Jahresband 1885

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


 

Aus dem Ratzeburger Stadtbuch.

Mitgetheilt von Bürgermeister HORNBOSTEL in RATZEBURG.
 
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Der nachfolgende Aufsatz ist aus dem Ratzeburger Stadtbuch entnommen, welches folgenden Titel führt:

„Stadtbuch,
welchen einverleibet sein allerhandt Briefliche Urkunde und
Documenta, denen itzigen und künftigen Bürgermeistern,
Rhatmannen, und gantzen Gemeine der Stadt Ratezburgk
hoch und viell gelegen.

Angefangen im Jahre 1626.“
 

Anno 1689 im Monat September ist der letzte Herzog zu Sachsen Lauenburgk Herzog Julius Franz, wie Sie vorgeben an einem Steckfluß, nicht ohne Argwohnbeigebrachten Giftes, zu Reichstadt in Böhmen, ohne männliche Erben gestorben.

In selben Monath ließ der Churfürst zu Sachsen, Herr Johann Georg der III. durch einige Commissarien possession nehmen, von dem uhralten Schlosse zu Ratzeburg, der sogenannte Papenstraße, den Maltzmühlen und wo es sonst nöthig geachtet ward (woran die Mecklenburger sonst auch prätension machten) nahmen die Räthe, deren vornehmtster war D. Petrus Clasen, und Canceley-bediente mit dem Handschlage an, die Guarnison in Eyd, versiegelln das Archyv, Kanzeley u. zogen wohlvergnügt wieder davon, an

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einem Sonntage. Zu dieser Zeit hatte auf gedachtem Schlosse den Witthumbs Sitz die durchlauchtigste Fürstin, Frau Sibylla Hedwig zu Sachsen Engern und Westphalen, weil. Hertzog Frantz Erdmans zu Sachsen gelassene Frau Wittibe p. p. Am folgenden Montags sante der Herzog von Lüneburg, Zelle, Herr Georg Wilhelm Hertzog zu Braunschweig und Lüneburg p. p. einige FußVolck und begehrte tamquam Dux Circuli inferioris Saxoniae ratione officii eingelassen zu werden; weil Er aber nicht stark genug und die Guarnison dem Churfürsten schon geschworen hatte, mußten Sie wieder abziehen. Als sie nun noch mehr an sich gezogen hatten, kamen sie des nechsten Tages gegen Abend wieder, und auf abermals empfangener abschlägiger Antwort durch einen offnen Gang am Wasser, durch ein altes Lusthaus und einen daran gelegenen Garten der Wache in den Rücken, wobei es zu beiden Seiten nicht ohne (ein Wort unleserlich) Schläge abgelaufen ist, unter die Zugbrücke, marchirten mit etlichen Compagnien, so Grenadiers als Musquetaren, hinein und occupirten das Schloß.

Zu gleicher Zeit kamen Chur Brandenburgische Committirte vor der langen Brücke, welche mit Bürgern besetzt war und begehrten gleichfalls possession zu nehmen; weil sie aber nur 10 u. 12 Pferde waren u. die andre Seite am Burgthor schon eingenommen, zogen sie unverrichteter Sache cum protestatione wieder ab und blieben die Lüneburger Meister an dem Ort, fingen sich zu verpallisdiren und außerhalb der alte Veste Ratzeburg nach dem Berge hinaus zu verschantzen, bis aufs Unjahr 1690.

In diesem und folgenden Jahre ward eine linie zur neven Fortification gezogen, die so genannte Fürstl. Freyheit mit etlichen 20 Häusern eingezogen, das alte Schloß abgebrochen, der an demselben gestandene achteckichte hohe Thurm, dessen Mauer im Durchhaw unten 14 Fuß dick befunden, umbgeworfen, der Wall mit allen Gewölben

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rasirt, und mit Wasser überschwemmt, daß keine vestigia übrig geblieben und ist bis anno 1693 mit fortificiren stark fortgefahren. Die Bürger haben noch ...... 5 bis 14 Personen in den Häusern gehabt und selbe mit Betten, Feuerung, Salz u.s.w. verpflegen müßen.

Nachdem das Thor fertig und es einer Festung ähnlich zu sehen begunde, kam Anno 1693 der König von Dännemark, Christianus V., mit einer Armée von ohngefehr 10000 Mann heraus, setzte sich bei Oldeschloe und begehrte mit fernerem Fortificiren einzuhalten. Es ward zwar gütliche, doch unfruchtbare Handlung gepflogen, welche dahin auslief, daß der König durch die Reuterei zur Bedeckung hiesiger desseins die Elbe besetzte, mit der Infanterie aber den 10. August gedachten 93. Jahres die Stadt berannte, 4 Batterien (als die eine oberhalb der St. Georgsberger Kirche, die andere auf dem Schwalckenberge, die dritte aber auf dem Kließkenberge und die vierte auf dem Termineo Kamp) verfertigte, eine sufficiente Artillerie aufführte, den 21. dito war der Montag nach dem 10ten Sonntage Trinitatis, da man in unsrer Kirche des Nachmittags von der Zerstörung Jerusalem zu predigen pfleget, des Morgens nach 6 Uhren, die Stadt grausamblich zu beschießen und zu bombadiren anfing, auch, nachdem die Bürgerhäuser innerhalb wenig Stunden niedergeschoßen und verbrandt, damit in den dritten Tag continuirte, bis alles funditus evertiret, außerhalb der Kirchen, welche Gott sonderlich bewahret, kein Stein auf dem andern gelassen worden, und also die gänzliche Zerstörung erfolget.

In diesem Incendio ist nicht mehr als ein Bürger über der Erden, der sich zwischen den Häusern verspätet, Nahmens Joachim Wilde, verdorben und in seinem Hofe todt gelegen. Dann sind in einem Keller noch 5 Personen als Hans Fischer, ein Tischler mit seinem Sohne, Hans

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Warnck, Udo Lex und seine Frau, ein Vollkrämer Hanns (?) ersticket gefunden; die übrigen hat Gott gnädiglich behütet.

Umb diese Zeit sind im Rathe gewesen:

1. Claus Vohlbeer, Bürgermeister.
2. Peter Benecke, Bürgermeister.
3. Andreas Daneel, Gerichtsherr.
4. Michel Sass, Kammerherr.
5. Christian Warning, Bauherr.
6. August Sievert, Gerichtsherr.
7. Franz Clasen, Kammerherr.
8. Franz Michel Tielcke, Bauherr.

Bartholomaeus Petri, Stadtschreiber.

Als nun die Stadt wieder gebaut werden sollte sind die Gassen verlegt nach der Grundriß zu Mannheimb in der Pfalz reguliret, von dem Hertzoge zu Zelle (nebst Spezialvorschriften an die Städte Lübeck, Brehmen und Hamburg) Generalrequisitoria zu Samblung einiger Hülfgelder ertheilet, welche verbotenus also lauten:

Es folgen nun die Requisitorien zur Sammlung, welche von dem Herzog Georg Wilhelm eigenhändig unterschrieben waren, d. d. Celle den 12. Decbr. 1693. Die Sammlungen haben eingebracht: in Hamburg 5000 Mark, in Bremen 12 Thlr., in Buxtehude 25 Thlr., in Lübeck 1000 Mark, im Lauenburgischen 1000 Thlr. Zusammen sind zur gemeinen Theilung gebracht 2998 Thlr. 20 ßl.

Die Taxe der zerstörten Häuser betrug 52143 1/3 Thlr. Der Werth der Häuser wurde so taxirt, daß der Werth der besten auf 1000 Thlr., der schlechtesten auf 33 1/3 Thlr. angenommen wurde. Nach dem Verhältnisse des Taxates wurden die gesammelten Gelder vertheilt. Es gehet aus dem Verzeichniße der vertheilten Gelder hervor, daß 152 Hausbesitzer entschädigt sind.
 


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