Jahresband 1885

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


 

Das Dorf Kühsen im Besitz des Klosters Loccum

Mitgetheilt von W. DÜHRSEN, Amtsgerichtsrath in Mölln
 
 

Das in Nusse eingepfarrte Dorf Kühsen im vorm. Amte Ratezburg hate ehemals dem Kloster Loccum in Hannover gehört. Schon um die Mitte des 15. Jahrhunderts finden wir, daß dasselbe mit dem genannten Dorf Belehnungen vornimmt, ohne daß wir wissen, wie letzteres in den Besitz dieses Klosters gelangt ist. In Christoph Erich Weidemann’s Geschichte des Kosters Loccum (Göttingen 1822) finden wir (pag. 33-34) erwähnt, daß der Abt Guntherus (de Rossinge), gest. 1458, „die Gebrüder Heinrich und Marquard von Hachede mit dem Dorfe Kütze bey Ratzeburg, von dessen Existenz sich in neueren Zeiten gar keine Spur hat auffinden lassen“, belehnt habe. Sodann theilt uns Weidemann eine diese Belehnung betreffende Urkunde mit (Arch. Locc. Nr. 821), welche folgendermaßen lautet: „Meister Hinrick, legum doctor, und Marquardt, Brödere, Hinricks von Hachede, Borgers tho Lübecke, echte und rechte Erven, bekennet, datt se van Gnaden des Erwerdigen in Got Vaters und Heren, Hern Günthers Abbetes des Stichtes tho Locken hebbet empfangen tho Lehne dat Dorp Kütze, belegen in dem Kerkspel Nutze in dem

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Stichte Receborch, mit allen Schlachten und Thobehör, so dat de van Krumessen in Vortiden hefft tho Lehne gehatt van dem Stichte tho Locken und Gerdt van Krumessen an Hinrick van Hachede verkoft hebt; wovor se verwillet und füllbordet eine Tunne Herings järlicker Renthe, up Sunte Martens Dach tho gevende binnen der Stadt Hannover, van dem besten Slepe, den man da thoo Tiden tho Lübecke hebben mag. Na der Bort Christi 1457. In Sunte Marien Magdalenen Dage.“

In den Nachträgen und Verbesserungen, die der Herausgeber des Weidemann’schen Buches, der Conventual und director studiorum Dr. Fr. Burchard Köster, demselben in einem Nachtrag hinzugefügt hat, findet sich (p. 174) dann noch die folgende Notiz: Das S. 34 genannte Dorf Kühze liegt allerdings noch jetzt in der Nähe von Ratzeburg unter dem Namen Küssen. Weidemann berichtet darüber ex actis, daß der Herzog Franz von Sachsen-Lauenburg solches im Jahre 1564 occupiren lassen, daß darüber ein Proceß bei dem Kammergerichte entstanden, daß nach Abgang der von Seiten (rect. Stitten) zu Lübeck das Kloster Conradum Wedemeyer, Großvoigt zu Calenberg, und Tilemannum Büsing wieder damit belehnt, endlich aber das Kloster Loccum dahin vermocht sei, der verwittweten Herzogin Maria zu Sachsen-Lauenburg, gebornen Herzogin zu Braunschw.-Lüneburg, und deren Sohn, Herzog Franz Julius das Dorf Kühze für 3250 Thaler käuflich zu überlassen. Nach Absterben des Hauses Sachsen-Lauenburg habe sich Abt Molan zwar bemüht, das Dorf wieder zu erhalten, aber nichts ausrichten können.

Kühsens wird im Zehntenregister (aus dem 13. Jahrhundert) in „Parrochia Nusee“ (Nusse) mit folgenden Worten gedacht: „Kvcen Edelcrus dimidiam decimam habet ab episcopo“. Von späterer hand ist hinzugefügt: gherke crummesse habet. Nach v. Kobbe, Geschichte

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Lauenburg III p. 260 hat das Stift Loccum den Gerhard von Krummesse mit Kühsen belehnt, 1470 Berend Darsow, dessen Tochter es an ihren Sohn Gottschalk von Wickede brachte. 1533 erhielt Gottschalk von Stitten, Bürgermeister von Lübeck, die Belehnung. Er gerieth mit dem Herzog Franz I. von Lauenburg in Streitigkeiten, in Folge deren dieser das Dorf 1564 durch 14 Einspenniger *) unter Befehl des Hauptmanns Dulz einnehmen und besetzen ließ. Das veranlaßte den Abt von Loccum einen Reichsproceß wider den Herzog anzustrengen, in welchem ein Austrag auf den Herzog v. Mecklenburg beliebt ward. Als dieser zu Ungunsten des Herzogs von Lauenburg entschied, gelangte die Sache an das Reichskammergericht, welches natürlich niemals zu einem Urtheil gelangte. Inzwischen belehnte der Abt zu Loccum nach Gottschlk v. Stitten’s Ableben den Großvogt Konrad Wedemeyer und den Stiftssyndicus Tilemann Büsinck (1595) mit Kühsen und als verlautete, daß die beiden Neubelehnten ihr Lehen für 1500 Mark an Lübecker Bürger verkaufen wollten, ließ der lauenburgische Kanzler Hector Mithovius es sich angelegen sein, einen Vergleich herbeizuführen, von welchem zwar der inzwischen zur Regierung gelangte Herzog Franz II. nichts wissen wollte, den aber seine Gemahlin, die Herzogin Maria, durchaus herbeizuführen wünschte. In ihrem Auftrage begab sich der Kanzler persönlich nach Loccum und es gelang ihm nach vielen Schwierigkeiten einen Vergleich zu erzielen, wonach der Herzogin Kühsen für 3250 Thaler mit allen Rechten und Gerechtigkeiten erblich überlassen ward. Sie schenkte 1619 das Dorf ihrem Sohn Franz
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*) Einspenniger, Reiter, reisige Knechte waren Nichtadeliche, welche den Kriegsdienst zu Rosse leisteten, und zwar nicht mit Helm und Schild, sondern in weißen Gewändern. Vergl. v. Kobbe Gesch. Lauenburgs III p. 210. Nach v. Kobbe wurden z. Th. die Bauermeistereien mit Einspennigern besetzt.

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Julius, welcher es gegen den Hof und Schloß Anker an seinen Bruder August abtrat. – Die hier mitgetheilten Schicksale Kühsens scheinen in Loccum in späterer Zeit in Vergessenheit gerathen oder garnicht bekannt gewesen zu sein, denn im Jahre 1705 wandte sich plötzlich der Abt von Loccum an die Regierung zu Hannover mit der Anzeige, man habe in dem durch den Ueberfall des Bischofs von Minden gänzlich versprengten, jetzt etwas wieder gesammelten Archive Nachrichten gefunden, nach welchen das Kloster Loccum Ansprüche an das lauenburgische Dorf Kühsen habe. Die zum Bericht aufgeforderte lauenburgische Regierung war aber in der Lage, die Grundlosigkeit dieser Ansprüche nachzuweisen, von der sich das Kloster Loccum auch überzeugt zu haben scheint, denn es ist nichts darüber bekannt, daß es seitdem seine vermeintlichen Ansprüche wieder aufgewärmt habe.
 


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