben den Plan, die Intendanz von Lauenburg zu erhalten. Die kaiserliche Entscheidung blieb längere Zeit aus, und während dieser Frist regierte sozusagen d’Aubignosc das Ländchen, denn Jerôme mußte natürlich ruhig den Entschluß seines Bruders abwarten. Das Ländchen befand sich unter der Leitung des „Intendanten des Herzogtums Lauenburg und Generaldirektors der Domänen,“ denn so unterzeichnete sich d’Aubignosc,

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Hofbuchhandlung, 1843. Nach Zander a. a. O. 321 Anm., ist jetzt erwiesen, daß der Verfasser Mierzinsky heißt. Das erst am 10. Mai der Abschluß des Traktats stattfand, bezweifelt Zander a. a. O. 329 Anm., da schon am 1. März der französische Minister Reinhard in Hannover die abgetretenen Landesteile an die westfälischen Bevollmächtigten übergab.

14) Die letztere Nachricht findet sich im vaterländischen Archiv III, 1 S. 104 und zwar in der Lebensbeschreibung des Amtsmanns Compe.

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verhältnismäßig wohl. Derselbe wird als ein kluger, im ganzen wohlwollender Mann geschildert, der stattlich von Person und freundlich in seinem Wesen war. Er wohnte auf dem Schlosse zu Lauenburg und fühlte sich „wie ein kleiner König unter dem gutmütigen Völkchen.“ Natürlich nahm er vor allem die Interessen seines kaiserlichen Herrn wahr, in dessen Fiskus die Überschüsse der Kassen wanderten, im übrigen aber ließ er die Zivil- und Justizverfassung des Landes im gewohnten Gange und nahm gern die Ratschläge sach- und ortskundiger Männer an, wie namentlich die des Amtmann Compe in Schwarzenbek. 15) Dieser Zustand dauerte aber nicht lange. Vielleicht ist Napoleon durch d’Aubignosc Winke inbezug auf die Durchführung der Kontinentalsperre mit dazu veranlaßt worden, am Ende des Jahres 1810 das Dekret zu erlassen, welches mit Recht als Höhepunkt der herrschenden Willkür und als äußerster Grad der allgemeinen Rechtlosigkeit bezeichnet worden ist. Am 18. Dezember nämlich wurde das nordwestliche Deutschland bis zur Mündung der Trave dem französischen Kaiserreiche einverleibt. Es sollten drei Departements eingerichtet werden, das der oberen Ems, der Wesermündung und der Elbmündung. Zu dem letzteren wurde Lauenburg geschlagen. General-Gouverneur aller Departements wurde Davout, Präfekt des Departements der Elbmündungen de Koningk, der in Hamburg seinen Sitz hatte, Lauenburg gehörte zu dem Arrondissement Lübeck, wo ein Unterpräfekt wohnte. In den sechs lauenburgischen Cantons wurden Maires und Maire-Adjoints ernannt. Mit fast unglaublicher Geschwindigkeit wurden französische Verwaltung, Justiz, Steuerwesen, Gesetzgebung, Konscription und Polizei eingeführt und den Niedersachsen aufgezwungen. Am 4. Juli 1811 wurde das kaiserliche

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15) S. das Archiv a. a. O.

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Dekret über die Organisation der hanseatischen Departements veröffentlicht. Die bestehende gerichtliche Organisation wurde ganz aufgehoben, vom Tage der Einsetzung des kaiserlichen Gerichtshofes an, soll die Justiz in den drei Departements nach den allgemeinen Gesetzen des Reichs und durch die einzuführenden Tribunäle verwaltet werden. Dieser höchste Gerichtshof war in Hamburg. Die Räte an demselben hatten 5000 Francs, der erste Präsident und der Generalprokurateur 25000 Francs Einkommen. Wir finden da außerdem Kammerpräsidenten, Conseillers, Auditeurs, Generaladvokaten und Substituten, ferner den Greffier en chef (Hauptgerichtsschreiber) und seine Commis, weiter eine Reihe avoués (Sachwalter) und eine ganze Schar Huissiers (Gerichtsdiener). Diese französischen Namen finden sich zum Teil auch bei den niederen Gerichten. Was sollte sich aber der niedersächsische Bauer bei den Suppléants (Stellvertretern) und dem Greffier eines Friedensrichters denken? Äußerst gewaltsam ist die Bestimmung über den Gebrauch der deutschen Sprache. Da heißt es (cap. XII): Die deutsche Sprache kann zugleich mit der französischen in den Tribunalen und bei öffentlichen und Privataktenstücken gebraucht werden. Diejenigen, welche beim Enregistrement (Eintragungsamt) Akten, sowohl öffentliche als unter Privatunterschrift, in deutscher Sprache einreichen, sind gehalten auf ihre oder auf Kosten ihrer Committenten eine durch einen geschworenen Translator bestätigte Übersetzung dieser Akten dabei zu liefern.

Die Steuern waren sehr drückend und zum Teil ganz neu. Außer der Grundsteuer und der Personalsteuer mußten Abgaben von Mobilien, Thüren und Fenstern bezahlt werden, dazu kamen die indirekten Steuern, die auf Tabak, Salz und fast allen Lebensbedürfnissen lasteten. Und welchen tiefen Schmerz und Kummer wurde den neuen Unterthanen durch das so einfach klingende IV. Kapitel des V. Titels bereitet.

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Die Konscription wird in jedem der Departements gemäß den Gesetzen und den Reglements eingeführt, welche diesen Gegenstand in den übrigen Departements des Reiches betreffen! Auch die französische Polizei mit ihrer Spionage und Erpressung war die unvermeidliche Beigabe der Bonapartischen Herrschaft, und gerade im nördlichen Deutschland sehen wir die größte Brutalität, lästige und schamlose Visitationen, ein entsittlichtes Denunziantenwesen, die größte Habgier der höheren und niederen Organe, die für Geld allem Recht und Gesetz Hohn sprechen. Fürwahr die Fesseln waren fest angezogen, und die Erbitterung war so groß, daß selbst Napoleons Vasallen, ja sein eigner Bruder, der leichtsinnige Jerôme, ängstlich fragten, ob eine solche Herrschaft Bestand haben könnte. Und auf Rußlands Schneefeldern erblich der Stern des Tyrannen, von Norden her brach hell der Freiheit Licht hervor. Es kam die glorreiche Zeit der Erhebung, es nahte die herrliche Zeit der Freiheitskriege.

Die Kämpfe in Lauenburg und in dessen nächster Umgebung sind durchaus nicht großartig und direkt entscheidend gewesen, sie tragen vielmehr fast durchweg den Charakter des kleinen Krieges an sich. Indessen haben sie doch insofern allgemeine Bedeutung , als ein überlegenes französisches Heer durch kleinere, deutsche Abteilungen daran gehindert wurde, gegen Berlin vorzurücken und dadurch auf die Entscheidung auf dem großen Kriegsschauplatz einen höchst bedenklichen Einfluß auszuüben. Für Lauenburg aber haben diese Kämpfe ein ganz hervorragendes lokales Interesse, die Herbstmonate des Jahres 1813 sind ein sehr bedeutungsvolles Stück aus der Geschichte des Ländchens. Denn eine ganze Zeitlang wer dasselbe der Stützpunkt der französischen Streitmacht und der Schauplatz verschiedener Kämpfe.

Anfangs allerdings hatte es den Anschein, als wenn durch die leichten Streifscharen der Russen die französische Herrschaft an der Elbe wie Spreu vom Winde weggeweht

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würde. Wer hätte nicht von dem begeisterten Empfang gehört, der den bärtigen Baschkiren und Kosaken des russischen Obersten Tettenborn überall zuteil wurde, von dem Jauchzen und dem Entzücken der Kinder, deren Lieblinge die Lanzenreiter waren, von dem Jubel und der freudigen Begeisterung der Erwachsenen, welche die reisigen Scharen als die ersehnten Freiheitsboten betrachteten und im Freudenrausche gar nicht an eine Wiederkehr und an blutige Rache der Franzosen dachten? In Hamburg, das besonders unter der Napoleonischen Zwingherrschaft gelitten hatte, schlug Tettenborn am 18. März sein Hauptquartier auf, von hier aus suchte er die sich überall erhebenden Streitkräfte Norddeutschland zu organisieren. Damals bildeten sich die Scharen der Hanseaten, das hannöversche Jägerkoprs, die mecklenburgischen Bataillon und auch das lauenburgische Feldbataillon. Rührend war die Opferwilligkeit der Behörden, sowie auch der sämtlichen Kreise der Bevölkerung. Wir können uns diese Tage nicht genug ins Gedächtnis zurückrufen, und es wäre entschiden sehr angebracht gewesen, hier zu schildern, wie sich die Erhebung der Lauenburger im einzelnen zeigte. Leider aber sind für Lauenburg speziell fast gar keine nähere Nachrichten zur Verfügung gewesen. Daß indessen auch hier sich die Bevölkerung rege an dem großen Werke der Erhebung beteiligte, sehen wir aus dem Dankschreiben, welches der Oberst von Berger, der Organisator des lauenburgischen Bataillons, im Hamburger Korrespondenten veröffentlicht. Dasselbe ist vom 12. April aus Schwarzenbek datiert und lautet folgendermaßen: Allen Lauenburgern sage ich meinen innigen Dank für ihre thätige, edelmütige Mitwirkung zu dem Gelingen des wichtigen Werks, zu dem die Sache der Menschheit uns berief. Ihnen, deutsche Frauen, edle Landsmänninnen, gebührt er besonders. Sie wollten nicht zuückbleiben hinter jenen stolzen, von Vaterlandsliebe

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entglühten Römerinnen, die auf den Altar der bedrohten Republik niederlegten, was sie Kostbares besaßen. Dies war ihr schönes Ziel, und Sie haben es erreicht, indem Sie das unter meiner Leitung gebildete Korps Lauenburgischer Freiwilliger mit einem großen Teile seiner Bedürfnisse versahen.

Hoch verehren ich und meine Waffengefährten, was Sie Gutes uns gethan; innig danken wir es Ihnen. A. von Berger, Königl. Großbritannischer Major und Commandeur eines Bataillons der Hannöverschen Legion.

Eben jener Hamburger Korrespondent liefert uns aber äußerst interessante Nachrichten über die damalige Opferwilligkeit der Hamburger, und da ja die Lauenburger diesen entschieden inbezug auf Patriotismus nicht nachgestanden haben, wie ja auch aus jenem Dankschreiben hervorgeht, so läßt sich aus der Betrachtung jener Verhältnisse ein Rückschluß auf die lauenburgischen machen. Deshalb sollen hier einige besonders charakteristische Einzelheiten angeführt werden. Wie die Lauenburger für ihr Feldbataillon beisteuerten, so rüsteten die Hamburger die hanseatische Legion aus, welche nach dem im Korrespondenten vom 23. März befindlichen Aufruf aus Freiwilligen der drei Hansestädte gebildet werden soll. Die Wohlhabenden haben die Pflicht sich selbst zu equipieren, die, welchen die Mittel dazu fehlen, sollen aus einer besonders dazu errichteten Kasse ausgestattet werden. Und da strömten nun die Gaben von alt und jung, von hoch und niedrig zusammen, und es ist interessant, ja erhebend einige solche Gabenverzeichnisse zu betrachten. So heißt es z. B. am 1. April:

V. a. St. Sch. 100 Mk Cour., zwei deutsche Mädchen: ein Paar Ohrgehänge mit ächten Perlen, ein Paar dito kleinere, eine goldene Venetianische Kette, zwei goldene Ketten mit zwei Paar Armbändern.

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Am 2. April:

Von Herrn von Ehrenstein im Namen der Grundschen Erben ein völlig equipiertes Pferd mit der vollen Armatur eines Mannes.

Und unter demselben Datum finden sich Gaben von vier Kindern aus ihren Spartöpfen (nämlich vier Spezies-Dukaten), von sechs minderjährigen Geschwistern, von sieben Dienstmädchen (17 Mark), ferner: von einer alten Person 1 Spezies Thlr., einer Wäscherein 15 Mark, einer neuen Hamburgerin 10 dänische Kronen (21 Mark 4 Schilling), einer Witwe ein silberner Theekessel mit Spritlampe (144 Lot) aus gutem Herzen von einer Armen 1 alter Rubel, der Witwe Schiwelbuschin 2 Paar silberne Schnallen und 4 Mark.

Bei der Equipierungskommission abgegeben u. a.:

Von Emma M. und ihren drei Brüdern, die wegen zarter Jugend nicht persönlich zur Verteidigung des Vaterlandes mitwirken können, aus ihren Sparbüchsen 22 Holländische Dukaten, G. von Hostrup lieferte die vollständige Ausrüstung eines Kavalleristen, J. A. B. Bedienter 11 Mk., von vier jungen Mädchen 18 Hemden, von einer Hausmutter 12 Hemden, von mehreren Ungenannten 50 Hemden.

Und eine ganze Reihe solcher Verzeichnisse ist erhalten. Alle Stände bringen mit einer seltenen Opferwilligkeit ihre Gaben auf dem Altar des Vaterlandes dar, Bediente und Mädchen die vielleicht für das Alter zusammengesparten Pfennige, Witwen ihre einzige Kostbarkeit, oft eine wertvolle Erinnerung an vergangene bessere Tage, Kinder den Inhalt ihrer Sparbüchsen. Auch Beutestücke wurden zu dem großen, schönen Zwecke abgeliefert, wie folgende Angabe vom 11. Mai zeigt: Von Heinrich Siegmund Amandus Klühn, wohnhaft auf Rodenburgsort, freiwilliger Jäger, die gemachte Beute von einem von ihm erschossenen Douanen-Lieutenant bei der Wilhelmsburger Mühle den 9. Mai und


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welcher überdem noch 4 Gefangene gemacht, 2 Mann getötet und einen blessiert hat; die Beute von dem Lieutenant besteht in einem Paar silberner Schuh- und ein Paar Beinschnallen und 5 Dutzend diversen silbernen Knöpfen als Geschenk für die hanseatische Legion eingeliefert.

In welcher Weise dargebrachte Schmucksachen verwertet wurden, zeigt folgende Anzeige: Eine junge deutsche Frau, deren Vermögens-Umstände ihr nicht erlauben, einen ansehnlichen Beitrag zur Errichtung der hanseatischen Legion darzubringen, hat einem ihrer Bekannten eine goldene Kette zu diesem Behufe eingehändigt. Dieser, welcher diese Gabe möglichst für das Allgemeine zu benutzen wünscht, hat sie bei dem Goldschmid Herrn Möller unter der Voraussetzung niedergelegt, daß es vielleicht manchem deutschen Patrioten angenehm sein könnte diesen Beweis edlen kraftvollen deutschen Biedersinnes zu besitzen. Sie wird also acht volle Tage dort zur Ansicht liegen bleiben und demjenigen nach Ablauf dieser Zeit ausgeliefert werden, der den höchsten Bot darauf gethan haben wird. Zur Nachricht dient, daß bereits fünf Friedrichsd’or darauf geboten sind. Auch sonst finden wir, wie durch spekulative Köpfe solche an und für sich nicht zu benutzende rührende Gaben meistbietend an reichere Patrioten verkauft werden.

Interessant ist auch die Tagesliteratur, die so ganz und gar dem idealen Interesse der Begeisterung zum Patriotismus und dem praktischem Bedürnisse der militärischen Ausbildung diente. So werden aus dem Verlage der Hoffmannschen Buchhandlung in Hamburg folgende Schriften ausgeboten:

Wie lehrt man auf eine leichte, schnelle und durchaus nicht kostspielige Art den Schützen des Treffen? Zum Gebrauch für Jäger und Soldaten von C. von Jasmund. 4 Schilling.

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Kriegslieder der Deutschen. Zum Besten der Errichtung der königlich preußischen schwarzen freiwilligen Schar, 1 Mark 8 Schilling.

Feldtaschenbuch für junge Freiwillige u.s.w., oder Anleitung sich für den Felddienst, besonders den der leichten Truppen, in kurzer Zeit selbst zu bilden, von Julius von Voß, 1 Mk. 8 Schill.

Eine reiche Auslese von patriotischen Schriften enthält auch folgende Anzeige:

In der Grundschen Zeitungsexpedition, Neueburg Nr. 33, durch alle Buchhandlungen und Postämter und in den Zeitungsladen zu haben:

An das deutsche Volk, 4 Schillinge.
An die Preußen, 4 Schillinge.
An die Hamburger, 2 Schillinge.
An die Lübecker, 2 Schillinge.
An die Bewohner des linken Ufers der Nieder-Elbe, 2 Schillinge.

Publikandum in betreff des französischen Staats- und Gouvernements-Eigentums und wegen freier Schiffahrt nach Englang. 2 Schillinge.

Bekanntmachung in betreff der Errichtung einer hanseatischen Legion. 2 Schillinge.

Was bedeutet Landwehr und Landsturm? 4 Schillinge.

Am zehnten März 1813. Allen Deutschen zur Erinnerung und Beherzigung. Auf Groß-Median-Schreibpapier 4 Schillinge. Auf dünnerem Papier 2 Schillinge.

Der Flußgott Niemen und noch jemand. Ein Freudenspiel in Knittelversen von A. von Kotzebue. 8 Schillinge.

Eine besonders empfohlene Schrift ist das Heergerät für die hanseatische Legion, Hamburg bei Perthes 1813. dieselbe ist so charakteristisch für die warme Begeisterung der damaligen Zeit, daß es sich wohl verlohnt etwas auf den Inhalt einzugehen. Das Motto sind jene Worte aus

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Schillers Tell: Wir stiften keinen neun Bund, es ist ein uralt Bündnis nur von Väter Zeit, das wir erneuern. Es wird dann nachgewiesen, daß die drei Hansestädte jetzt einen alten Bund erneuern, den Bund, der von 1241 bis 1630 bestanden hat. Auf die zwischen Lübeck, Bremen und Hamburg 1630 vollzogene Bundeserneuerung, so heißt es auf Seite 16 der kleinen Schrift, folgte eine ganz neue, fremdartige Zeit, und eine gänzliche Ruhe der hanseatischen Waffen bis auf diesen Augenblick der Wiedergeburt. Während jener Zeit der Ruhe, heißt es weiter auf S. 19, finden wir die Kriegsgeschichte der Hansa sich auflösen in den langweiligen Garnisonannalen der einzelnen Städte. Die Zeit der Allongenperrücken trat ein. Der sonst so ritterliche Bürger hing seinen Degen an die Wand und griff zur Schlafmütze. Die Ekelnamen Spießbürger und Philister bezeichneten den Übergang. Ja das von der wehrhaften Burg abstammende altehrwürdige Wort Bürger verlor seine ganze kriegerische Bedeutung oder wurde lächerlich darin.

Mit einem ganz wunderbaren Feuer und mit der glühendsten Begeisterung werden dann den Hanseaten die Pflichten vorgeschrieben, welche der Kampf für das Vaterland erfordert. So heißt es S. 26: Nun wackere Hanseaten! Gott ist für Euch. Er sei auch in Euch. Gott und Eure Geliebten (und darin Eure Heimat) im Herzen tretet dem Feinde kühn unter die Augen. Er sicht nicht fürs Vaterland, sondern für einen Eroberer, nicht für Freiheit, sondern für eigene Sklaverei oder für Raubanteil. Ihr aber, die Ihr kämpfen wollt, „Gott dem Allmächtigen zu Ehren, dem heiligen deutschen Reiche und Gemeinen Vaterlande zum Nutzen und zur Verteidigung reichsmäßiger innerer Freiheit und Verfassung“, kämpfet Eurer gerechten Sache und Eurer tapferen Vorfahren eingedenk, mutig und freudig. Darum mit Gott hinein in die neue Hermannsschlacht.

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Und Seite 27 sagt der Verfasser: Ach, hätte ich eines Engels Zunge, Ihr Krieger meines Vaterlandes, Euch auszuschütten meines Herzens Innerstes und meiner Gedanken Fülle, wie ichs meine mit Euch und Eurer erhabenen Bestimmung! Aber ich habe nur Menschenwort dafür und wenig dem Geschäftsgedränge abgemüßigte Stunden. Wirklich erhebend sind die Worte über den Tod für das Vaterland. Jedes Gerechten Tod, sagt der Verfasser, muß den Geist fördern zu größerer Herrlichkeit, aber der Tod fürs Vaterland stellt sich dem menschlichen Auge in einer ganz besonderen Verklärung dar, so daß er oft auch bei den rohesten Völkern ein Gegenstand edlen Neides und unsterblichen Ruhmes war.

Und am Schluß des Ganzen befinden sich die Worte aus Wilhelm Tell: Dann, auf die Feinde stürzt wie Wetterstrahl und brecht den Bau der Tyrannei zusammen.

Die damalige Tageslitteratur war also eine überaus reiche. Es wurden auch eigene Zeitungen gegründet, wie z. B. in Hamburg der russische Courier, von welchem einige Nummern vorgelegen haben. Als Titelbild dient ein Kosacke mit eingelegter Lanze. Der Inhalt ist überaus mannigfaltig, immer aber sehr charakteristisch für die damalige Zeit. Da finden wir zunächst einen Aufsatz über die Macht und den Einfluß der Handelsstaaten in früherer Zeit mit dem für Hamburg leider etwas voreilig gedichteten Vers:

Ja, eh’ er kömmt der liebliche Mai
Ist unsere Elbe völlig frei!
Dann eilt auf freien Meereswogen,
Die sein geschäft’ger Kiel durchzogen,
Das Schiff zum glücklichen Gewinn
Nach allen Zonen fröhlich hin,
Und mit der bunten Wimpel Wehn
Erscheint uns neues Wohlergehn.

Gerade Ende Mai wurde ja die verhaßte Fremdherrschaft in Hamburg wieder eingeführt.

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Ferner ist im russischen Courier der Aufruf der preußischen Prinzessinnen veröffentlicht, der die Gründung eines Frauenvereins bezweckte. Durch freiwillige Geschenke sollen die Krieger ausgerüstet und später die Verwundeten gepflegt werden. Die Schlußworte lauten: Die Beiträge werden von jedem ohne Ausnahme an die Prinzessin Wilhelm von Preußen eingesandt, und das Museum zu Berlin hat das Einsammeln der goldenen Fingerringe übernommen; jeder der einen goldenen Trauring überbringt, erhält dafür einen von Eisen mit der Inschrift: Gold gab ich für Eisen.

Daneben finden wir politische Berichte und militärische Anekdoten, namentlich über die Kosacken. Zum Teil ist der Inhalt scherzhaft, wie z. B. das Lied der Berliner Nachtwächer in der Nacht vom 3. zum 4. März 1813, in welcher die Franzosen Berlin verließen.

Da lautet der erste Vers:

Hört, Ihr Herren, und laßt Euch sagen,
Frohes hat sich zugetragen,
Es muß nicht alles sicher sein;
Die Franzosen packen ein.
'S hat zehn geschlagen.

Und die beiden letzten Verse lauten:

Hört Ihr Freund’ und laßt Euch sagen,
Bald seht Ihr Kosacken jagen.
Und der Franzmann flieht und bebt,
Wenn der Kantschuh sich erhebt.
'S hat drei geschlagen.

Darum laß uns nicht mehr klagen,
Jedes Herz kann freier schlagen.
Füllt die Gläser jetzt mit Wein,
Denn wir leeren sie allein.
'S hat vier geschlagen.

Sehr harmlos, aber doch auch charakteristisch sind folgende Anekdoten: Man hat den Vorschlag gemacht, Napoleon

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nicht mehr l’Empereur des Français, sonder l’Enterreur (Begraber, Totengräber) des Français zu nennen. – Den Verheißungen Napoleons darf man nur zur Hälfte Glauben beimessen; denn so hat er z. B. seiner Armee in Rußland Winterquartiere versprochen. Der Winter ist der Armee zu teil geworden, aber nicht die Quartiere. – Auf der Insel Ceylon findet sich eine Schlange, Pimbera genannt, die bisweilen einen ganzen Rehbock verschlingt. Dann stechen aber die Hörner des Rehbocks ihr den Magen durch, und sie stirbt am Raube. Vielleicht erleben wir bald ein ähnliches Beispiel.

Wenn aber so auch der Humor bisweilen seine Blüten trieb, so war doch der Grundzug jener Zeit ein tief ernster. Es war eben nicht nur ein bald verrauchender Begeisterungssturm, sondern jeder deutsche Mann hatte die feste, tiefe Überzeugung, daß jetzt oder nie das Joch der Napoleonischen Herrschaft abgeschüttelt werden und daß dazu alles Gut und Blut aufgeopfert werden müßte. Gerade der Niedersachse ist nicht so leicht für solche Ideen empfänglich wie der Süddeutsche, aber dafür ist die Begeisterung, wenn sie ihn einmal ergriffen hat, auch tiefer und anhaltender als bei jenem. Nachdem wir so den Charakter jener Zeit an einigen kleineren Zügen kennen gelernt haben, kehren wir zur Geschichte Lauenburgs in jenen Tagen zurück.

Wie schon gesagt, war das lauenburgische Feldbataillon vom Obersten von Berger organisiert worden. Derselbe hatte bei der englisch-deutschen Legion gedient, war aber durch die Anstrengungen des Feldzuges in Spanien und durch eine bei Talavera im Jahre 1809 erhaltene Wunde so geschwächt, daß er sich ins Privatleben zurückziehen mußte. 16) Auf die Kunde vom Marsche Tettenborns

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16) S. Zander, Krieg an der Nieder-Elbe S. 83, von jetzt an einfach als „Zander“ zitiert.

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nach Hamburg hatte sich indessen das alte Soldatenblut und vor allem der Haß gegen die Franzosen wieder geregt, er hielt es nicht länger bei seinen Verwandten in Mecklenburg aus, sondern eilte nach Hamburg. Hier bat er den damals zum General beförderten Tettenborn um die Erlaubnis, in Lauenburg eine Abteilung Fußvolk zu organisieren, und erhielt auch dieselbe, sowie die Aussicht auf Unterstützung. In verhältnismäßig kurzer Zeit wurde das Bataillon gesammelt, uniformiert und von England aus bewaffnet. Im April leistete dasselbe in Bergedorf auf Befehl des Prinzregenten den englischen Diensteid, damit es bei vorkommenden Fällen vom Feinde als reguläre Truppe behandelt würde. Schon im Mai hatte die nur sehr notdürftig ausgebildete Schar Gelegenheit sich an der Verteidigung Hamburgs zu beteiligen.

Es ist ja allgemein bekannt, wie auf die fröhlichen begeisterten Märztage eine lange Zeit der tiefsten Not und Bedrängnis für Hamburg folgte. Für Tettenborn war es eben unmöglich mit seinen 1500 Kosacken die Stadt zu verteidigen, auf deren Besitz die Franzosen den größten Wert legten. Und wenn auch die erst jüngst organisierten Bataillone der Hanseaten, Hannoveraner, Mecklenburger und Lauenburger den besten Willen zeigten, so waren sie doch auf die Dauer nicht imstande, den weit überlegenen franzosischen Scharen zu widerstehen. Dazu bedürfte es größerer geübter, regulärer Abteilungen, die aber nur von Dänemark oder von Schweden aus zu erwarten waren. Aber da wurde die unglückliche Stadt durch die selbstsüchtige schwedische Politik preisgegeben. Der Kronprinz von Schweden sandte keine größeren Heeresabteilungen zur Unterstützung, ja die kleineren Abteilungen, die auf eigne Hand zum Schutze der unglücklichen Stadt herbeigeeilt waren, wurden von ihm ins Mecklenburgische zurückbeordert. Am traurigsten aber war, daß auch den Dänen, welche anfangs

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sehr dazu bereit waren, den Hamburgern beizustehen, durch die selbstsüchtige schwedische Politik die Möglichkeit dazu genommen wurde. Denn die Schweden wollten jenen Norwegen entreißen, und um dieses zu behaupten, sahen sich die Dänen auf die Seite der Franzosen hinübergedrängt, die ihnen damals allein gegen die Habgier der nordischen Nachbarn beistehen konnten, weil die verbündeten europäischen Mächte auf der Seite der letzteren standen. Wird finden sie daher während des ganzen Jahres 1813 auf feindlicher Seite.

So mußte Tettenborn am 26. Mai die unglückliche Stadt ihrem Schicksale überlassen. Am 31. rückte Davout ein, und nun begann jene Unglückszeit für die Hamburger, die eines jeden Deutschen Herz mit Scham, Zorn und Entrüstung erfüllen muß. Am schrecklichsten wurden bekanntlich die Leiden, als Davout im Winter die offene Stadt befestigte, die Bank raubte und die nicht Verproviantierten ins Elend des rauhen Winters hinausstieß. Von der Mitte August an hielt sich der französische Marschall meistens im Lauenburgischen auf, denn er hatte vom Kaiser Napoleon den Auftrag bekommen, das dreizehnte Armeekorps zu organisieren, und dann mit diesem, sowie mit den 12000 Mann, welche Dänemark vertragsmäßig stellen mußte, „den Kronprinzen von Schweden in seinen Verbindungen mit Pommern zu beunruhigen und sich bereit zu halten, die Fortschritte, die das französische Korps, welches auf Berlin zuging machen könnte, zu unterstützen.“ 17) Um diese Aufgabe Davout’s recht zu verstehen und zu würdigen, müssen wir uns die Stellung und den Kriegsplan der verbündeten

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17) Wörtlich nach dem Memoire des Herrn Marschalls Davout, Fürsten von Eckmühl an den König. 1814. Separat erschienen, aber auch enthalten in den Europäischen Annalen. Jahrgang 1814, S. 104 ff.

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Heere nach dem Waffenstillstand im Jahre 1813, der vom 4. Juni bis 17. August dauerte, genauer vor Augen führen. Drei Heere standen der Armee Napoleons gegenüber: die Nordarmee unter dem Kronprinzen von Schweden, dem früheren französischen Marschall Bernadotte, die schlesische Armee unter dem kühnen und ewig rastlosen Marschall Blücher und die große böhmische Armee unter dem Fürsten Schwarzenberg. Falls Napoleon gegen eine von den drei Armeen einen Vorstoß machte, sollten die übrigen beiden vorrücken und seine Stellung in Sachsen bedrohen. Nun sehen wir während des ganzen Verlaufes des Kampfes das Streben des französischen Kaisers hervortreten, Berlin zu erobern. Zweimal ließ er größere Heere auf diese Stadt vordringen, zuerst unter Oudinot und dann unter Ney, und wenn es an dem Kronprinzen von Schweden gelegen hätte, der kein Herz für die deutsche Sache besaß, so wäre die Hauptstadt des preußischen Staates dem Überfall eines erbarmungslosen Feindes preisgegeben und damit der ganze Kriegsplan der Verbündeten in sehr empfindlicher Weise gestört worden. Bekanntlich warf sich der preußische General von Bülow zweimal mit dem größten Mut und der größten Aufopferung den mit Übermacht anstürmenden Feinden entgegen und schlug sie zurück. Diese Unternehmungen gegen Berlin wären aber noch viel gefährlicher geworden, wenn sie, wie Napoleon es wollte, von Davout energisch unterstützt worden wären. Es steht vollständig fest, daß dieses Napoleons Absicht war, 18) und Davout selbst schreibt nach der Einnahme Lauenburgs am 19. August, daß dadurch sehr erleichtert würde, was er thun müßte, um die Befehle des Kaisers auszuführen. 19) Und am 21. August spricht

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18) S. Zander S. 206 ff.
19) S. seinen Brief von 19. August in dem ganz im Eingange angeführten neuen Werke, dem auch die folgenden Briefe entnommen sind.

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er sogar die Hoffnung aus, daß die Vereinigung sich bald vollziehen würde.

Wenn nun dieser gefährliche Plan nicht durchgeführt worden ist, so haben doch vor allem die Streitkräfte, welche den Franzosen an der Nieder-Elbe gegenüberstanden, hierzu beigetragen. Napoleon spricht sich über dieselben sehr verächtlich aus, und allerdings waren auch die Truppen des Generallieutenants Grafen von Wallmoden-Gimborn, der auf diesem Teile des Kriegsschauplatzes den Oberbefehl hatte, sehr bunt zusammengewürfelt und zum großen Teil auch sehr wenig ausgebildet. Das Heer bestand aus vier Kosackenregimentern, aus der russisch-deutschen Legion, welche noch während des russischen Feldzuges in Rußland zum großen Teil aus gefangenen Deutschen gebildet worden war, 20) aus dem Lützowschen Freikorps, das ursprünglich auf dem großen Kriegsschauplatz gestanden hatte, vom Kronprinzen von Schweden aber an die Niederelbe geschickt war, ferner aus englischen Truppen, dem Bataillon Dessau, aus Hannoveranern, Hanseaten, Mecklenburgern und schließlich aus einer schwedischen Division unter General Vegesack. Das lauenburgische Bataillon gehörte natürlich mit zu den hannöverschen Truppen. Wenn nun die 3000 Mann, welche die Besatzung Stralsunds bildeten, von der Armee Wallmodens abgezogen werden, so ergiebt sich eine Gesamtstärke von ungefähr 27000 Mann. Das Heer Davouts bestand aus 3 Divisionen unter den Generälen Loison, Pecheux und Thiebault und aus dem dänischen Kontingent. Wenn auch diese Truppen zum großen Teil noch ungeübt waren, so hatten sie doch auf jeden Fall das numerische Übergewicht auf ihrer Seite, mindestens im September, Oktober und November. 21)

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20) S. über die Entstehung derselben Barthold von Quistorp, die Kaiserlich Russisch-Deutsche Legion. Berlin, 1860.
21) Zander 169.

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Wer den Gang der Kämpfe, die am 17. August eröffnet wurden, im einzelnen kennen lernen will, den muß ich auf das Werk Zanders verweisen. Hier kann es nur meine Aufgabe sein, den Verlauf der Begebenheiten kurz zu schildern. Blos da, wo durch neue veröffentlichte Quellen ein etwas helleres Licht auf die einzelnen Thatsachen fällt, sowie da, wo gleichzeitige Schilderungen aus Lauenburg ein genaueres Bild der dortigen Zustände ergeben, wird von jenem Verfahren abgewichen werden. Fast in dem ganzen Kriege an der Niederelbe sehen wir auf Davouts Seite eine große Unentschlossenheit, die an Zaghaftigkeit grenzt. Dieses ist um so wunderbarer, als er im Anfang des Kampfes Erfolge davon trägt, die nach seinen eigenen Schilderungen nicht gerade mit Mühe und mit viel Blutvergießen errungen sind. Gleich nach Ablauf des Waffenstillstandes bemächtigt er sich der Stecknitzlinie, und findet nur bei Lauenburg von Seiten der Lützower etwas ernsteren Widerstand, der durch „ziemlich bedeutende Befestigungen“ vor der Stadt erleichtert wurde. Den eigenen Verlust giebt Davout aber als unbedeutend an, während er den der Feinde auf 300 oder 400 Tote und Verwundete schätzt. Dieses stimmt nicht mit der Angabe des dänischen Majors und Grafen von Danneskiold-Löwendal 22), welcher von ungefähr 300 toten und verwundeten

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22) Der Feldzug an der Niederelbe in den Jahren 1813 und 1814, von einem Augenzeugen, dem Königlich Dänischen Major und Grafen von Danneskiold-Löwendal, übersetzt und mit einigen Anmerkungen u. s. w. versehen von F. H. v. Jahn, S. 59. – Jene Angaben Davouts sind einem Briefe an seine Gemahlin entnommen. An den Kaiser berichtet er über das Gefecht folgendes: In Mölln fand sich eine kleine Abteilung Kosacken, welche überrascht worden ist. Dem General Pecheux ist bei Lauenburg Widerstand begegnet, er hat Stellung genommen. (Dieses geschah am 17. August). Am 18. habe ich mich dorthin begeben. Der Feind hatte Schanzen vor dieser Stadt besetzt. Ich habe einen nächtlichen Angriff durch das dritte Bataillon des 30. Re-

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Franzosen spricht und welcher doch mindestens unparteiisch ist. Nach der Eroberung Lauenburgs und Mölln setzte der Marschall seinen Marsch nach Osten fort, wandte sich aber nach einem Gefecht bei Vellahn zwischen Hagenow und Boizenburg nach dem Norden und besetzte, wie er selbst sagt, unerwartet Schwerin. Er hatte entschieden die Absicht auf Stralsund zu marschieren, that indessen in der nächsten Zeit fast nichts, um diesen Plan zu verwirklichen. Seiner Gemahlin schreibt er am 29. August: Du wirst finden, daß ich mich hier sehr lange aufhalte; ich muß hier wichtige Ereignisse abwarten, welche schon stattgefunden haben müssen, deren Resultat ich aber noch nicht kenne. Die Verbindung mit Hamburg nahm Davout von Schwerin aus über Gadebusch und Ratzeburg. Sie wurde aber durch die leichten Reiterscharen Wallmodens vielfach gestört, denn dieselben machten verschiedene Überfälle auf französische Proviantkolonnen. Bei einem derselben fiel in der Nähe von Rosenberg (zwischen Gadebusch und Schwerin) der begeisterte Sänger der Freiheitskriege Theodor Körner. Da auf diese Weise seine Rückzugslinie gefährdet war, brach Davout in der

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giments machen lassen, welcher einen vollständigen Erfolg hatte. Das Bataillon ist zwischen den Redouten mitten in ihrem Feuer durchgegangen und ist, ohne einen Schuß zu thun, in die Stadt vorgerückt. Der Angriff ist durch einen meiner Adjutanten geleitet. Unser Verlust beträgt vier oder fünf Tote und hundert (fast alle leicht) Verwundete. Der Feind hat die Dunkelheit benutzt, um sich nach allen Richtungen zu retten. Man hat ihm hundert Gefangene abgenommen. Der Verlust des Feindes hat in den Tagen am 18. und 19. 50 Tote, beinahe 400 Verwundete und 100 Gefangene betragen. – Es ist erklärlich, daß Davout nichts von dem hartnäckigen Gefechte vor der Stadt, sondern nur von dem, übrigens nach Zander durch zwei Bataillone, unternommenen nächtlichen Überfalle und der dadurch herbeigeführten Überrumpelung der Lützower erzählt. Das Zahlenverhältnis der toten zu den verwundeten Franzosen ist auffallend. Vom Gewehr konnte wegen des starken Regens nicht Gebrauch gemacht werden.

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Nach des 2. September von Schwerin auf und sammelte am 3. und 4. September seine Streitkräfte bei Ratzeburg, Mölln und Lauenburg in einer Stellung, die er von nun an längere Zeit behauptet hat. Kurz vor seinem Abzuuge schreibt er an seine Gemahlin, daß die großen und entscheidenden Erfolge, welche der Kaiser bei Dresden (am 27. August) davon getragen hätte, überall nur glücklich Folgen haben könnten. Am folgenden Tage rechtfertigt er sich in einem Schreiben aus Ratzeburg wegen des Rückzuges, der allerdings mit dem Schreiben des vorigen Tages sich nicht recht vereinigen ließ. Nicht der Feind, so schreibt er, habe ihn dazu gezwungen sich zu konzentrieren und eine gute Stellung zu nehmen, sondern er habe Schwerin verlassen müssen, wo er „ohne Objekt“ gewesen sei, weil der Marsch nach Berlin einmal aufgeschoben wäre. Indessen würden die entscheidenden Ereignisse von Dresden bewirken, daß derselbe nächstens wieder aufgenommen würde. Am 5. und 7. September entschuldigte er gleichsam, ebenfalls seiner Gemahlin gegenüber, sein Warten damit, daß er erst genaue Kunde von den Bewegungen des Marschalls Oudinot gegen Berlin haben müßte, etwas später drückte er sich allgemeiner aus insofern, als er schreibt, er wäre bereit aufzubrechen, wenn er wüßte, „daß man gegen Berlin marschierte.“ Am 13. September ist hiervon nicht mehr die Rede, da heißt es nur, daß er immer noch wartet und inzwischen Holstein und Hamburg deckte. Wunderbarer Weise aber schreibt er in demselben Briefe: Bisher SCHEINT die feindliche Infanterie zu entfernt zu sein, als daß es sich der Mühe verlohnte, diese „gute Position“ zu verlassen.

Dieses ganze Verfahren Davouts ist höchst merkwürdig. Allerdings war ja die Stellung, die er eingenommen hatte, gut, oder wie er sich später ausdrückt, „ausgezeichnet.“ Dieselbe dehnte sich von der Trave bis an die Elbe aus und bedurfte trotz dieser Länge wegen der Beschaffenheit

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des Terrains nicht allzu vieler künstlicher Befestigungen und auch nicht einer großen Armee zur Verteidigung. von dem stark besetzten Lübeck bis nach Ratzeburg hin deckten die Franzosen und Dänen die Wackenitz mit ihren tiefen und breiten Wiesen und der große Ratzeburger See. Am schwächsten war an und für sich die Stellung von Ratzeburg nach Mölln hin, diese Stadt selbst aber bot einen festen Stützpunkt dar, weil sie von Anhöhen und Seeen umgeben ist. Von dort bis Lauenburg dienten der Stecknitzkanal und die Delvenau zur Deckung, die durch Überschwemmung der anliegenden Wiesen noch unpassierbarer gemacht waren. Außerdem ist das rechte, also das damals von den Franzosen besetzte, Ufer noch geschützter durch eine Höhe, die nach Lauenburg hin ansteigt, während auf dem linken Ufer eine flache Niederung liegt. Wo die Natur nicht schon genug gethan hatte, wurde durch Schanzen nachgeholfen, und zwar, wie aus dem Obigen schon hervorgeht, am meisten in der Nähe von Ratzeburg, wo deshalb auch die Hauptkräfte Davouts konzentriert waren.

Wenn aber auch diese Stellung fest war und im Laufe der Zeit durch künstliche Mittel immer fester wurde, so ist es doch auffallend, daß der Marschall dieselbe so hartnäckig behauptete. Sein Mitwirken bei einem Vorstoß auf Berlin mußte ja allerdings wegen des Verlauf der Ereignisse auf dem großen Kriegsschauplatze aufgegeben werden. Nachdem am 23. August der Marschall Oudinot bei Groß-Beeren und nachdem am 6. September der Marschall Ney, der kühnste Feldherr Napoleons, bei Dennewitz geschlagen war, stand der französische Kaiser von seinen Versuchen, Berlin zu erobern, ab. Aber selbst als Davouts Mitwirkung in der Beziehung überflüssig wurde, hätte er die Offensive ergreifen können und müssen, um die Verbindung des Kronprinzen von Schweden mit Pommern zu stören. Seine Worte aus dem Briefe am 13. September,

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daß die feindliche Infanterie zu entfernt zu sein SCHEINE, als daß es sich verlohnte, die gute Position zu verlassen, deuten auf eine sehr starke Überschätzung des Gegners hin. Allerdings verfügte Wallmoden über eine zahlreiche leichte Reiterei, wäre es aber für Davout nicht möglich gewesen, den Schleier, mit dem diese die Stellung der Verbündeten überzog zu lüften? Hätte er das früher und energischer gethan, so würde er wahrscheinlich durch Erkenntnis der Schwäche der Feinde zur Offensive ermutigt sein, die bis zur großen Entscheidung bei Leipzig am 18. Oktober doch noch nicht ganz aussichtslos war.

Aber alles, was Davout im September gegen die ihm gegenüberstehenden Truppen that, war zunächst ein Versuch das linke Elbufer von den umherziehenden Streifkorps der Verbündeten zu reinigen und sodann damit im Zusammenhang eine größere Rekognoszierung nach der Gegend von Zarrenthin, also nach dem Südende des Schalsees hin. Verrät auch das erstere noch eine gewisse Thatkraft, so wurde es doch nicht konsequent genug durchgeführt. Das Unternehmen wurde dadurch eingeleitet, daß der General Pecheux mit einem Teil seiner Division beim Zollenspeicher in der Nähe von Bergedorf über die Elbe gesandt wurde. Wallmoden aber war rechtzeitig von dem Plane Davouts benachrichtigt und zog mit der größten Kühnheit den größten Teil seiner Truppen aus der bisherigen Stellung Davout gegenüber weg, setzte denselben bei Dömitz über die Elbe und unternahm einen starken Vorstoß gegen die Göhrde, den bekannten Wald in der Nähe von Dannenberg, bis wohin Pecheux vorgedrungen war. Dieses führte am 16. September zu dem für die Verbündeten siegreichen Treffen an der Göhrde. Der Bericht, den Davout darüber an seine Gemahlin macht, ist nur insofern wahrheitsgetreu, als die Franzosen in der That in der Minderzahl waren. Die Angabe aber, daß Pecheux nur vier Bataillone bei

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sich hatte, ist wohl etwas anzuzweifeln, und ganz falsch ist, daß die Franzosen dem Feinde nur Tote und Verwundete und „sehr wenig“ Gefangene zurückgelassen hätten, denn die Zahl der Gefangenen belief sich auf 18- bis 1900. 23)

Während dieser Tage standen den mindestens dreimal überlegenen Franzosen nur 9- bis 10000 Verbündete gegenüber und zwar auf einem Raume von 9 bis 10 Meilen zerstreut. Und in diesem gewiß kritischen Moment ließ es Dovout entschieden an der nötigen Thatkraft fehlen. Wie leicht hätte er die vor ihm stehenden Truppen vernichten und auf dem rechten Ufer der Elbe die größten Vorteile erringen können! Wie verloren war z. B. der Posten in Zarrenthin, der nur aus 1500 Lützowern, 400 hanseatischen Reitern und 120 Kosacken bestand und durch keine Befestigung gedeckt war! Aber alles, was die französische Hauptmacht von Ratzeburg aus dagegen that, beschränkte sich auf eine größere Rekognoszierung und zwar erst am 18. September. Davout selbst, sowie der Prinz Friedrich von Hessen, der Oberbefehlshaber der Dänen, nahmen an derselben teil. Das Resultat war bei der Schwäche der Feinde vorauszusehen, dieselben wurden mit leichter Mühe aus ihrer Stellung vertrieben. Und doch rückten die Franzosen und Dänen nicht weiter vor, sondern begaben sich schon am 19. September nach Ratzeburg zurück. Es ist das um so auffallender, als Davout die Schwäche der Feinde wohl erkannt hatt. Er schreibt nämlich von Zarrenthin aus am 19. September an seine Gemahlin: Ich habe deinen Brief gestern nicht beantworten können, da ich rekognoszieren wollte, was es von Feinden hier gäbe. Das hat mich den ganzen Tag beschäftigt. Man hatte die Streitkräfte übertrieben; was sich hier befand, ist zurückgeschlagen worden.

Infolge dieser Unthätigkeit Davouts konnte Wallmoden jetzt seine alte Stellung wieder einnehmen, und seine Kühnheit

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23) Zander S. 219 und 224.


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war von dem schönsten Erfolge gekrönt worden. Von nun an ist der französische Befehlshaber nicht mehr aus der Defensive herausgetreten und macht auch selbst aus seiner großen Vorliebe für seine Stellung gar kein Hehl. So schreibt er am 19. September: Wir sind hier in einer ausgezeichneten Position, welche ich nicht verlassen werde trotz aller Schmähungen des Feindes, welcher mich genug verkennt, um zu vermuten, daß ich empfindlich bin gegen die gedruckten Schmähschriften, welche er in dem Lande zwischen Weser und Elbe verbreitet. Es ist wahrscheinlich, daß diese Schriften (wenn sie nicht aus seinem Kabinett hervorgehen) autorisiert sind durch den Marschall Bernadotte (den Kronprinzen von Schweden). Wenn Davout hier von Schmähschriften spricht, so bezieht sich das wohl vor allem auf die Zeitung aus dem Feldlager, welche im Hauptquartier Tettenborns erschien und den Anwohnern der Niederelbe möglichst schnell die Ereignisse vom Kriegsschauplatze übermitteln wollte, zum Teil aber auch boshafte Bemerkungen gegen Davout enthielt. So wurde er bald als Robinson, bald als Eremit von Ratzeburg bezeichnet, und in der That war seine Unthätigkeit und sein Festhalten an der einmal gewählten Position höchst auffallend. Seine Gemahlin suchte er am 1. Oktober damit zu beruhigen, daß bis dahin das Korps, dessen Kommando der Kaiser ihm anvertraut habe, noch nicht geschlagen sei, aber dieses war doch nur ein mäßiger Trost. Hatte Davout durch sein Behaupten einer festen Position doch zu einer Schlacht gar keine Gelegenheit gegeben. Eben deshalb aber hatte sein Korps für Napoleon bisher fast gar keinen Wert, wenigstens keinen direkten Nutzen gehabt.

Und doch hätte Davout mehr wagen können. Denn daß er den Verbündeten wohl gewachsen war, zeigen die Ereignisse des 6. und 7. Oktober. Am 6. Oktober wurde nämlich Schönberg und von Rehna aus durch Abteilungen

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des Generals Vegesack die Stellung Davouts bei Ratzeburg angegriffen. Zu gleicher Zeit wurde auch bei Büchen der Übergang über die Delvenau zu erzwingen versucht. Alle diese Angriffe schlugen fehl, obwohl die Franzosen zum Teil auf offenem Felde angetroffen wurden, ja die mecklenburgischen Jäger, welche unter dem General Vegesack standen, hatten sogar ganz empfindliche Verluste, da sie umgangen und gegen das große zwischen Resdorf und Molzahn liegende Moor gedrängt wurden. Die 1. 3. und 4. Kompagnie verloren allein 3 Offiziere, 11 Oberjäger und 87 Gemeine an Toten, Verwundeten und Gefangenen. 24) Es ist wohl nicht übertrieben, wenn Davout schreibt, daß die Verbündeten allein am 6. Oktober 4 oder 500 Tote und Verwundete hatten und das 125 Gefangene in seine Hände geraten wären. Am 7. Oktober machte dann der General Dörnberg von Zarrenthin aus einen Vorstoß gegen Ratzeburg, wurde aber am weißen Hirsch vollständig zurückgeschlagen und büßte etwa 60 Gefangene ein.

Da sich so die Stellung Davouts als zu fest erwiesen hatte und da aus diesen kleinen Gefechten schon hervorgegangen war, daß ein umfassender Angriff auf dieselbe ganz unverhältnismäßig große Verluste herbeiführen würde, so suchte Wallmoden durch Streifzüge auf dem linken Elbufer Davout womöglich zum Verlasen seiner Position zu bewegen. So bemächtigte sich der kühne Tettenborn Bremens und that von Verden aus den Franzosen viel Abbruch. Doch die Verhältnisse auf dem rechten Elbufer blieben dieselben, der Eremit von Ratzeburg versichert immer wieder seine Gemahlin, daß seine Stellung eine ausgezeichnete ist und daß er es für seine Hauptpflicht hält, dem Kaiser Kaiser Hamburg zu erhalten und Holstein zu decken. Von

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24) S. eine neuere Beschreibung dieses Treffens bei Hugo von Boddien: Die Mecklenburgischen Freiwilligen-Jäger-Regimenter. Ludwiglust 1863, S. 104 ff.


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den Bewegungen Tettenborns schreibt er allerdings auch, mißt ihnen aber keine große militärische Bedeutung bei, ja am 19. Oktober spricht er das große Wort aus, daß die Verbündeten allerdings das Land zwischen Hamburg und Weser beunruhigen, aber nichts an seiner Position ändern können, welche „sehr gut ist.“

Auch als nach der Schlacht bei Leipzig der Kronprinz von Schweden nach dem Norden zog, um den Dänen Holstein zu entreißen und sie so zum Verzicht auf Norwegen zu bewegen, hielt sich Davout noch eine ganze Zeit in seiner festen Stellung. Erst gegen Mitte November faßte er den Entschluß, das Lager bei Ratzeburg zu räumen und ließ, um den Rückzug zu maskieren, den Feind auf verschiedenen Stellen angreifen. In der nach des 12. November verließ der größte Teil der Franzosen Ratzeburg, am Morgen des 13. wurde das Verlassen des Lagers bei Mechow bemerkt, Davout versuchte aber durch Verbrennen der Brücke nach dem östlichen Seeufer die Verfolgung aufzuhalten. Da dieses indessen wegen des Regenwetters fehlschlug, ließ er wenigstens an einigen Stellen die Brücke aufbrechen. Dieselbe wurde von den Bürgern aber wieder hergestellt, und am 14. November besetzten die Hanseaten Ratzeburg. Nun versuchte Davout noch Mölln und die Stecknitzlinie zu halten und schlug einen allzu kühnen Angriff der Hanseaten auf jene Stadt vollständig zurück. Zum Andenken an dieses Treffen, das letzte größere auf lauenburgischen Boden ist das bekannte Hanseatendenkmal dicht bei Mölln errichtet worden.

Davouts Lage wurde nun immer bedenklicher. Er war allmählich vollständig abgeschnitten und konnte auch einem von Gouvion St. Cyr aus Dresden gesandten Befehle, mit der Hauptmasse seiner Truppen nach Holland aufzubrechen, nicht mehr folgen. Dem Kronprinzen von Schweden, welcher ihm einen Abzug unter ehrenvollen Bedingungen


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und sicherem Geleite vorschlug, erklärte er, er wolle sich lieber unter den Trümmern von Hamburg begraben, als auf einen Vorschlag derart eingehen. 25) Als dann aber Bernadotte sich zu einem energischen Angriff auf die Stecknitzstellung rüstete, zog sich Davout hinter die Bille zurück und schloß sich am 3. Dezember in Hamburg ein. Die Dänen, seine von ihm so vielfach gelobten Verbündeten, ließ er so vollständig in Stich und gab sie den Angriffen des weit überlegenen Kronprinzen von Schweden preis, dem es ja auch schon im Januar des folgenden Jahres durch den Kieler Frieden gelang, Norwegen zu erwerben.

Die Franzosenzeit für Lauenburg hatte so endlich aufgehört, und es bleibt nur noch übrig, das Schicksal der Bewohner während dieser letzten mehrmonatlichen Okkupation zu schildern. 26) Die oben beschriebene Stellung Davouts war am schwächsten in dem Raume zwischen dem kleinen Ratzeburger See und Mölln, und deshalb hatte er da, wie auch schon eben erwähnt, die stärksten Verschanzungen angelegt. Sein Hauptquartier war Ratzeburg, daselbst war auch der dänische Oberbefehlshaber, der Prinz von Hessen, außerdem befanden sich auch die Hospitäler, Magazine und die Bäckerei hier. Die Besatzung bestand aus zwei dänischen Bataillons und einer französischen Grenadierkompagnie, sowie aus so viel Kavallerie und Artillerie, als überhaupt unterzubringen war. Außerdem aber hielten sich auch die im lager erkrankten Offiziere in der Stadt auf. Davout befolgte das Prinzip, jene beiden Truppengattungen, wenn irgend möglich, in größeren Orten wirklich einzuquartieren, währen die Infanterie entweder auf Vorposten liegen oder Barackenlager beziehen mußte. Kleinere Schanzen befanden sich noch bei Lauenburg, Büchen und Mölln, auch Lübeck und Grönau waren

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25) S. Zander S. 266.
26) Die folgende Schilderung ist zusammengestellt aus Zander, Löwendal und aus gleichzeitigen Aufzeichnungen.


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besetzt, daß erstere war zum Teil neu verschanzt, teilweise aber auch durch die wiederhergestelten Wälle geschützt. Die lange Einquartierung war für alle diese Orte überaus lästig, im allgemeinen aber war da, wo höhere Offiziere kommandierten, die Zucht noch am besten.

Schlimmer war es auf dem Lande. Alles, was hier irgendwie zum Bau der Baracken und der Schanzen gebraucht werden konnte, sowie vor allem, was zum Lebensunterhalt diente, wurde rücksichtslos weggenommen. Die schönen Waldungen wurden unbarmherzig gelichtet. Denn die Bäume wurden zunächst zur Herstellung der Baracken gebraucht. In dem Bauen derselben waren die Franzosen Meister. Als Balken dienten rohe Baumstämme oder Latten, die Zwischenräume wurden mit Reisig, Weidenzweigen und Stroh verflochten und mit Laub und Erde so fest ausgestopft, daß eine Wand von 6 bis 8 Zoll Dicke entstand, die ziemlich dicht war und gegen die Witterung Schutz gewährte. Es läßt sich leicht denken, daß die Soldaten, die in ganz kurzer Zeit diese Hütten bauen mußten, alles, was sie gerade fanden, dazu nahmen und daß infolgedessen Stroh oder auch Korn von den Feldern oder aus den Scheunen, ja sogar Obstbäume aus den Gärten herbeigeholt wurden. Zur Einrichtung von Sitzen und Bänken innerhalb und außerhalb der Hütten mußten Stakete und andere Gartenbefriedigungen dienen. Das größte Lager war vor Ratzeburg, und zwar auf der großen Ebene östlich und südöstlich von dieser Stadt, eine Art Vorpostenlager befand sich in der Nähe des weißen Hirschen, eines wichtigen Knotenpunktes. Hier lag ein Teil der Dänen. Die Hütten derselben waren nach einer gleichzeitigen Schilderung zum Teil groß und geräumig, dicht und warm, sie waren von Holz aufgeführt und dann mit Stroh fest verflochten, inwendig befand sich ein Ofen, der von außen geheizt wurde, und an einer Seite ein hohes Bett von Stroh errichtet. Die Hauptmacht der

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Dänen lagerte dicht bei den Franzosen in der Nähe von Ziethen.

Natürlich war auch zu den Verschanzungen viel Holz nötig. Ganz besonders scheint der Weg nach Mustin befestigt gewesen zu sein, denn nach einer Beschreibung schützten auf dieser Seite die Franzosen zuerst Pallisaden und dann noch eine, allerdings nicht ganz fertig gestellte, dreifache Schanzenlinie. Vor allem waren hier viele Tannen abgehauen, teils um zu Pallisaden verarbeitet zu werden, teils aber auch nur, um über den Weg gelegt zu werden und so natürliche Hindernisse zu bilden. Die Wege waren außerdem alle absichtlich verdorben. Und solche Schanzenlinien, wenn auch nicht ganz in derselben Stärke, fanden sich bei Ratzeburg mehrfach. Eine war auf der Straße nach Gadebusch, also etwas nördlich von der eben geschilderten, eine andere in der Richtung nach Mechow, eine auch auf dem Wege nach der Bäk. Auf dem rechten Flügel, also mehr nach dem Süden, lagerten die Dänen, auf dem linken die französische Division Loison. Daß die ersteren auch ihre Stellung bei Salem befestigt hatten, ist ja selbstverständlich.

Wenn wir nun ferner bedenken, daß das Ländchen Lauenburg fast ausschließlich die über 20000 Mann starke Arme der Franzosen und der Dänen mehrere Monate lang ernähren mußte, so können wir uns wohl erklären, daß auch die letzten Vorräte an Getreide und anderen Früchten, daß vor allen Dingen auch das Vieh, und ganz besonders die Pferde während dieser Okkupation geopfert werden mußten. Wäre das immer durch regelmäßige und von oben her befohlene Requisitionen geschehen, so könnte man Davout gerade keine besonderen Vorwürfe daraus machen. Stellenweise aber wurde dieses Aussaugesystem besonders drückend, da es häufig von den Soldaten auf eigene Hand ausgeübt wurde. Und am tiefsten mußte der Krieg mit seinen furchtbaren Lasten in den Gegenden empfunden werden,

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die zwischen den Stellungen der beiden Heere lagen und die von keinem der beiden Teile fest besetzt waren. Dieses Schicksal hatten die Dörfer Mustin, Sterley, Dargow, vor allem aber auch die Dörfer am Schalsee, wie Groß- und Klein-Zecher und Seedorf. In diesen erschienen beide Parteien und suchten die größten Requisitionen beizutreiben. Da kam es speziell am Schalsee wohl vor, daß von den Dänen brieflich bei Strafe militärischer Exekution drückende Lieferungen verlangt waren, während die Kosacken umherschwärmten. So war man auf der einen Seite den Mißhandlungen dieser ausgesetzt, wenn die verlangten Gegenstände geliefert wurden, auf der anderen Seite aber mußte man auch die Repressionsmaßregeln der Dänen fürchten, wenn sie einmal wieder vorrückten, was bei ihrer Übermacht leicht geschehen konnte. Alles Vieh, was nicht über den Schalsee oder auf Inseln desselben gerettet war, fiel den Feinden oder auch den Freunden in die Hände, selbst die Kühe der armen Tagelöhner wurden von den ersteren weggeführt, und wo sich die Eigentümer irgendwie sträubten, da wurden dieselben durch Kolbenstöße oder auf andere Weise mißhandelt.

Damit kommen wir auf das Gebiet der persönlichen Angriffe und Mißhandlungen. In dieser Beziehung scheinen die Dänen menschlicher verfahren zu sein, sie hielten nur Leute fest, um von ihnen etwas zu erfahren, wobei sie aber oft zu eigenem Nachteile belogen wurden, oder aber auch, um von ihnen Geld zu erpressen. Als längst gesuchte Persönlichkeiten, von denen sie hohe Summen erhalten zu können hofften, ihnen auf dem Schalsee zu entkommen drohten, da schossen sie allerdings hinter den wehrlosen, weiblichen Wesen her, die nur wie durch ein Wunder unverletzt blieben. Die Betreffenden mußten sich jenseits des Sees niederlassen, um den immerwährenden Nachstellungen zu entgehen.

Viel gefürchteter waren aber doch noch die Franzosen, und vor allem deren Marodeurs, welche in solchen von

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keiner von beiden Parteien besetzten Dörfern ungestört ihr Wesen trieben. Da kam es aber wie im Jahre 1806 auch wohl vor, daß die Bauern beherzt zur Wehre griffen und ihr Eigentum verteidigten. So erging es eimal fünf Marodeurs in einem Dorfe am Schalsee recht schlecht. Sie waren erst bei dem Pastoren eingedrungen, hatten da viel geraubt und hätten sogar den Hausherrn mit dem Bajonett durchbohrt, wenn er nicht eben noch ausgewichen wäre. Dann suchten sie auf einem anderen Hofe zu plündern. Aber der Besitzer, der aufgeweckt war, schlich weg, holte einige Nachbarn zu Hülfe, und nun entstand eine Prügelei, in welcher der eine Marodeur, „gerade der schlechteste“, tot auf dem Platze blieb. Die übrigen ergriffen die Flucht, und zwei ließen sogar ihre Gewehre im Stich. Die letzteren brachte dann der betreffende Eigentümer des Hofes persönlich nach Ratzeburg und stellte dem Adjutanten Davouts vor, daß die Bauern ihren Pflichten als französische Unterthanen, namentlich als Steuerzahler, nicht Genüge leisten könnten, wenn sie Plünderungen ausgesetzt wären; so hätte er sich gegen Spitzbuben, die ihn in der Nacht überfallen, gewehrt und ihnen die beiden Gewehre abgenommen, die er jetzt abliefere. Daß er einen erschlagen hatte, verschwieg er wohlweislich. Die Sache wurde aber durch die Entkommenen ruchbar, und nun war der betreffende den schlimmsten Verfolgungen ausgesetzt. Meistens schlief er gar nicht in seinem Hause, als er aber eines Nachts zufällig da war, wäre er fast von einer größeren Abteilung aufgehoben worden. Nur mit Mühe und Not rettete er sich, indem er aus dem Fenster stieg und sich bis an den Kopf in Wasser und Moor steckte. Dafür nahmen die Franzosen und Dänen zwei andere Männer aus dem Dorf mit, die sie mit Stricken vor sich herleiteten, und als dieselben im Lager vor Ratzeburg ankamen, da riefen dort die Franzosen, nachdem sie erfahren hatten, daß sie aus dem betreffenden Dorfe wären:

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„Ja, - Franzos kaput gemacht!“ Nach einem Verhör wurden sie in die Kirche von Ziethen gebracht, wo sie eine Gesellschaft von circa dreißig Menschen antrafen, die aus allerlei Ursachen festgehalten waren, namentlich aber wegen Verdachts, mit den Verbündeten zusammengesteckt zu haben. Später wurde diese Kirche das reine Lazarett, die Ruhr brach in derselben aus, und bei der zunehmenden Kälte, die wegen der mangelhaften Kleidung und Verpflegung noch empfindlicher war, herrschte der jammervollste Zustand. Mehrere von den so Verhafteten starben. Die beiden aus dem betreffenden Dorfe Aufgegriffenen wurden übrigens später entlassen, da sie ihre Unschuld beweisen konnten.

Ein sehr trauriger Vorfall, welcher die raffinierte Grausamkeit wenigstens einzelner Franzosen zeigt, ereignete sich in Mustin. Es heißt darüber in einer gleichzeitigen Aufzeichnung: „Wir können uns noch glücklich schätzen, wenn die Franzosen nur nicht zum Fouragieren kommen, denn diese thun es nicht, ohne zugleich zu plündern, wie die Dänen selbst gesagt, und mitunter fallen wahre Grausamkeiten vor. Mustin haben sie rein ausgeplündert, einmal haben sich die Mustiner zur Wehre gesetzt, wie ein Lieutenant mit sieben Mann kommt; haben unter anderm den Lieutenant so geschlagen, daß er sich wie tot gestelllt und still liegen bleibt. Nachher hat er sich aufgerafft und ist weggelaufen. In der Nacht kommt er mit dreimal so viel Mannschaft wieder, holt drei Tagelöhner aus den Betten (die unschuldig gewesen sind), nimmt sie mit nach dem nächsten Holze, dort werden sie an die Bäume gebunden, zwei davon gleich totgeschossen, der dritte (ist es Vorsatz gewesen oder nicht, weiß ich nicht) bekommt fünfzehn Schüsse durch alle Teile des Körpers, stirbt aber doch nicht gleich. Indessen rührte er sich nicht mehr, so daß sie glauben, er ist tot, und weggehen. Sobald er allein ist, beißt er den Strick, womit er gebunden ist, los, kriecht nach seinem Hause, wo die

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Frau ihn auf einen Wagen legen und nach Kittlitz fahren läßt in der Hoffnung, daß er noch zu heilen. Unterwegs ist er aber gestorben. Das Gefühl der Frau muß schrecklich sein.“ Die Ursache für diese grausame Behandlung wurde aber nach unserem Gewähresmann damals schon etwas anders erzählt, nämlich auf folgende Weise: „Die Mustiner Bauern beklagen sich in Ratzeburg über die Franzosen, daß dieselben sie ausplünderten. Da wird ihnen gesagt, das sollten die Soldaten nicht und wenn sie ohne Gewehr kämen, könnten sie sie prügeln. Bald darauf kommt ein Franzose ohne Gewehr und will was aus einem Garten holen, die Bauern oder Tagelöhner (dies weiß ich nicht bestimmt) prügeln ihn. Ein Offizier, der dieses in der Ferne sieht, schießt sein Gewehr auf sie ab, die Kugel fliegt vorbei in einen Baum, da sagt einer zum andern mit Lachen „Dat her Di goth betahlt werden kunt!“ (das hätte dir gut bezahlt werden können). Der Offizier, der dieses Lachen sieht, meint, sie lachen ihn aus, und aus Rache holen sie des Nachts die drei Tagelöhner und erschießen sie, wie ich schon geschrieben. 27)

Aus diesen einzelnen Zügen kann man wenigstens einigermaßen sich ein Bild entwerfen von den Leiden der Lauenburger während dieser Monate. Mit wie freudigen Gefühlen haben die Bewohner von Ratzeburg und Umgegend

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27) Auch bei Zander S. 191 Anm. findet sich diese Erzählung, wenigstens was die Ermordung der drei Tagelöhner anbetrifft. Da wird aber die Schuld dem General Loison zugeschrieben, der, als eine Patrouille, die in Mustin gewesen war, einen der Ihrigen vermißte, einfach angenommen hätte, derselbe sei von den Mustinern erschlagen. Darauf habe die grausame Exekution stattgefunden, später aber habe sich der vermißte Franzose, der betrunken gewesen sei, wieder angefunden, und nun habe Loison an die unglücklichen Witwen der drei Tagelöhner einen Boten gesandt mit den Worten: sie möchten sich trösten, ihre Männer wären unschuldig gestorben. Der im Text befindliche gleichzeitige Bericht scheint mir einfacher und origineller, wenn ja auch die Veranlassung der Exekution verschieden erzählt wird.

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daher das französische Lager am 13. November verbrennen und Davout abziehen sehen. Für die Anwohner der Stecknitz und für den westlich davon liegenden Teil Lauenburgs dauerten ja die Leiden noch einen Monat länger, und diese hatten auch noch eine Maßregel Davouts zu erleben, die das Andenken an die Franzosen noch zu einem überaus traurigen machen und ihnen den Haß der Lauenburger ganz besonders zuziehen mußte. Denn, wie Löwendal erzählt, ordnete Davout kurz vor seinem Abzuge nach Hamburg noch eine ganz systematische Plünderung an. In den letzten acht Tagen des November wurde alles Korn, Mehl, Fourage, Schlachtvieh und Federvieh, kurz alles, was zur Verpflegung der Armee dienen konnte, nicht nur durch Requisitionen von oben her eingezogen, sondern es wurde auch allen einzelnen Offizieren und Soldaten befohlen, möglichst viel für sich mitzunehmen und sich auf einige Monate auf eigene Hand zu verproviantieren. Natürlich mußten die Bauern ihre Pferde und Wagen zu den großen Proviantkolonnen stellen, die sich so nach Hamburg hinbewegten, und sahen dieselben zum großen Teil nicht wieder. Ganze Kompagnien, heißt es, wurden Viehtreiber und hätte die Ausleerung einige Tage länger gedauert, so wäre das Land auf ein Jahrzehnt verheert gewesen. Das Merkwürdigste dabei aber war, daß Davout die eifrigen Sammler nachträglich betrog, denn in Hamburg mußte alle Beute in die Magazine abgeliefert werden, und jeder wurde auf seine Rationen gesetzt.

Im freudigem Gefühle der langersehnten Freiheit vom Drucke der Fremdherrschaft konnten sich nun die Lauenburger wieder den Geschäften des Friedens widmen, und hatten sie auch manche schmerzliche Verluste zu beklagen und galt es auch mehrere Jahre zu arbeiten, um den alten Wohlstand wiederzuerlangen, so wußte der Bauer jetzt doch, daß er nur für sich selbst und seine Familie arbeite und daß die

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Friedensjahre ihm die Möglichkeit gaben, auch den Segen der Arbeit zu genießen. Das benachbarte Hamburg dagegen mußte noch bis zum Mai des folgenden Jahres die drückende Fremdherrschaft ertragen. Und noch länger dauerte es, ehe die streitbaren Söhne des Landes heimkamen. 28) Erst nach der Schlacht bei Waterloo kehrte das lauenburger Feldbataillon in die Heimat zurück.

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28) Wen die Schicksale der Lauenburger im Felde interessieren, den verweise ich auf die Schrift: Das Feldbataillon Lauenburg, aus den Papieren eines Offiziers desselben. Einbeck 1863.

 


 

 

 

 



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