Jahresband 1884

Archiv des Vereins für die
Geschichte des Herzogthums Lauenburg
 


 

Belagerung Möllnís im Jahre 1506.

Mitgetheilt von W. Dührsen.

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Als im Spätsommer des Jahres 1506 die wohlbefestigte Stadt Mölln, damals im Pfandbesitz der freien Reichs- und Hansestadt Lübeck, eine schwere Belagerung auszuhalten hatte, die glücklicherweise wieder aufgehoben ward und nicht zur Einnahme der Stadt führte, da die Belagerer wieder abzogen, hat sich ein Zeitgenosse, und zwar wahrscheinlich ein mitbelagerter Presbyter an der Stadtkirche zu Mölln, gedrungen gefühlt, diese Belagerung in einem lateinischen Epos zu besingen. Daß der Verfasser ein Kirchendiener gewesen, ist einmal aus der lateinischen Sprache, in der das Gedicht abgefaßt ist, dann aber auch besonders daraus zu schließen, daß es sich auf dem leeren Blatt eines alten, in der Sacristei der Möllner Kirche noch jetzt befindlichen, wahrscheinlich gleich etlichen anderen Incunabeln aus der Klosterbibliothek zu Marienwohld herrrührenden Folianten, nämlich Petri Comestoris historia scolastica (per Güntherum vero zainer litteris eneis impressa Ao. 1473), findet. Indem über die Veranlassung zu jener Belagerung Möllns auf v. Kobbe, Geschichte Lauenburgs II., S. 225 ff. und Masch, Geschichte

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des Bisthums Ratzeburg S. 402 ff. verwiesen wird, sei hier nur kurz erwähnt, daß Mölln durch seine Zugehörigkeit zu Lübeck sich dies Uebel zuzog. Lübeck war wegen einer geringfügigen Ursache mit dem Herzog Heinrich von Mecklenburg in Fehde gerathen, die eine Dauer von 2 Jahren erreichte und u. A. etliche Einfälle in die beiderseitigen Gebiete im Gefolge hatte. Insbesondere geschahen auch von Mölln aus räuberische Einfälle in's Mecklenburgische, namentlich in's Wittenburgische, die den Lübeckern große Beute einbrachten. Nachdem Fredeburg in Brand gesteckt worden, zogen die Fürsten von Mecklenburg, mit welchen sich Herzog Heinrich von Braunschweig, der Markgraf von Brandenburg und der Graf von Ruppin verbündet hatten, ihr Hauptquartier im nahen Kloster Marienwohld nehmend, mit einer ansehnlichen Heeresmacht vor Mölln, wo Arendt von Tolen und Junker Diedrich Brömse den Oberbefehl hatten, um es zu belagern und zu nehmen. Die Belagerung dauerte 24 Tage lang, die Stadt konnte aber nicht eingenommen werden und die Belagerer zogen unverrichteter Dinge wieder ab. Ein berühmter Büchsenschütze wurde, wie v. Kobbe l. c. S. 227 erzählt, an der Seite des Markgrafen von einem Schlachter aus Mölln erschossen.

Das diese Belagerung erzählende Gedicht lautet nun folgendermaßen:

Anno millesimo quingentesimo quoque sexto
Mollen vallatur a decima nona septembris
Per senos dies maximos substinuit ictus
De tribus ducibus simul et principe marchione
Globos ardentes pice et sulphure plenos
Mittunt in op(p)idum fraudulenter et studiose
Quos mulierum labor p(a)ene extinxerat omnes
Mollenses perdere totis viribus sat agebant
Auxiliante deo se cingunt omnes in unum
Et preces fundunt dant gloriam omnipotenti

 

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Incol(a)e illius op(p)idi simplices et devoti
Victum amictum querentes manibus suis
Ideo nec ignis nec hostis nocuit eis
Implorant sanctos quorum votis liberantur
Mauricii die visus est nigerrimus miles [in cimiterio]
[Eodem tempore cives centum quinquaginti
Nullus in op(p)ido annos habuit quinquaginta
Exceptis novem non computatos cum ipsis qui
fuerunt antiquiores].

Quem sequebatur multitudo magna in albis
Instructi tacite vini (vim?) vi repellere licet
Exponunt corpora pr(a)eparant animos resistendo
Bombardarum una foris occidit magistrum
Effracta et aptata interim tempus perdiderunt [Mollen]
Primo ictu fracta in cimiterii loco
Dolor ingens surgit perdita domina machinarum
Si non fregisset plurimos extra subegisset
Ictus contra ictus dabant hostes exadverso
Sed neminem l(a)edunt praeterquam cattam et (ha)edum
[quamvis iacula ferunt]
Quid foris evenit hostes pereundo tacebunt
Sed creditur vere ibi plurimos periere
Nemo per campos ausus est palam. ambulare
Ad eum dirigunt ab intra iacula multa.

Ad verticem montis ligneumque ponunt Hebr(a)eum
In huius manibus tradunt hastam humuleti [ene hoppestecke]
Quem persequuntur putantes hominem esse
Et sic decepti cum longe stetit ab ipsis
Et ne quis (a)estimet hoc carmen esse famosum
Cum omnia vera sint tacta audita et visa
Post h(a)ec consulti principes recesserunt ab eis
Millesies septies cum soldatis dato pace
Percipite ergo hoc carmen placito vultu

Pandere non licet quocunoque casu mittentem.

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Der Güte eines ausgezeichneten Philologen verdanken wir die nachstehende Uebersetzung:

Im Jahre 1506 wird Mölln belagert; vom 19. September an 1) mußte es 6 Tage lang die heftigsten Angriffe (Beschießungen) von drei Fürsten und einem Markgrafen 2) aushalten. Diese senden tückisch ohne Unterlaß mit Pech und Schwefel gefüllte Brandkugeln in die Stadt, welche jedoch die Thätigkeit der Frauen fast alle löschte. Sie hatten bei all' ihrer Macht ihre Noth, die Möllenser zu verderben. Mit Gottes Hülfe rüsten sich allesamt, bringen ihre Gebete dar und geben den Preis dem Allmächtigen, die schlichten und frommen Bewohner jener Stadt, die sich Lebensunterhalt und Kleider mit ihrer Hände Arbeit verschaffen. Deshalb konnte ihnen weder Feuer noch Feind schaden: sie flehen die Heiligen an, durch deren Bitten sie befreit werden.

Am Moriztage sah man einen rabenschwarzen Krieger (auf dem Kirchhofe), dem eine große Menge schweigend in Waffenrüstung folgte; es ist ja erlaubt, Gewalt mit Gewalt zurückzuweisen. Sie setzen ihr Leben aus und rüsten ihre Seele zum Widerstande. Eine der Bombarden tötete draußen den Geschützmeister 3). (Die folgende Stelle ist unverständlich; es scheint fast, als wenn die beiden Verse nur ein Versuch sind, dasselbe auszudrücken, wie das effracta und fracta zeigt - effracta mit aptata zusammen giebt keinen Sinn - nach der anderen Bearbeitung ist klar, daß in Mölln ein Geschütz zersprang und das hätte in den Versen klarer gegeben sein müssen.) Großer Kummer erhebt sich,

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1) Nach Kobbe II. p. 227 den 29. September.
2) cf. Kobbe I. c. Markgraf von Brandenburg, Heinrich von Braunschweig und die Mecklenburger.
3) cf. Kobbe I. c. nach dem derselbe an der Seite des Markgrafen fällt.

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da die Königin der Bombarden zersprang; wäre sie nicht zersprungen, so hätte sie noch viele draußen zu Boden gestreckt. Die Feinde erwiderten nun gegenüber Schuß mit Schuß, aber sie verletzen niemand, nur eine Katze und ein Böckchen. Was draußen geschah, werden die Feinde bei ihren Verlusten verschweigen; aber mit Recht glaubt man, daß viele daselbst umkamen. Niemand wagte es, offen über das Feld zu gehen, sogleich richten sie von drinnen gegen diese viele Geschosse. Auf dem Gipfel des Berges stellen sie einen Juden von Holz auf (zur Verhöhnung der Feinde) und geben ihm als Speer eine Hopfenstange (?) in die Hände; auf diesen schießen sie (die Feinde) in dem Glauben, daß es ein Mensch sei, und sie wurden so getäuscht, weil er weit von ihnen stand. Und niemand möge glauben, daß dies ein Schmähgedicht sei, denn alles ist wahr, gefühlt, gehört und gesehen. Darauf zogen die Fürsten nach einer Berathung mit 7000 Kriegern von dannen und gaben Frieden. Nehmt nun dies Gedicht mit freundlichem Gesicht hin, -

(Der letzte Vers ist nicht verständlich; er könnte ja heißen: man soll nicht ausbreiten (den Namen dessen), der dies in die Welt zufällig sendet, - oder man müßte "mittente" lesen, etwa: ich kann die Sache nicht weiter ausspinnen, da irgend ein Zufall mich unterbricht.)


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Die Latinität jedoch und die mangelhaften Verse haben einen Späteren, der sich J. Angelus (Engel) nennt und, nach der Schrift zu urtheilen, vielleicht 100 Jahre später gelebt hat, veranlaßt, auf die Rückseite des Blattes folgendes zu schreiben:
 

Illi versus inversa pagina sequentes sine sanguine et venere,
sine numero et ordine, plane invenusti sic immutati sunt.

 

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Dann folgt das umgearbeitete Gedicht.

Salvifico ab Christi partu annis mille peractis
Sex et quingentis spissis septembribus umbris,
Marchio Mollenses dura obsidione premebat
Quinqe unosque dies, late loca milite complens.
Huic sese adiunxere duces, tria fulmina belli,
Sulfure fumantes Volcani ardentis in urbem
Ignivomosque globos bombardae munere mittunt,
Quorum nemo potest numerum comprendere, vivis
Foemineus labor exstinxit sed fontibus ignes.
Fata minabatur muris extrema Gradivus.
Hostis atrox saxis avellere saxa volebat,
Molnensesque dare exitio atque exscindere ferro.
Molnenses orare Deum, atque exposcere pacem,
Atque ante ora deûm ad sanctas spaciarier aras,
Lumina tendentes duplicesque ad sidera palmas,
Fundebantque preces ad Sanctos pectore ab imo.
Audiit omnipotens, Sancti audivere, nec ignem
Nec caedem, nec bella sui ploravit alumni,
Inconcussa at adhuc stetit haec Sarepta, Jehovah
Usque coronavit murorum moenia fido
Militiae angelicae populo et felicibus ausis.

Mauriti festo templum prope visus in urbe
Est miles specie atrata, facieque tremenda,
Pone sequuti illum gladiis armisque corusci
Innumeri cives, qui sese opponere Marti
Pro patria voluere, mori urbis proque salute.
Stabat in aprico templum prope sole cavendum
Tormentumque ingens, pice nigra et sulphure plenum
Disruptum hoc, tonitrûs cum debuit edere, si non
Fractum esset: multos mortique Orcoque dedisset.
Terrifico sonitu quatiuntur moenia torto

 

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Turbine et auditur lituûm clangorque tubarum,
Sed deus excubuit pro Sarepta ultor in armis
etc.
Deficiente papyro hic subsisto

J. Angelus


Verdeutscht lautet das Gedicht nach der von dem gelehrten Uebersetzer der vorhergehenden Verse gütigst gelieferten Uebersetzung wie folgt:

Im Jahre 1506 nach der heilbringenden Geburt Christi, als schon dichter das Dunkel des September war, bedrängte der Markgraf die Möllenser mit schwerer Belagerung sechs Tage lang, weithin die Gegend mit seinen Kriegern erfüllend; mit ihm hatten sich drei Fürsten, drei Blitze im Kriege, verbündet. Von Schwefel rauchende, glühende feuerspeiende Kugeln senden sie mit Hülfe der Bombarden in die Stadt, deren Zahl niemand fassen kann; aber die Thätigkeit der Frauen löschte sie mit lebendigem Wasser. Das äußerste Geschick drohte der Kriegsgott den Mauern. Der wilde Feind wollte Stein vom Stein reißen (event. auch vom Beschießen mit steinernen Kugeln) und die Möllner dem Verderben preisgeben und durch das Schwert vernichten. Die Möllner riefen die Götter an und flehten um Frieden zu den Göttern und wallfahrteten vor der Götter Antlitz zu den heiligen Altären, die Augen und beide Hände zu den Gestirnen erhebend, und sandten aus innerstem Herzensgrunde Gebete zu den Heiligen. Es erhörte sie der Allmächtige, es erhörten die Heiligen und dieses unser Sarepta hatte nicht seiner Jünger Mord und Brand und Kampf zu beklagen, sondern steht noch heute unerschüttert, Jehovah hat immer der Mauern Zinnen mit treuer Schaar englischer Krieger und glückbringenden Wagnissen gekrönt.

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Am Moriztage erblickte man in der Stadt nahe am Gotteshause einen schwarzen, furchtbaren Krieger, gefolgt von unzähligen mit Schwertern und Waffen glänzenden Bürgern, welche sich für's Vaterland dem Kriegsgott entgegenstellen und für das Heil der Stadt sterben wollten. Es stand da neben dem Gotteshause in glühender Sonne ein furchtbares und ungeheures Geschütz, angefüllt mit schwarzem Pech und Schwefel. Dies zerbarst, als es den Donner entsenden sollte; wenn es nicht geborsten wäre, so hätte es viele dem Tode und Orcus geweiht. Durch den furchtbaren Knall werden die Häuser erschüttert im wilden Wirbel und man hört das Getön der Zinken und Tuben; aber Gott wachte für Sarepta, er der Rächer im Kampfe etc.

 

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Druck von Ludw. Alwart in Mölln.