Jahresband 1885

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


 

Das allgemeine Kirchengebet als Geschichtsquelle.

Mitgetheilt von H. LINDENBERG, Pastor in Nusse.
 

Da die Theilnahme unserer ländlichen Bevölkerung an den großen Weltbegebenheiten bis in die neuere Zeit hinein wesentlich durch den öffentlichen Gottesdienst vermittelt worden ist, so dürfte es nicht ohne Interesse sein, einmal übersichtlich zusammenzustellen, welche Veränderungen die vorgeschriebenen agendarischen Formeln, soweit sie sich auf die Zeitverhältnisse beziehen, im Laufe der letzten 80 Jahre durchgemacht haben. Als Beispiel dafür sind hier die im Nusser Kirchenarchiv befindliche, auf das Formular des „allgemeinen Kirchengebets“ bezüglichen Kämmereiverordnungen und Senatsdecrete sowie sonstige Verfügungen in chronologischer Reihenfolge aufgeführt.

Zwei Jahrhunderte hinduch haben die Gemeindeglieder des lübeckischen Staates, zu dem ja bis 1683 auch die Stadt Mölln cum pertinentiis gehörte, mit dem von dem Superintendenten Andreas Pouchenius (1575-1600) verfaßten allgemeinen Kirchengebet allsonntäglich die Bitte ausgesprochen: „So laß demnach DIE RÖMISCHE KAISERLICHE MAJESTÄT, UNSER OBERHAUPT, wie auch unsre Regenten und Obern immer sitzen bleiben vor Dir. Erzeig

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ihnen Güte und Treue, die sie behüten, und erfülle zu Deines heil. Namens Ehre, DES REICHES, des Landes und unsrer Stadt Heil alle ihre dahin zielenden Anschläge.“

Nachdem am 6. August 1806 der Kaiser Franz II. die deutsche Kaiserwürde niedergelegt hatte, konnte diese Formel natürlich nicht bestehen bleiben. Bereits unter dem 23. August bestimmt daher ein Kämmereirescript: „daß aus dem Kirchengebet von nun an die Worte: die Römische Kaiserl. Majestät, unser Oberhaupt, imgleichen die Worte: des Reiches wegzulassen seien.“ Die Lücke wurde jedoch bald wieder ausgefüllt. Am 20. Februar 1811, nachdem die Stadt Lübeck mit Gebiet dem französischen Kaiserreich offiziell einverlebt worden war, erschien ein Befehl des Gouvernement des Départements de l’Ems supérieure, des bouches du Weser et des bouches de l’Elbe, vom Prinzen von Eckmühl unterzeichnet, daß fortan an die Stelle der Römischen Kaiserlichen Majestät u. s. w. die Worte zu setzen seien: „LASZ NAPOLEON I., KAISER DER FRANZOSEN UND KÖNIG VON ITALIEN, UNSER OBERHAUPT, SOWIE AUCH SEINE GEMAHLIN, DIE KAISERIN MARIE LOUISE IMMER SITZEN BLEIBEN VOR DIR." Mit besonderer Umständlichkeit wird das bevorstehende erfreuliche Ereigniß in der kaiserlichen Familie behandelt. Es findet sich darüber ein ausführlicher Erlaß des Gouvernements, der es verdient, wörtlich mitgetheilt zu werden. Er ist auf einem großen Oktavbogen sehr sauber gedruckt und lautet folgendermaßen:

                                                                                                  Département des Bouches de l’Elbe
 


Au nom de sa Majesté de l’Empereur
 

La commission de Gouvernement des Dèpartements de l’Ems supérieur des Bouches du Weser et des Bouches de l’Elbe

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Sur le rapport du conseiller d’Etat, Intendant de l’Intérieur et des Finances


Arrêté:
 

Art. 1er: Les Ministres de tous les cultes feront dans leurs églises respectives tous les jours, aux quels se célèbrent les offices des prières pour l’heureuse lélivrance de S. M. l’Impératrice et Reine.

Art 2. Dans les rituels, ou se trouvent des formules adoptées pour une pareille circonstance, on remplira l’espace laissé en blanc par le nom de Marie Louise, Impératrice des Français, Reine d’Italie.

Art. 3. Dans les communions, où le rituel ne renferme point de ces formules de prières, les ministres en rédigeront de convenables, en exprimant les voeux, que les peuples doivent adresserá Dieu pour un événement, au quel est attaché le bonheur de l’Empire et de son Auguste Souverain.


Donné au Palais du Gouvernement le 22 Février 1811

Signé: Le maréchal Prince d’Eckmühl
Par le Gouvernement général
l’Auditeur au Conseil d’Etat,

Sécretaire général de la commission de Gouvernement
Signe: Petit de Beauverger

Pour l’Ampliation
le Conseiller d’Etat, l’Intendant de l’Interieur et des Finances
le comte de Chaban

Pour copie conforme
le maître de requêtes, Préfet des Bouches de l’Elbe
Signé: Le Baron de Coninck.

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Nachdem das hier erwähnte Ereignis eingetreten war, richtete der Secretär der Kämmerei an das hiesige Pastorat folgendes Schreiben, datirt vom 26. März 1811: „Ew. Wohl-Ehrwürden ersuche ich Namens des Herrn der Kämmerei Sonntag d. 31. huj. in einer der Wichtigkeit des Gegenstandes angemessenen Predigt dem Allerhöchsten für die glückliche Entbindung der Kaiserin Louise von einem Prinzen zu danken und eine schnelle Wiedergenesung der Hohen Wöchnerin zu erflehen. Ein besonders dazu ausgearbeitetes Kirchengebet wird tempestive nachgesandt *) werden. Ueberdies ist gedachten Tages Morgens von 6-7, Mittags von 12-1 und Abends von 5-6 Uhr mit allen Glocken dortiger Kirche zu läuten.“

Mit der am 5. December 1813 erfolgten Befreiung Lübecks kamen die Worte: Napoleon I. etc. wieder in Wegfall, und an deren Stelle wurde der allgemeine Ausdruck: „unsere Oberen“ gesetzt. Dabei scheint es eine Zeitlang verblieben zu sein. Vielleicht, daß man die Neuordnung der Dinge noch nicht für gesichert genug hielt, um eine Formularänderung zu verfügen. Erst unter dem 1. April 1817 ordnet das Landgericht an, daß künftig der betreffende Passus im allgemeinen Kirchengebet folgendermaßen zu lauten habe: „Schütze und segne DEN GESAMMTEN DEUTSCHEN BUND; laß unsre Regenten und Obern immer sitzen bleiben vor Dir; erzeige ihnen Güte und Treue, die sie behüten, und erfülle zu Deines heil. Namens Ehre, Deiner Kirche, DES DEUTSCHEN VATERLANDES und unsrer Stadt Heil alle ihre dahin zielenden Anschlage.“ 31 Jahre hindurch hat diese Formel ununterbrochen ihre Geltung behalten. Das Jahr 1848 brachte auch hierin eine Umwälzung. Am 29. Juli 1848 verfügt das Landgericht, daß von nun an die auf die allgemeine Lage sich beziehende Fürbitte in folgender
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*) Findet sich nicht bei den Akten.


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Form zu halten sei: „In Deine väterliche Obhut befehlen wir das gesammte deutsche Vaterland. SCHÜTZE UND SEGNE DEN HOHEN REICHSVERWESER, wie auch unsre Regenten und Obern etc.“ Allein schon nach anderthalb Jahren heißt es in einem Schreiben des Landgerichts-Actuars vom 8. Januar 1850: „Ew. Hoch-Ehrwürden habe ich im Auftrag des Landgerichts hierdurch anzuzeigen, wie in Folge der Installirung der neuen provisorischen Bundescommission zu Frankfurt a. M. geschehenen Rücktrittes des deutschen Reichsverwesers des Letzteren im sonntäglichen Kirchengebete nicht mehr zu gedenken, mithin die Worte „den Hohen Reichsverweser“ von jetzt an wegzulassen seien.“ 16 Jahre hindurch ist dann wieder die im Jahre 1817 festgesetzte Formel in Gebrauch gewesen, bis im Juli 1866, acht Tage nach der Schlacht von Königgrätz, der Senat folgendes Decret erließ: „Es hat der Senat mit Rücksicht auf die jetzigen politischen Verhältnisse beschlossen, daß im allgemeinen Kirchengebet an die Stelle des Satzes: Schütze und segne den gesammten deutschen Bund der folgende Satz zu treten habe: „Insbesondere bitten wir Dich um Deinen Segen FÜR UNSER GESAMMTES DEUTSCHES VATERLAND; sei Du sein starker Schutz und Schirm und laß Glauben und Treue, Kraft und Einigkeit seinen Ruhm und seine Ehre sein.“ Aber auch diese Formulirung wurde durch die Ereignisse wieder umgestroßen. In dem letzten auf diese Angelegenheit bezüglichen Decret vom 25. Januar 1871 heißt es: „Es hat der Senat mit Rücksicht auf die Umgestaltung der politischen Verhältnisse nach stattgehabter Uebertragung der deutschen Kaiserwürde auf den König Wilhelm von Preußen beschlossen, daß in dem allgemeinen Kirchengebete folgende Stelle einzuschalten sei: „Insbesondere bitten wir Dich um Deinen Segen FÜR DAS DEUTSCHE REICH. Sei Du sein starker Schutz und Schirm und laß Glauben


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und Treue, Kraft und Einigkeit seinen Ruhm und seine Ehre sein. SEGNE DEN DEUTSCHEN KAISER, KÖNIG WILHELM VON PREUSZEN; nimm in Deine gnädige Obhut die Oberen unseres Freistaats etc.“

Möge es bei dieser Formel für lange Zeit sein Bewenden haben!

 



 

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