Jahresband 1885

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


(Beer, pastor. adj.)

Am Ende des Jahres 1806. *)

 ____________________
 

Als nach der großen zwischen den Preußen und Franzosen am 14. October bei Jena zum Nachtheil der ersteren vorgefallenen Schlacht ein Theil des Preußischen Heeres, der nicht die Oder erreichen konnte, in’s Mecklenburgische retirirte, und von den Franzosen unter immer währenden Gefechten bis nach Lübeck verfolgt wurde, so waren wir hier im Amte Steinhorst so glücklich, nicht geplündert zu werden, doch wurden wir auch hier sehr beunruhigt. Da ich weiß, wie angenehm es mir ist, in meiner Pfarr-Registratur alte Nachrichten zu finden, und wie oft ich wünsche, daß es nicht Bruchstücke, sondern umständliche Nachrichten sein möchten, so will ich Einiges von dem, was uns betraf, niederschreiben. Es kann unter meinen Herren Nachfolgern vielleicht einer sein, der es des Durchlesens würdigt, oder auch ein anderer, der sich hieraus Belehrung nimmt.

Die große Sicherheit so vieler Menschen in Niedersachsen, wo so lange kein Krieg gewesen, ist Vielen theuer

____________________

*) Den nachstehenden Bericht über die Vorgänge des Jahres 1806 (November) in der Gemeinde Sandesneben hat der damalige pastor adj. Beer für das Sandesnebener Pfarrarchiv gemacht. Die Mittheilung dieses Berichts verdanken wir der Güte des Herrn Pastor CATENHUSEN in Sandesneben.
                                              DIE REDAKTION.


1885/4 -(150)


1885/4 - 151

zu stehen gekommen, indem sie in Folge dessen von Marodeurs rein ausgeplündert worden sind. Besonders heftig hat dies traurige Schicksal, wo geplündert worden, die Prediger getroffen.

Das Preußische Corps, angeführt von dem General-Lieutenant Blücher, retirirte in verschiedenen Richtungen durch Mecklenburg, verfolgt von den Corps der Französischen Marschälle Bernadotte oder Prinz von Ponte Corvo, Murat, dem Großherzog von Berg und Soult. Am Ende des Monats October hörten wir auch in diesen Gegenden entfernte Kanonaden, doch war man sehr sicher. Ich selbst ritt am 3. November von Sandesneben über Grönau ins Mecklenburgische, wo man nicht mit Sicherheit wußte, wo die Heere wären, da man sich am 4ten Abends doch schon bei Gadebusch schlug. Diese Kanonade bewog mich, früh am 5ten umzukehren und zwar über Ratzeburg, wo ich vor der Stadt schon viele Preußen und das Thor der Stadt selbst verschlossen fand. Meiner Bekanntschaft in Ratzeburg verdankte ich es, daß ich durchgelassen wurde. Zunächst ritt ich nach Nusse. Kaum war ich eine Stunde bei dem Prediger in Nusse gewesen, so kanonirte man schon bei Ratzeburg. Froh, mein Pferd gerettet zu haben, was auch mir gewiß abgenommen worden wäre, da alle Reisenden, welche die Franzosen getroffen, solches Schicksal hatten, eilte ich nach Hause, versammelte die Dorfschaft und zeigte ihnen die Nothwendigkeit, wegen der Marodeurs und Streifer auf der Hut zu sein. Es wurde nun sogleich beim Bauervogt eine Wache von 62 Mann errichtet, wovon des Nachts 16 auf den Posten standen, die alle zwei Stunden abgelöst wurden. Inzwischen ging stets zum Visitiren derselben eine Patrouille umher. Das Beste an Sachen wurde ins Holsteinische gebracht oder sonst wo verborgen.

Der Nutzen davon zeigte sich bald. Der Rückzug der Preußen ging auf Lübeck, das am 6. November nach einer

1885/4 - 151


1885/4 - 152

tapfern Gegenwehr der Preußen von den Franzosen mit Sturm genommen wurde.

Noch am selbigen Abend ging der Durchmarsch der zerstreuten Preußen hier an (das Hauptcorps hatte sich aus Lübeck nach Schwartau gezogen) und wurde so stark, daß bis Sonnabend Mittag mehr denn 2000 Mann von allen Regimentern zu Fuß und zu Pferde hier durchgingen. Diese wurden hier in Ordnung gehalten, da sie trotz einem fürchterlichen Wetter gern weiter gingen, wenn sie nur Lebensmittel erhielten, und es fielen keine weiteren groben Excesse vor, als daß bei der Hege zwei Frachtwagen geplündert wurden. Wir waren Tag und Nacht wach, und wurden vom Donnerstag bis zum Sonntag alle Augenblicke durch Gerüchte von Plünderungen allarmirt, die in benachbarten Ortschaften vorgekommen wären, und auch hier stattfinden sollten.

Am Sonntag Abend kam hier, da das Preußische Corps capitulirt hatte, eine starke Einquartirung von dem 94. Französischen Linien-Regimente, die am 10. weiter in das Amt Schwarzenbeck marschirte. Da die Feindseligkeiten eingestellt waren, hörten die Anordnungen auf, doch blieb die Dorfwache nach dem Abmarsche der Franzosen in Function, weil wir wegen Räuber besorgt waren, die sich in der Nähe der Armee befinden und diese Zeiten schrecklich benutzen sollten. Wie sehr solches der Fall war, beweist folgende Geschichte, die ich zunächst für meinen Nachfolger im Amte hier aufgezeichnet habe.

Kaum war das Regiment, von dem ich 22 Offiziere zum Frühstück gehabt hatte, zwei Stunden abmarschirt, und wir beim Mittagsessen begriffen, als eine Magd in das Zimmer trat und mit Aengstlichkeit sagte, es wären wieder Franzosen da, die mich zu sprechen verlangten. Ich komme auf die große Viehdiele und finde dort einen wohlgekleideten

1885/4 - 152


1885/4 - 153

Mann auf einem schönen Pferde, begleitet von dem hiesigen Bauervogt.

„Ich werde hier bei Ihnen Quartier nehmen mit meinem Secretair. Ich bin der französische Commissair Picard. Lassen Sie Essen zubereiten. Haben Sie Platz für fünf Pferde?“

„Die Pferde kann ich nicht lassen; Essen sollen Sie haben, soviel mir bei der starken Einquartierung übrig geblieben,“ war meine in verdrießlichem Tone ausgesprochene Antwort. Er schalt, fluchte, hieb nach dem Bauervogt, als dieser ihm wegen der zu liefernden Fourage für die fünf Pferde Vorstellungen machte. „Lassen Sie,“ sprach er, „für mich Eier bereiten, ich werde gleich wieder kommen.“ Damit ging er. Indeß währte es nicht lange, so kam er in Begleitung seines Secretairs zurück. Der Commissair aß nun die inzwischen gekochten Eier, war aber mit dem groben Brode dabei nicht zufrieden, was er jedoch essen mußte, da das feine von den französischen Offizieren völlig aufgezehrt war. Der Secretair forderte Fleisch; die sich noch im Hause vorfindenen Reste wurden ihm vorgesetzt. Damit war er gleichfalls nicht zufrieden und verlangte gebratene Kartoffeln, die er auch erhielt. Der Commissar sprach gut deutsch, der Secretair aber immer französisch. Mir kam die Sache sehr verdächtig vor; deswegen wich ich nicht einen Schritt aus der Stube, sondern saß mit verdrießlicher Stimmung und Miene bei ihnen. Am auffallendsten waren mir ihre Säbel, weil sich auf deren Schildern am Gehänge das Zeichen F. W. verschlungen befand.

„Lassen Sie einlegen, es ist hier kalt!“ befahl der Commissair. Ich beorderte es.

„Die Herren Franzosen,“ fuhr er fort, „wollen sich von den Strapazen ausruhen, weshalb Magazine in Ratzeburg angelegt werden sollen, wozu auch ihr Dorf liefern muß. Wie viele Bauern sind hier?“ Als ich es ihm

1885/4 - 153


1885/4 - 154

gesagt, nahm er seine Schreibtafel, um die Berechnung darauf zu machen. „Ihr hier liefert 500 Rationen Stroh, ebensoviel Heu und 500 Portionen Brod. Doch ich muß selbst mit den Bauern sprechen!“ Mit diesen Worten entfernte er sich. Der Secretair aber blieb.

Derselbe bot mir nun eine Equipage mit 2 Pferden zum Verkauf an, was ich aber unter dem Vorwande, gar kein Geld zu haben, ablehnte. – Ob ich bestohlen wäre? „Nein, das nicht! Aber jeder ist jetzt arm in Folge des Krieges.“ Er führte an, daß der Commissair so gut Deutsch spräche. Ja, dachte ich, deshalb glaube ich auch, daß Ihr Eurer Kleidung ungeachtet keine Franzosen, sondern Spitzbuben seid, denn nach seinem Dialect ist der Commissar nicht aus dem Elsaß. Dieser kam nun zurück, sprach über die Entfernung von hier nach Ratzeburg, nach Hamburg u. s. w. und hatte sich, wie ich erfuhr, erboten, 60 Reichsthaler statt der Lieferung von den Bauern zu nehmen. Er forderte dann eine Landkarte, um zu sehen, wo und wie weit Wittenburg von hier entfernt läge, ging weg, kam gleich darauf wieder und sagte, die Bauern wollten sich zu nichts verstehen; (ich hatte ihm übrigens schon gleich gesagt, daß die Lieferung des Mißwachses wegen große Schwierigkeiten machen würde.) – Die Bauern machten Lärm, er wolle es ihnen morgen aber schon mit Husaren zeigen. Dabei flüsterte er dem Secretair leise auf Französisch zu: „Es sind mehr denn 200 Menschen da.“ Nun ging der Secretair fort. Der Caffee kam, wovon der Commissair eine Tasse nach französischer Sitte mit Branntwein trank, und ihn für den Secretair warm zu halten befahl. Er sagte mir weggehend: „Ich bleibe vielleicht nicht hier, sondern reise wohl ab.“

Nicht lange darauf kamen beide wieder und sagten, sie würden, da die Bauern unruhig würden und sich zu ganz und gar Nichts verstehen wollten, sogleich abreisen,

1885/4 - 154


1885/4 - 155

morgen aber wieder kommen, da sie dann bei mir Quartier nehmen würden. Ich ging nun mit ihnen nach dem Hause des Bauervogts, wo es voll von Leuten war. Der Dommissair drohte ihnen mit einem Regimente Husaren, worauf ich ihm begreiflich machte, die Leute warteten nur darauf, welche Antwort die von ihnen dieser Sache wegen zum Amtmann in Steinhorst gesandte Deputation zurückbringen würde. Der Commissair forderte nun einen Schein darüber, daß er hier gewesen und den Bauern die Requisition angesagt habe. Da Niemand schreiben wollte, sollte ich es thun. Ich schrieb: Es ist hier heute ein Herr gewesen, der sagt, er sei ein Französischer Commissair u. s. w. Er fluchte und schalt noch fort, und verlangte, ich sollte ihm morgen den Bauern anzeigen, der sagte: „Wo ist ein Stück Dings, womit wir den Kerl ....?“ Nun ging der Zug fort, der Commissair und sein Secretair zu Pferde, der eine Kerl auch noch zu Pferde, zwei in der Chaise, welche ein Vierter fuhr.

Nicht lange darnach kamen die beiden Deputirten von Steinhorst zurück und berichteten, daß der Amtmann gesagt, es seien wahrscheinlich Betrüger, man möge sich wohl in Acht nehmen. Sofort ritten einige Bauern dem Zuge nach, um die Dorfschaft Schönberg davon zu benachrichtigen, wo auch schon von diesen Spitzbuben Forderungen gemacht waren. Gleich darauf erschien der Hauslehrer des Amtmanns von Steinhorst und meldete, daß ein französischer Husaren-Capitain, Namens Michelard, dort angekommen, und als ihm diese Geschichte erzählt worden, gesagt hätte: „Die Bauern hätten diese Spitzbuben nur arretiren sollen.“ Hiezu gleich bereit wollte die ganze Dorfschaft nach Schönberg hineilen; wegen der Unsicherheit bewog ich sie aber dahin, daß nur acht handfeste Leute dorthin abgegeben würden, wozu das auf dem Wege liegende Dorf Wentorf auch noch einige Mannschaft stellte.

1885/4 - 155


1885/4 - 156

Als diese in Schönberg anlangen, ist bereits das Haus, wo die bösen Gäste abgetreten, von den Schönbergern unter Anführung des Schullehrers Meineke umstellt. Einige gehen hinein und fragen, ob man sich ergeben wollte, was denn schließlich auch geschehen ist, wobei es, wie bei Arretirungen vorzukommen pflegt, die ein undisciplinirter Haufe vornimmt, nicht ohne Schläge abgegangen war.

Nachts um 2 Uhr schlugen die ausgestellten Posten in Sandesneben Allarm. Schnell angekleidet, lief ich bewaffnet zum Hause hinaus. Als ich aus dem Hofthor trat, hörte ich den Lärm beim Bauervogt, und gerade eben kamen zwei Bauern mit der Nachricht: „Wir haben die Commissaire.“ Ich eilte hin, konnte aber kaum heran, weil die Bauern betrunken rechts und links scharf Victoria feuerten, indem sie von den vorher durchmarschirenden Preußen viele scharfe Patronen bekommen hatten. Die sechs Marodeure saßen gebunden auf einem Leiterwagen. Die Bauern aber hatten die Reitpferde bestiegen und die Chaise angefüllt. „Habt Erbarmen mit uns, Herr Pfarrer!“ riefen jene gleich auf Französisch mir zu, „und bittet die Bauern, uns nicht mehr zu schlagen.“ „Nous sommes perdu!“ Ich that es auch, aber vergebens; die Bauern waren zu sehr in Wuth; sie setzten die Kur fort.

Am folgenden Morgen fuhr ich mit einigen Bauern nach Steinhorst. Es war gerade der Secretair in Verhör, wobei der Amtsschreiber Schneider, der Capitain Michelard und der Hausvogt Pacht zugegen waren. Michelard war hier schon bekannt, weil er während der ersten Occupation des Hannöverschen Landes hier längere Zeit in Quartier gelegen hatte.

„Kennt ihr den Menschen?“
„Ja, es ist der Prediger von Sandesneben.“
„Habt Ihr Geld von ihm gefordert?“ „Nein!“
Der Beamte fragte mich. „Nein!“

1885/4 - 156


1885/4 - 157

Die weitere Untersuchung ergab, daß der Commissair aus Göttingen gebürtig, der Secretair ein Holländer und die Uebrigen Landstreicher waren. Von Waren in Mecklenburg hatten sie immer der französischen Armee bis nach Lübeck nachgeplündert. Viele Sachen an Ringen, goldenen und silbernen Dosen, Uhren u. A. fand man bei ihnen, auch Damenkleider, und an Geld 14 Louisdor in N. 2/3. Sie beklagten sich, daß ihnen bei der Arretierung in Schönberg ein Beutel mit Carolinen entwendet worden sei.

Der Husaren-Capitain nahm sie sämmtlich mit ins Hauptquartier nach Lübeck, weil sie im Namen der französischen Militair-Behörde über Rationen und Portionen Bons ausgestellt hätten. Sie, das heißt, der Commissair und Secretair sind darauf in Lübeck, nach anderen Berichten im Mecklenburgischen erschossen worden; die geplünderten Sachen nahm Capitain Michelard gleichfalls mit nach Lübeck. Nur zwei Pferde, die der Holländer auf Steinhorst als Eigenthum eines Mannes in Dassow, Namens Callies, erkannte, blieben dort und wurden später dem Eigenthümer zurückgeliefert. Den Wagen mit zwei Pferden erhielt der Amtschreiber. Pferde waren überhaupt in und bei Lübeck so viele, daß ein Jeder nehmen konnte so viele, wie er wollte, und für ein schönes Pferd wurden höchstens einige Reichsthaler bezahlt. Tausende wurden, weil sie abgetrieben und mager waren, und Niemand sie haben wollte, von den Halbmeistern erstochen.

So endigte sich diese Geschichte, die uns hier sehr verderblich hätte werden können.

Auch der Dorfschaft Nusse verdanken wir viel, da sie in dieser stürmischen Plünderungsperiode unter Anführung ihres Küsters Döpke eine Schaar Marodeure, die dort zu plündern begann und dann ihren Zug auf hier nehmen wollte, zurückschlug und vertrieb.

 

____________________

 



 

 

 

 



*