Jahresband 1885

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


 

Die Epithaphien in der Möllner Kirche.

Mitgetheilt von W. DÜHRSEN, Amtsgerichtsrath zu Mölln.

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Die hiesige, dem heiligen Nicolaus, dem Schutzpatron der Schiffer, geweihte Kirche birgt mancherlei bemerkenswerthe Antiquitäten. Es sei nur erinnert an die höchst interessanten Inschriftsteine in der Sakristei und an die daselbst asservirten uralten Bücher, zum Theil aus der Zeit kurz nach der Erfindung der Buchdruckerkunst, die aus der Bibliothek des bei der s. g. holsteinischen Fehde (1534) zerstörten Brigittenordensklosters Marienwold oder aus Schenkungen herrühren von Priestern, welche an der hiesigen Kirche fungirten; denn in der katholischen Zeit gab es viele Priester in Mölln. So hat ein Albertus Lutolb (oder auch Lutow, Lütow) mehrere werthvolle Bücher „ad usum presbyterorum in Molne“ (zum Gebrauch der Presbyter, der höheren, zwischen den Bischöfen und den Diakonen stehenden Geistlichen) gestiftet, wie aus Inschriften, mit denen er die Bücher unter Angabe des Preises, wofür er die gekauft, versehen, zu entnehmen. *) Auf die Herkunft

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*) Hierher gehören Biblia glossata, 4 Bände; Verfasser scheint zu sein Sanctus Hieronimus presbyter (in einem älteren Verzeichniß sind diese Bücher bezeichnet als Nicolaus de Lyra ord. min. fratris theol. profess. bibl. una cum postillis bezw. Postilla in universam bibliam. Nürnberg 1485.) Es findet sich darin die Inschrift: Anno


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von Marienwold weisen Inschriften hin wie die folgende: orate pro patre Seghebando, qui dedit hunc librum ad librariam in Marienwohld (betet für Pater Segheband, welcher dies Buch der Bibliothek zu Marienwohld gegeben). *)

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1483 ego Albertus Lutolb has puartour partes bibliae glossatae emi pro XXIII. flor. reneis et do easdem ad usum presbyterorum in Molne. Ferner: Vincencii Speculum physicale XIX.-XXXIII. Raynerii de Pisis Pantheologia, Nürnberg 1474 (Anton Coberger). Insigne V. et. N. Testamenti opus, Nürnberg 1479 (aut Koburger). Magistri P. Lombardi Glossa magistralis Psalterii, Nürnberg 1478 (ductu Andr. Frisner de Wunsidel et Ivannis Sensenschmid). Thomae de Aquino quaestiones de virtutibus et vitiis.
Diversa volumina juris civilis sec. ordin. alphabeti a fratre Astaxano posit. sive compilat. Johannes de Janua Catholicon
(illustrirt und geschenkt von dem genannten Albertus Lutolb 1482 ad usum presbyt.)
Sancti Vincentii Sermones de sanctis per totius anni arculum (per tempus hiemale) Cöln.
Casus longi super 5 libr. decretalium a Domino Bernardo, eorum praecipuo glossatore, compil.
Mappa terrae sanctae, templi Domini ac sanctae civitatis Hierusalem.
Decratales
(mit Gloßen) per Mich. Wenszler, Basel 1478, (cum ordinaria Dom. Bernhardi) mit Inschrift: A. D. 1480 ego Alb. Lutolb hunc librum emi pro IX mark lub. – et do eundem ad usum presb. etc.
Raynerii de Pisis opus c. praefatione Jac. Florentini
Petri Comestoris historia scolastica, per Güntherum vero zainer litteris eneis impressa Ao. 1473.


Leider ist zu constatiren, daß viele dieser ehrwürdigen Bücher durch Herausreißen und Herausschneiden der Titelblättern und Initialen von unehrlichen Raritätensammlern verstümmelt worden sind, daß aber andererseits die noch vorhandenen Einbände Zeugniß beredt dafür ablegen, daß die Bucheinbinder gegen das Ende des XV. Jahrhunderts auf einer hohen Stufe der Kunst gestanden.

*) Zu den aus Marienwold stammenden Büchern gehören folgende Incunabeln: Speculum historiale fratris Vincencii (Innocentii)’ ordinis praedicatorum, per Antonium Koburger. Nuremberge 1483 und tom. II. per Johannem Mentelin 1473 mit der Inschrift: orate

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Später haben denn auch Andere diese werthvolle Kirchenbibliothek durch ansehnliche Schenkungen vermehrt. So hat Peter Basse, dessen kunstvoll gearbeiteter Grabstein zwischen dem Altar und dem siebenarmigen Leuchter wohl allen Besuchern der hiesigen Kirche aufgefallen sein wird, ein werthvolles Werk geschenkt (opus quadripartitum sacrae scripturae, d. i. die heilige Schrift in hebräischer, griechischer, lateinischer und deutscher Sprache, und zwar sind die Texte NEBENEINANDER gedruckt) und mit der Aufschrift versehen: Peter Basse, Heubtmann z. M. (Stadthauptmann zu Mölln) gibt’s der Kirchen. 1642. *) Dann finden wir neben jenen ehrwürdigen Incunabeln, in denen die Weisheit der alten Kirchenväter niedergelegt ist, auch neuere Werke, so die des württembergischen Reformators Joannes Brentius (gest. 1570) und last not least Luthers sämmtliche Werke und eine plattdeutsche Bibel.

Auch des großen herrlichen siebenarmigen Leuchters sei hier noch kurz gedacht, wiewohl er schon vielfach beschrieben ist. Er ist bekanntlich von den Stecknitzfahrern

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pro patre Seghebando qui dedit hunc librum ad librariam in Marienwohld! Ferner mit derselben Inschrift: Lexicon theologicum Reale a litt. L. et voce Laus ad litt. Z et vocem Zelus; Homiliarum Pauli Diaconi opus (factore Petro drach juniore in iclita Spiresium urbe impressum 1482), und angebunden: Compendium Johannis Boccacii de Certaldo de praeclaris mulieribus (Inschrift: liber Radolphi Scoppen perpet. vicarii in ecclesia Raceburgensi); sowie Thomae de Aquino quaestiones, pars III. (de vit. cathol. fidei contra errores infidelium), mit der obigen Inschrift: orate pro patre etc.

*) Das von Basse gestiftete Buch führt folgenden Titel; Opus quadripartitum sacrae scripturae, die heilige Schrift in hebräischer, griechischer, lateinischer und deutscher Sprache; Hamburg 1595 u. 1596 (Jacobus Lucius jun. excudebat). Aus der epistola dedicatoria an Christian IV. von Dänemark und Johannes Adolf, Erzbischof von Bremen, geht hervor, daß David Wolderus, „verbi divini in Exclesia, quae est Hamburgi ad D. Petrum, minister“, der Herausgeber ist. Bemerkenswerth ist der herrliche Pergamenteinband dieser Bücher.
 

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in der Stecknitz gefunden und von ihnen der hiesigen Kirche geschenkt, wofür man ihnen und ihren Frauen einen geräumigen schönen Kirchenstuhl eingeräumt hat. Er scheint dem aus dem zerstörten Jerusalem ausgeführten, auf dem Titusbogen in Rom dargestellten Tempel-Leuchter nachgebildet zu sein und hat wahrscheinlich s. Z. die Klosterkirche zu Marienwold geziert. Bei der Zerstörung des Klosters wird er gleich den vielen anderen Klosterschätzen als anscheinend sehr werthvolles Beutestück von den Plünderern mitgeschleppt und, nachdem man erkannt, daß er nicht von Gold, sondern von Messing oder vielmehr Bronce, in die Stecknitz versenkt sein, wo er dann etliche Jahre gelegen, bis ihn die Stecknitzfahrer aufgefischt und der Möllner Kirche zugeeignet haben. In gothischer Minuskelschrift trägt er rund um die Oberfläche der Basis die Inschrift: na Godes bort MCCCC unde in dem XXXVI iare up sunte Michel dach; darnach ist der Leuchter wohl am St. Michaelistage 1436 geweiht oder gegossen worden. Um diese Zeit befand sich das Brigittenordenskloster bereits nicht mehr in Bälau, sondern in Petzeke, wo es bis zu seiner Zerstörung gestanden.

Worauf wir jetzt einmal die Aufmerksamkeit der Leser lenken mögten, das sind in der Möllner Kirche die an den Wänden derselben hängenden zahlreichen Epitaphien. Diese Denkmäler stammen aus dem 16. und 17. Jahrhundert und stellen nach der Sitte der damaligen Zeit auf dem Hauptbilde (in der Mitte) denjenigen Verstorbenen dar, zu dessen Gedächtniß die Tafel gestiftet worden und zwar meistens knieend vor dem am Kreuze hängenden Erlöser, die Hände gefaltet, also in betender Stellung, und meistens hinter ihm oder ihm gegenüber an der anderen Seite des Kreuzes in derselben Stellung die Angehörigen des Verstorbenen, sei es daß sie ihn überlebt haben, sei es daß sie ihm im Tode vorangegangen. Meistens knieen der Vater mit seinen Söhnen auf der einen, die Mutter mit den

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Töchtern auf der andern Seite und oft sind frühverstorbene Kinder in den Vordergrund gerückt (so auch auf dem Epitaph in der Büchener Kirche, das, jetzt als Altarbild dienend und aus der Hofkirche zu Franzhagen herrührend, den Herzog Franz II. von Lauenburg, seine Gemahlin und seine 8 Söhne und 4 Töchter in der angegebenen gesonderten Stellung darstellt; auch die Gudower Kirche enthält ein ganz ähnliches Epitaph zum Gedächtniß eines Herrn von Bülow, Besitzers von Gudow.) Wie man sieht kommt auch auf solchen Bildern die noch heut zu Tage in vielen Kirchen, namentlich auf dem Lande übliche strenge Sonderung der Geschlechter zur Geltung, wonach Männer und Frauen für sich und nicht durcheinander sitzen. Häufig sind denn neben dem Hauptbilde an den Seiten Oelportraits von Angehörigen des Verblichenen in Medaillonform angebracht und über dem Hauptbilde und darunter in deutscher oder lateinischer Sprache, in Versen oder in Prosa Inschriften, die über den Verstorbenen, dessen Herkunft, Geburt und todesart, sowie über seine tugenden und Verdienste Mittheilungen bringen, die uns h. z. T. die Leichensteine auf den Kirchhöfen machen. Diese Epitaphien, die sich wohl nur hervorragendere und wohlhabendere Familien leisten konnten, da sie sicherlich ein sehr kostspieliger Luxus waren, denn es ward allem Anschein nach sehr darauf gehalten, daß die Portraits auch einigermaßen ähnlich, und es konnten sich daher wohl nur Künstler (Portraitmaler) mit ihrer Anfertigung befassen, sind durch ganz Deutschland weit verbreitet und wahrscheinlich auch in Frankreich, England etc. zahlreich in den Kirchen vorhanden. Es ist anzunehmen, daß auch namhafte Künstler Epitaphien malten; scheint doch die berühmte Holbein’sche Madonna (jetzt in der Dresdener Gallerie), zu deren Füßen der Bürgermeister Meier mit seiner Familie knieet, ursprünglich auch ein solches Epitaph gewesen zu sein.

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Solche Epitaphien besitzt nun die Möllner Kirche auch und wir wollen uns einige derselben etwas näher betrachten, wobei wir jedoch vorausschicken, daß sie nur Denkmale im eigentlichen Sinne sind, d. h. insofern sie dienen, das Andenken an gewisse Personen oder Begebenheiten zu erhalten, und daß sie einen inneren Werth, einen eigentlichen Kunstwerth nich zu haben scheinen.

Von den in hiesiger Kirche vorhandenen Eiptaphien seien hier folgende erwähnt.

An der südlichen Wand in dem freien Raume, den man durchschreitet, wenn man den Thurm besteigen will, hängt ziemlich hoch und verborgen ein Epitaph, welches die nachstehende Inschrift trägt:

Johannes Bremerus Westphalus elegantis vir ingenii et doctrinae variis fortunae fluctibus exercitus tandem hujus oppidi tributorum et vectigalium collctor aequissimus ab amplissimo Senatu Lubecensi constitutus morte praematura rebus humanis exemptus pie occubuit Anno Christi CI)I)XCIIII prid. id. febr. Anno aetatis 41.

Darunter: Qui paulo ante in filii sui Theodorici Anno Dom. CI)I)XXCVII ........ pie defuncti memoriam beataeque resurrectionis futurae .... hoc .... Epitaphium poni jusserat. *)

Frei übersetzt ins Deutsche wurde die Inschrift etwa Folgendes besagen: Johann Bremer aus Westfalen, ein Mann von vorzüglicher Gelehrsamkeit und Verstand, durch die verschiedenartigsten Wogen des Geschickes geübt, schließlich vom hohen Senat zu Lübeck zum Einnehmer der Steuern und Zööle für diese Stadt (Mölln) bestellt **) und (in diesem Amt als) sehr rechtschaffen (bewährt) ist, durch

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*) Die punktirten Stellen deuten Worte an, die durchaus nicht mehr zu entziffern waren.
**) Man wolle sich erinnern, daß Mölln damals im Pfandbesitze Lübecks war.

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einen allzufrühen Tod den menschlichen Dingen entrückt, selig entschlafen am 12. Februar 1594, 41 Jahre alt, nachdem er kurz vorher für seinen im Jahre 1587 selig entschlafenen Sohn theodor (in Hoffnung auf dessen dereinstige glückselige Auferstehung) dies Epitaph hatte setzen lassen.

Unter der Inschrift befinden sich auf Einer Fläche zwei Bilder, wovon das eine den auferstandenen Erlöser, das andere die Versuchung darzustellen scheint. Auf dem einen Bilde sieht man einen Mann und drei Knaben, auf dem anderen eine Frau und zwei Mädchen in betender Stellung knieen. Auch 2 Wappen sind auf den Bildern angebracht und darunter eine lateinische Inschrift in Hexametern über die Vergänglichkeit alles Irdischen etc., kurz allgemeineren Inhalts.

Diesem Epitaph gegenüber findet sich ein anderes, durch seine außerordentlich reiche Verzierung auffallend. Es stammt von einem Ludolff Honig aus dem Jahre 1677 oder ist zu dessen Andenken gestiftet. Es zeigt in der Mitte die Abnahme Christi vom Kreuze, oben das Brustbild eines Mannes (vermuthlich des L. Honig) rechts und links und unten die Portraits der Ehefrau des Verstorbenen und seiner Kinder (Töchter).

Daneben einanderes Epitaph, nach der Inschrift darstellend: Johann Nikolaus Schmaltz. Erffurtensis, Civitatis hujus camerarius. Anno 1670. Ueber der Inschrift, nach welcher dieser Mann im 63. Lebensjahre verstorben, findet man außer einem Wappen das Brustbild des Verstorbenen in einem reich verzierten Rahmen. Der Verstorbene, aus Erfurt gebürtig, hat also in Mölln als Kämmerer fungirt.

Dann finden wir an der Südseite in der Nähe des hervorragend häßlichen Bildes, welches die Gefangennehmung Christi und seine schlafenden Jünger darstellt, ein rührend hübsches, offenbar von einm nicht unbedeutenden Künstler herrührendes Epitaph: zu Füßen des gekreuzigten Heilands

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kniet und betet ein kleines Mädchen und neben ihr liegt ein Wickelkind. Links von diesem durch seine Einfachheit und seine Ausführung zugleich so ansprechenden Bilde in Medaillenform das Brustbild einer Frau, rechts das eines kleinen Mädchens, darunter die Inschrift: Dieses Epitaphium hat Gott zu Ehren seiner sehl. Frauen Maria Burmeisterin und Angehörigen zum Andenken setzen lassen Melchior Hein. Backhaus p. t. Schuel-collega Ao 1689.

Wenden wir uns nach der Westwand des Anbau’s, so begegnen wir über dem dort befindlichen Balcon 2 Epitaphien, von welchen das eine von Herman Schreiber gesetzt ist. Es trägt die Inschrift: „Anno 1630 hat Hr. Herman Schreiber dies epitaphium setzen lassen Gott dem Allmächtigen zu ehren und seinen Erben zur Gedechtnuß. Anno 1628 25. Aprilo ist Anna Schreibers in Gott seel. entschlafen. Gott sei ihrer Seelen gnädig.“ Das Bild stellt 3 männliche und gegenüber 5 weibliche Personen mit einem Kinde knieend in betender Stellung dar und darüber die Auferstehung der Leiber (den HErrn – etwas phantastisch dargestellt – die Gestorbenen aus den Gräbern zur Auferstehung rufend). Auch sind 2 Wappen und die Schreiber’sche Hausmarke auf dem Hauptbilde angebracht. – Daneben, anscheinend aus derselben Zeit stammend, ein zweites Epitaph, dessen Inschrift aber vom Zahn der Zeit so zernagt ist, daß sich nicht mehr erkennen läßt, zu wessen Andenken und von wem es gesetzt worden. Das Bild zeigt uns unter dem begraben werdenden und dem auferstehenden Christus in betender, knieender Stellung 1 männliche und 4 weibliche Personen.

Das interessanteste von allen Epitaphien ist unstreitig das am Pfeiler über dem Magistratsstuhl zum Andenken an den Bürgermeister Godke Engels angebrachte, darum, weil es uns im Hintergrunde des Bildes die alte und ehrwürdige Stadt Mölln im Jahre 1578 zeigt. Denn ander

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weitige so alte oder gar noch ältere Abbildungen von Mölln existiren meines Wissens nicht. Das vorliegende Epitaph nun stellt in seinem recht gut ausgebührten einzigen und Hauptbilde den gekreuzigten Christus, zu Füßen des Kreuzes knieend in betender Stellung den weißhaarigen und weißbärtigen Bürgermeister und hinter ihm in gleicher Stellung eine männliche und eine weibliche Figur, im Hintergrunde aber wie angegeben die Stadt Mölln dar. Außerdem finden sich auf dem Bilde ein die Haus- oder Familienmarke tragendes Wappen und über der männlichen Figur die Buchstaben DF, über der weiblichen die Buchstaben AF angebracht. Nach der darunter befindlichen Inschrift scheint der Tod dieses Mannes in der Kirche und zwar während der Predigt eingetreten zu sein. Dieselbe lautet: Anno 1578 avf Estomihi ahm sondage vmb 10 unter der Predige in der Kirche ist der Ersame vnd weiser Her Godke Engels burgermeister zu mollen seliglich im Herrn entschlaffen, seines alters im 67. und Burgermeisterampts im 20. jhar. Darunter eine Inschrift allgemeineren Inhalts (über das Alter und ein unbeflecktes Leben etc.). Die im Hintergrunde des Bildes befindliche Ansicht von Mölln scheint vom s. g. Siechenberge aus aufgenommen zu sein, weßhalb sich das ehemalige Steinthor mit einem dicken runden Thurm, einem höheren viereckigen und einem noch höheren schlanken runden Thurm den Auge des Beschauers zunächst präsentirt. Die Giebel des Rathhauses und die Kirche erscheinen auf dem Bilde in ihrer heutigen Gestalt. Ob schon damals den südlichen Rathhausgiebel das Storchnest geziert habe, ist nicht ersichtlich.

An der Nordwestseite (Ecke) finden wir in einem ungemein reich verzierten Rahmen das ovale Brustbild eines ehemaligen Möllnischen Camerarius, welches außer einem Wappen nur die Inschrift trägt: Hinrich Kahl, der Stadt Möllen gewesen Cämmerherr Anno 1688. Es ist dies kein

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eigentliches Epitaph, vielmehr ein Portrait, wie wir deren beim Altar mehrere von Predigern an hiesiger Kirche finden. Von einem Prediger rührt auch das Epitaph her, welches sich im jetzigen Offizierskirchenstuhl befindet. Es trägt kein Bild, sondern lediglich auf Goldgrund ein schwarzes Kreuz in der Mitte, darüber, daneben und darunter Bibelsprüche und die Inschrift: M. Johann Friedrich Stapel pastor dieser Kirchen hat seinen in Jesu seelig verstorbenen dieses epithaphium aus Liebe nachsetzen lassen Anno 1670.

Dann ist noch an der Westseite in der Nähe des Aufgangs zum Bäckeramts-Kirchenstuhl ein Epitaph, welches aber so defect ist, daß sich nicht mehr ermitteln läßt, zu wessen Andenken es gestiftet worden. *) – Aus neuester Zeit sind zu erwähnen die beiden Epitaphien, die sich am Pfeiler beim Stecknitzfahrerstuhl befinden und den 1866 und 1870/71 im Heldentod für’s Vaterland Gestorbenen der verschiedenen Truppentheile, die hier in Garnison gelegen, und den Gefallenen aus der hiesigen Gemeinde nach einer schönen Sitte gewidmet sind. Die erstere Tafel mit schwarzem Rahmen trägt auf weißem Grund die Namen der Gefallenen mit einem einfachen schwarzen Kreuz, während daneben (an der Südseite) auf der anderen, einer Marmortafel, die die Gemeinde gesetzt hat, mit goldenen Lettern die Namen derjenigen verzeichnet sind, die aus der Gemeinde Mölln im großen Kriege gegen Frankreich 1870/71 den Heldentod gestorben sind. –

Da gewissermaßen auch die Leichensteine zu den Epitaphien gehören, so sei am Schluß auch noch ihrer kurz gedacht. Es war in den früheren Jahrhunderten bekanntlich Sitte (man kann wohl sagen Unsitte), in den Kirchen Erbbegräbnisse zu haben und dort die Leichen zu bestatten.

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*) Es hat sich nur der Name Andreas Schreiber und die Jahreszahl 1665 auf diesem Epitaph feststellen lassen.
 

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Wohl nur angesehenere und wohlhabende Familien hatten solche Erbbegräbnisse in den Kirchen, während die Mehrzahl der Verstorbenen auf dem die Kirche umgebenden freien Platze, dem Kirchhof, beerdigt wurde, auch, wie man längst erkannt hat, eine Unsitte. Beides findet fast nirgends mehr statt, man hat die Begräbnißplätze, die den Namen Kirchhöfe beibehalten haben, fast überall isolirt und entfernt von den Wohnstätten der Lebenden angelegt. Früher war das aber nicht, wenigstens nicht hier, und so finden wir denn in der hiesigen Kirche fast sämmtliche Gänge, den Raum vor’m Altar (Chor) mit Grabsteinen bedeckt. Das Material dieser Grabsteine, welches nur in Gebirgen gewonnen wird, mag in früherer Zeit bei den schlechten Transportmitteln ein recht theurer Artikel gewesen sein. Diesem Umstande ist es wohl zuzuschreiben, daß man häufig zu Grabsteinen solche Steine verwendet findet, die einige Jahrhunderte früher schon einmal zu diesem Zweck aptirt und mit Inschriften versehen worden. Man erkennt dies daran, daß solche Steine in der Mitte geschliffen und nach Ausmerzung der alten Inschrift mit einer neueren versehen worden sind, während man die Randinschriften nebst den symbolischen Figuren in den vier Ecken stehen ließ. Diese Steine mit einer neumodischeren Schrift in der Mitte und gothischer Majuskel- oder Minuskelschrift am Rande machen einen sehr komischen Eindruck. Man findet sie auch bei dem Auf- und Eingang zur Kirche zu Stufen verarbeitet. Die meisten dieser Steine werden von dem nahen Kloster Marienwold herrühren, nach dessen Zerstörung und Umschaffung zu einem landesherrlichen Vorwerk sie dort sicherlich auf leichte Weise und zu einem billigen Preise zu erwerben gewesen sein werden.

Freilich gehören nicht alle Leichensteine in der Kirche zu dieser Kategorie; es braucht nur an den überaus reich verzierten und auch künstlerisch gut ausgeführten Stein des

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Stadthauptmanns Peter Basse im Chor erinnert zu werden, auf dem das Verbot der Oeffnung des Grabes einen Theil der Inschrift bildet. Die Bildhauerarbeit sowohl, als das Material des Steins sind so gut, daß der letztere kaum darunter gelitten hat, daß über zwei Jahrhunderte hindurch fast täglich auf ihn getreten worden ist.

EIN Leichenstein jedoch fesselt ganz besonders unsere Aufmerksamkeit. Es ist der vor dem Eingang in den Stecknitzfahrerstuhl liegende, der darum unser Interesse so sehr in Anspruch nimmt, weil er in der Mitte ein 7-8 Zoll großes viereckiges Loch hat, welches zum Theil durch einen Backstein mittelst Mörtels wieder geschlossen worden ist. Wie kommt dieses Loch in den Stein? was bedeutet es? Nach der Tradition soll dort Jemand begraben liegen,der einen Meineid geschworen und dessen Hand nach seinem Tode aus dem Grabe durch den Stein herausgewachsen. Nach einer anderen Tradition soll hier Jemand bestattet sein, der während seines Lebens die Hand gegen seine Eltern erhoben und dem nun im tode die Hand aus dem Grabe durch den Stein herausgewachsen. Es ist möglich, daß irgend etwas Thatsächliches diesen traditionen zu Grunde liegt. Von der Inschrift (am Rande) sind nur noch die Worte: „haue brecht dem Gott gnedich sy“ zu entziffern. Die Schrift deutet etwa auf den Anfang des 17. Jahrhunderts, und die mitgetheilten Worte könnten darauf schließen lassen, daß der hier Beigesetzte sich etwas habe zu Schulden kommen lassen, was bei seinen Lebzeiten durch weltliche Strafen nicht gesühnt worden. Um aber den Nachlebenden einen sichtbaren Beweis davon zu geben, daß der Verstorbene im Grabe keine Ruhe gefunden und ihn wirklich die göttliche Strafe getroffen, mag denn wohl auf Veranlassung der Obrigkeit und der Geistlichkeit jenes Loch in den Stein hineingemeißelt und in selbiges die Hand eines Todten so gelegt worden sein, daß die Hand durch

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den Stein emporgewachsen zu sein schien. Man muß sich vergegenwärtigen, daß man in der damaligen Zeit nicht sehr wählerisch in den Mitteln war, wenn es galt, abzuschrecken und vor Nachfolge zu warnen, zumal wenn der Arm der weltlichen Obrigkeit den Schuldigen nicht mehr erreicht hatte und dieser durch seinen Tod vor den höheren Richter gestellt worden war. In diesem Fall galt es also – für die damalige Zeit ganz correct – der Nachwelt den Glauben einzuimpfen, daß derjenige, welcher einen falschen Eid geschworen oder welcher seine Hand gegen seine Eltern erhoben, sich so schwer versündigt habe, daß er im Grabe keine Ruhe finden und daß seine Hand aus dem Grabe herauswachsen werde. Es ist jedoch auch nicht ausgeschlossen, daß jenes Loch im Stein sich auf ganz einfache und natürliche Weise erklären ließe, etwa dadurch, daß der Stein an dieser Stelle brüchig gewesen, oder daß er früher in der katholischen zeit die Gebeine irgend eines Heiligen oder Halbheiligen bedeckt und jenes Loch ein Fenster gebildet habe, durch welches die Andächtigen auf die vielleicht wunderthätigen Gebeine sehn konnten. Wer weiß es? Wenn dies Grab einmal geöffnet werden sollte, wird sich vielleicht die Ursache dieses räthselhaften Loches feststellen lassen. Qui vivra, verra.
 

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