Klaus J. Dorsch und Christian Lopau:

Jean Louis Wensel (1825 - 1899)
und seine Spuren im Herzogtum Lauenburg


 


Foto: Kreismuseum Ratzeburg

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Christian Lopau

Jean Louis Wensel - Ergebnisse einer Spurensuche im Stadtarchiv Mölln


Im Jahre 1926 erinnerte der Möllner Hauptpastor P. Bruns in einem kurzen Beitrag in der Zeitschrift "Lauenburgische Heimat" an den in seiner Geburtsstadt damals fast völlig vergessenen Maler Jean Louis Wensel und regte an, "daß ein Sachverständiger ihm, etwa in Gestalt einer Monographie, ein Denkmal setzen möge." 01)

Ein solche umfassende Darstellung des Lebens und Werks Jean Louis Wensels steht bis heute aus. Lediglich Kurt Langenheim hat Wensel im Jahre 1974 noch einmal einen kürzeren Beitrag in der "Lauenburgischen Heimat" gewidmet. 02) Viele Fragen sind dabei offen geblieben.

I
m Folgenden soll versucht werden, anhand des vorhandenen Quellenmaterials im Stadtarchiv Mölln die Jugend- und Ausbildungsjahre Jean Louis Wensels in Mölln sowie das familiäre und soziale Umfeld, in dem der Maler aufgewachsen ist, zu skizzieren. Ein solches Bild, das aus den Archivalien rekonstruiert werden muß, wird notwendigerweise lückenhaft bleiben. Die Ergebnisse der Spurensuche im Stadtarchiv Mölln können aber wertvolle Aspekte zur Biographie Wensels liefern.


Mölln in den Jahren der Kindheit
und Jugend Jean Louis Wensels

Die Zeit Napoleons I., die ganz Europa in den ersten anderthalb Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts geprägt hatte, hinterließ auch in Mölln ihre Spuren. Das Herzogtum Lauenburg war durch die Personalunion mit dem Kurfürstentum Hannover und dem Königreich Großbritannien in die Auseinandersetzungen um die Machtverteilung in Europa hineingezogen worden.

Mit dem Einrücken französischer Truppen in das Herzogtum Lauenburg im Sommer 1803 begann für das Land ein Jahrzehnt wechselnder Besatzungen. Die Bevölkerung litt z.T. erheblich unter den finanziellen und wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges. Steuern, Kontributionen, Kriegsanleihen und Naturallieferungen wurden zur Finanzierung des Krieges eingetrieben. Die Einquartierungen fremder Truppen belastete die Bevölkerung vor allem in den drei Städten des Herzogtums zusätzlich.


01) P. Bruhns: J. L. Wensel. In: Lauenburgische Heimat 1926, Heft 2, S. 44.f
02) Kurt Langenheim: Eine Station im Künstlerleben des Malers Joh. Ludolf Wensel aus Mölln. In: Lauenburgische Heimat N.F. Heft 81 (1984), S. 57-60.


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Erst Anfang Dezember 1813 verließen die letzten französischen Truppen das Herzogtum, die Kriegsschäden und die Folgen der Besetzung wirkten sich aber noch sehr viel längere Zeit aus.

Der Wiener Kongreß, der eine grundlegende Neuordnung Europas nach der napoleonischen Zeit vornahm, brachte auch für das Herzogtum Lauenburg eine entscheidende Veränderung. Das Land wurde nach einem Tausch verschiedener Territorien in Personalunion mit Dänemark verbunden. Die Übergabe an Dänemark erfolgte am 26. Juli 1816. Fünfzig Jahre hatte diese Verbindung mit Dänemark Bestand.

Der dänische König anerkannte die ständische Verfassung des Herzogtums und ließ die traditionellen Rechte unangetastet. König Frederik VI. besuchte mehrmals das neugewonnene Herzogtum und die drei lauenburgischen Städte. Auch sein Nachfolger Christian VIII. wurde 1840 auf seiner Reise durch das Lauenburgische in Mölln aufwendig empfangen.

Die dänische Herrschaft wurde von der Bevölkerung nicht als bedrückend empfunden, vielleicht gerade deshalb, weil grundlegende Reformen und Veränderungen kaum in Angriff genommen wurden. Die dänische Regierung vermied radikale Eingriffe, die zu Konflikten hätten führen können. Modernisierungen im wirtschaftlichen und politischen Leben blieben ebenso aus, wie Änderungen im Bereich der Verwaltung, der Justiz oder der Schule, so daß Bismarck noch 1865 über das Herzogtum urteilte, "daß Lauenburg in vielen Zügen und ganz besonders im Finanzwesen heute noch ein Miniaturbild des Mittelalters ist."
03)

Bei allem Stillstand auf dem Gebiet der Verfassung und Gesetzgebung, sind durchaus Entwicklungen festzustellen. Vor allem wuchs die Bevölkerung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erheblich an. Mölln, das 1817 noch nicht einmal 1.700 Einwohner zählte, erreichte 1845 schon 2.730 Einwohner und hatte bis 1860 seine Einwohnerzahl gegenüber 1817 auf rund 3.400 verdoppelt. Dabei war die Stadt bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts noch nicht aus ihren mittelalterlichen Grenzen herausgewachsen. Ein Teil der alten Stadtmauern und Befestigungsanlagen war noch erhalten. Erst mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie im Jahre 1851 begann die Stadt auch räumlich zu wachsen.

Auch das traditionelle Wirtschaftsgefüge hatte sich bis zum Bau der Eisenbahn noch kaum verändert. Nach wie vor dominierte das alte Zunftrecht. Werfen wir einen Blick auf die Verteilung der einzelnen Berufsgruppen im Jahre 1845, 04) bietet sich folgendes Bild: Die stärkste Gruppe bildeten die Tagelöhner (142 Personen). Unter den Selbständigen dominierten die Schuster mit 68 Berufsgenossen. Es wurden je 15


03) Zitiert nach Jürgen de Vries: Bismarck und das Herzogtum Lauenburg. Neumünster 1898, S. 9
04) Volkszählung 1845, Stadtarchiv Mölln (St.a.M. 2172).


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Abb. 1
J. L. Wensel: Selbstporträt im originalen
Schmuckrahmen. Photographie.
 


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Schneider und Landwirte gezählt, 13 Tischler, je zwölf Bäcker, Schmiede und Kaufleute mit vollständigem Kaufmannsladen, je 9 Schlachter und Weber, 8 Gastwirte, je 7 Holzdrechsler und Sattler und je 6 Kunstdrechsler und Krämer. Hinzu kamen die übrigen Handwerksberufe, die weniger als sechs Vertreter zählten. Vier Maler, darunter auch Jean Louis Wensels Vater, verdienten in Mölln ihren Lebensunterhalt.
05)

In der Handwerkerstadt Mölln waren Ackerbau und Viehhaltung für die meisten Familien noch eine Selbstverständlichkeit. Um die Stadt herum befanden sich Gärten, Kartoffelland und Äcker der Möllner Bürger. Das Vieh, das innerhalb der Stadtmauern gehalten wurde, trieben die städtischen Hirten auf die Weideplätze. 06)

D
ie dänische Regierung sorgte zwar für eine Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur durch den Bau von Chausseen und Eisenbahnlinien, andere Einrichtungen, die als Indikatoren des Fortschritts betrachtet werden können, finden wir in Mölln aber erst nach der Jahrhundertmitte. Die städtische Sparkasse wird 1854 gegründet, eine Gasanstalt richtet der Zimmermeister Elberling 1855 ein, und eine Eisengießerei entsteht 1861. An den tiefgreifenden Veränderungen, die sich andernorts im Zuge der beginnenden Industrialisierung vollzogen, hatte das Herzogtum Lauenburg in den Kinder- und Jugendjahren Wensels kaum Anteil. Es blieb "ein ländlich geprägtes Durchgangsland, das obendrein durch seine periphere Lage zu den deutschen und dänischen Kernräumen benachteiligt war". 07)

Auch wenn es in Mölln und im Herzogtum Lauenburg während des Revolutionsjahres 1848 nicht zu nennenswerten Unruhen kam, wurde auch in Mölln Unzufriedenheit mit der überkommenen städtischen Ordnung deutlich. Zahlreiche Bürger forderten eine stärkere Beteiligung an städtischen Angelegenheiten. Die großen Erwartungen und Hoffnungen auf weitreichende Reformen erfüllten sich jedoch nicht.

Die Familie Jean Louis Wensels

Unter den neuen Bürgern Möllns, die im Kontributionsregister der Stadt 1823 aufgeführt sind, ist auch der Maler Johann Heinrich Wensel aus Itzehoe. 08) Über seine Beweggründe, sich gerade in Mölln anzusiedeln, wissen wir nichts. Ein eigenes Haus - damals nicht mehr Voraussetzung für den Erwerb des Bürgerrechts - hat der Neubürger Johann Heinrich Wensel in Mölln nicht besessen. Soweit wir aus den Quellen wissen, hat er Zeit seines Lebens keinen Grundbesitz in der Stadt erworben, was sicher auch ein Indiz dafür ist, daß es in jenen Jahren für einen Maler nicht leicht war, mit seiner Arbeit zu einem Vermögen zu kommen.

05) Familienangehörige, Gesellen und Lehrlinge, Gehilfen und Dienstboden sind in dieser Liste nicht berücksichtigt.
06) Eine sehr lebendige Schilderung des Alltags, wie er sich noch wenige Jahrzehnte später in Mölln abspielte, gibt uns Auguste Oppermann, die in der Apotheke in der Marktstraße aufgewachsen ist. August Oppermann: Eine Kindheit in Mölln, Huseum, 1995.
07) Dieter Jaschke (Hrsg.): Regionatlas Herzogtum Lauenburg. Mölln 1998, Blatt 3.14.
08) Stadtarchiv Mölln (St.a.M.) 140 "Contributionsrechnung 1824"

 

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Im folgenden Jahr, am 11. Mai 1824, heiratet Johann Heinrich Wensel Josephine Rosaline Auguste Kistner, nach der ursprünglichen Kirchenbucheintragung "des verstorbenen Georg Gottlieb Kistner, Schuhmacheramtsmeister zu Lüneburg, einzige eheliche Tochter". 09)  Der Bräutigam ist bei der Hochzeit 24, die Braut 19 Jahre alt. Der Name der Ehefrau ist in den Originalen der Kirchenbücher im Archiv der Kirchengemeinde Mölln nachträglich geändert worden. Der Name lautet dort Josephine Rose Augustine Fleuret, "Tochter des Augustin Fleuret, geboren zu Lüneburg 20. Septbr. 1804" Der Möllner Pastor Adolph Moraht hat diese spätere Ergänzung 1851 auch bei fast allen Geburtseintragungen der Kinder der Familie Wensel vorgenommen. Tatsächlich ist in den Kirchenbüchern von St. Lamberti zu Lüneburg als Vater Josephine Wensels ein französischer Besatzungssoldat, der Corporal Augustin Fleuret aus Paris, eingetragen. Fleuret hatte mit Josephine Wensels Mutter, Dorothea Catharina Wildhagen, zwei weitere uneheliche Kinder. 10)

Als ältestes Kind der Ehe zwischen Johann Heinrich und Josephine Wensel wird Jean Louis Wensel am 12. Februar 1825 in Mölln geboren und am 6. März des Jahres getauft. Der Taufname des späteren "Jean Louis" lautet Johannes Diedrich Friedrich nach den drei Paten, dem Tischlermeister Joachim Diedrich Römer, dem Bäckermeister Johann Joachim Plette und dem Töpfermeister Friedrich Heide. Erst später hat auch hier Pastor Moraht die Ergänzung "Louis nach Aussage der Eltern" hinzugefügt. Als 1839 die Konfirmation des J. L. Wensels in das Kirchenbuch eingetragen wird, lauten die Vornamen "Johannes Diedrich Ludolph", die Volkszählungen von 1840 und 1845 11) führen den Jungen als "Ludwig". Daraus wird offenbar erst während der Zeit des Studiums in Kopenhagen "Jean Louis".

Sieben weitere Kinder des Ehepaars Wensel wurden in den folgenden zwölf Jahren geboren: Dorothea Louise Elisabeth (*18. Juni 1827), Josephine Wilhelmine Dorothea Lisette (*9. Juni 1829), Sophia Louise (*18. Februar 1831), Auguste Johanna Wilhelmine (*19. April 1832), Heinrich Wilhelm Ferdinand (*19. Mai 1833), Justus (*29. April 1836) und Theodor Franz Heinrich (*6. April 1837).

Die beiden jüngsten Geschwister erhielten die Nottaufe und starben bereits im ersten Lebensjahr. Beide waren zu früh geboren worden. Auch die Schwester Auguste Johanna Wilhelmine wurde nicht einmal ein halbes Jahr alt. Sie starb, wie das Kirchenbuch vermerkt, an "Schauerchen", was in damaliger Zeit häufig als Todesursache von Kleinkindern angegeben wurde. Es handelt sich dabei um "Krämpfe", genauer Fieberkrämpfe, wie sie bei vielen Erkrankungen auftreten können. 12)

09)
Kirchenbuch der Kirchengemeinde Mölln. Originale im Kirchenarchiv, Zweitschriften im Stadtarchiv Mölln.
10)
Die Eintragung Moraths lautet: "Nach den mir produzirten Taufschein der ehefrau des Malers Wensel rectifiziert. In fide Past. Morath den 29. Januar 1851."
11)
St.a.M. 2171 und 2172.
12)
Vgl. hierzu: Ernst Brandt: Schäurchen - Schürken. Todesursachen, wie sie im Kirchenbuch zu Schwarzenbek von 1799 bis 1838 aufgezeichnet wurden. In: Lauenburgische Heimat N.F. Nr. 74 (1972) S. 68-71.
 


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Das Haus, in dem die Familie Wensel zur Miete wohnte und in dem J. L. Wensel und seine Geschwister geboren wurden, ist nicht mit letzter Sicherheit zu bestimmen. Pastor Bruns schreibt in seiner kurzen Lebensbeschreibung zwar, daß Wensel "unter dem Schatten der altehrwürdigen St. Nicolaikirche und des Rathauses am Markt" herangewachsen sei und vermutet, daß "sein Geburtshaus (...) in der Lücke gestanden haben (muß), die jetzt zwischen dem Geschäfte der Brüder Mohr und dem alten Schuhmachermeister Lübbert gehörigen Hause sich findet", 13) eine schriftliche Quelle dafür hat sich allerdings bislang nicht finden lassen.

Aus den Listen der Volkszählung von 1840 14) läßt sich die Wohnung der Familie ebenfalls nicht ermitteln, es sind jedoch alle, die zum Haushalt gehören, hier aufgeführt: Heinrich Wensel (40), Maler, Josephine Kistner (36), seine Frau, Ludwig (15), Lehrbursche des Vaters, Dorothea (13), Josephine (11), Sophia (9) und Heinrich (7) sowie das Dienstmädchen Dorothea Hartmann (19).

1845 wohnt die Familie im II. Quartier Nr. 5 (heute Hauptstraße 96) 15). Zu diesem Zeitpunkt leben bei den Eltern der inzwischen 21jährige Ludwig und seine Geschwister Sophie und Heinrich 16). Dorothea und Josephine haben das elterliche Haus inzwischen verlassen. Dorothea heiratet, wie aus der Eintragung ihrer zweiten Ehe zu ersehen ist, in erster Ehe den "Obristen in Königl. Neapolitanischen Diensten, Baron Eduardo von Steiger". Die Schwester Josephine ist seit 1851 mit dem Feldwebel im Lauenburgischen Jäger-Bataillon, Johann Heinrich August Schümann verheiratet.

Daß 1840 ein Dienstmädchen zum Haushalt der Wensels gehört, spricht dafür, daß der Vater in dieser Zeit recht gut verdient hat. Andere Quellen lassen aber vermuten, daß er es nicht immer leicht hatte, sein Auskommen als Maler zu finden und seine große Familie zu ernähren.

Die wirtschaftliche Lage der Familie ist durchaus nicht ständig zufriedenstellend. Aus dem Jahr 1838 ist eine Beschwerde Johann Heinrich Wensels erhalten, in der er sich über die Möllner Bäcker beklagt, sie "backten das Brodt jetzt so klein, daß es für den bürgerlichen Hausstand eine große Last werde, das nöthige Brodt herbeizuschaffen." 18)

Die vorhandenen Handwerksakten enthalten auch Hinweise auf Konflikte innerhalb der einzelnen Handwerksämter und zwischen den verschiedenen Berufsgruppen. So standen die Maler, die im Kreis Herzogtum Lauenburg kein eigenes Handwerksamt bildeten, z. B. in Konkurrenz mit Tischlern und Glasern, die ebenfalls Anstreicharbeiten ausführten. Eine von Johann Hinrich Wensel und anderen Malern 1833 geführte Beschwerde "wegen Beeinträchtigung ihrer Nahrung" bleibt ohne den gewünschten Erfolg. Die Regierung in Ratzeburg entscheidet, "daß den

13)
Bruns, 1926, S 44.
14)
St.a.M. 2171.
15)
Eigentümer des Hauses war seit 1843 Ferdinand Theodor Schumacher (s. St.a.M. 377, p. 4). Nach dessen Konkurs erwirbt der Achtmann Carl Schwaarcke das Haus (s. St.a.M. 377, p. 393( und verkauft es weiter an den Achtmann J. J. Plette. Aus dessen Nachlaß gelangt das Gebäude 1852 in den Besitz von Dr. med. Carl Plette (s. St.a.M. 378, p. 197), der das Haus dann mit seiner Familie auch selbst bewohnt (s. Volkszählung 1855, St.a.M. 4395).
16)
Volkszählung 1845, St.a.M. 2172.
17)
Kirchenbuch der Kirchengemeinde Mölln. Eheschließungen 1857.
18)
St.a.M. 2300.


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Glasermeistern das Anstreichen der von ihnen verfertigten Fenster nach wie vor unverwehrt bleibe." Auch die Zahl eigener Berufsgenossen wünschte man möglichst klein zu halten. Johann Heinrich Wensel hatte im Jahr 1826 versucht, dem Malergesellen Petersen die Arbeit verbieten zu lassen. Nach Wensels Auffassung war dieser nur scheinbar als Geselle für den Malermeister Badell tätig und führte in Wirklichkeit auf eigene Rechnung Arbeiten aus, ohne dafür Abgaben zu zahlen, mit denen Wensel als Bürger der Stadt belastet war. Wensels Antrag wurde nicht nur abgewiesen, man gestattete Petersen sogar die Niederlassung in Mölln. "Übrigens ist bei Künstlern und Handwerkern die Concurrenz bekanntlich eine für das Publicum sehr wohlthätige Sache" begründete der Magistrat seine Entscheidung. Die in den Akten noch vorhandenen Rechnungen und Kostenzusammen-stellungen gewähren auch einen Blick darauf, welche Aufträge J. H. Wensel durch die Stadt bzw. die Kirche erhalten hat. Aus den Rechnungsbüchern der Kirche St. Nicolai läßt sich ersehen, daß Johann Heinrich Wensel zwischen 1824 und 1833 Aufträge für Arbeiten in der Kirche, an den Wohnungen des Pastors, des Diacons, des Organisten und der Predigerwitwen erhalten hat. Die Aufträge reichen vom Anstrich eines Fensterladens im Predigerwitwenhaus, wofür 12 Schilling bezahlt wurden, bis zu umfangreichen Renovierungsarbeiten im Hause des Pastors Rohrdanz, für die Wensel 45 Mark berechnen konnte. Sicher ist, daß Wensel bedeutende Renovierungsarbeiten in St. Nicolai ausgeführt hat. 150 Mark Courant veranschlagt J.H. Wensel für die "Decorirung der Orgel", die durch den Orgelbauer Kühn aus Segeberg wiederhergestellt worden war Jüngste Restaurierungsarbeiten am Altar von St.Nicolai haben Signaturen zutage gefördert, die von den Renovierungsarbeiten Johann Heinrich Wensels künden. Eine Rechnung von 1850 belegt, daß Wensel den Magistratsstuhl ebenfalls "renoviert und lackiert" hat.

Auch in der Umgebung Möllns hat Wensel Malerarbeiten ausgeführt. Die Baurechnungen des herrschaftlichen Hauses zu Gudow" führen in den Jahren 1827 bis 1829 mehrfach Zahlungen für Malerarbeiten an Johann Heinrich Wensel auf 19). Auftraggeber Wensels war Adolph Gottlieb von Bülow (1795-1841), der das Herrenhaus in Gudow nach Plänen des dänischen Architekten Joseph Christian Lillie 1826 hatte neu erbauen lassen. Für die Tapezierarbeiten und die Dekorationsmalerei waren andere Handwerker eingesetzt, so daß Wensel vor allem den Fassadenanstrich sowie die Arbeiten an Türen und Fenstern ausgeführt hat.

Wensel hat später auch die Vergoldung des neuen Wetterhahns und der Kugel auf dem Gudower Kirchturm besorgt. Bemerkenswert ist, daß die Ehefrau seines Auftraggebers, Sophia Wilhelmine Amalia von Bülow (1800-1847), 1831 als Patin bei der Taufe von Sophia Louise Wensel auftritt.


19)
Ich danke Herrn Detlev Werner von Bülow sehr herzlich für seine Informationen über die Tätigkeit Johann Heinrich Wensels in Gudow.


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Als zweite Patin wird Charlotte Louise Auguste Wilhelmine von Bernstorff, Gräfin zu Wotersen, genannt, was dafür spricht, daß Wensel auch auf dem dortigen Gut Aufträge erhalten hat.

Ausbildung Jean Louis Wensels

Jean Louis Wensel besuchte die Stadtschule in Mölln, die in eine Elementarklasse, eine Kantor- und eine Rektorklassse gegliedert war. Seit 1823 befand sich die Schule zusammen mit den daneben liegenden Lehrerwohnungen auf dem Stadthauptmannshof, nachdem das alte Schulhaus an der Kirchhofsmauer oberhalb der Seestraße zu klein geworden war 20). Die Schule stand nach wie vor unter geistlicher Aufsicht, die neue Schulordnung der Stadt Mölln von 1811 hatte bei den Unterrichtsinhalten aber neue Schwerpunkte gesetzt. Nicht mehr die christliche Lehre allein stand im Mittelpunkt. Die Jugend sollte "von Seiten des Verstandes sowohl, als des Herzens, die nöthige Bildung" erhalten und "über alle diejenigen Dinge gehörig aufgekläret" werden, "die für den Menschen als solchen, und für den künftigen Bürger insonderheit, wissenswürdig sind, und deren genauere Kenntniß im alltäglichen Leben auch einen augenscheinlichen Nutzen gewähret" 21). Auch Geschichte der Naturlehre, Geographie, Französisch und Grundkenntnisse des Lateinischen standen auf dem Stundenplan.

Einer der Lehrer Jean Louis Wensels war Ludwig Andreas Karstens, der seit 1834 als Kantor und seit 1835 als Rektor in Mölln tätig war. 1845 wurde er Pastor in Breitenfelde.

Die Schulzeit J. L. Wensels endete mit der Konfirmation durch Pastor Moraht am 7. April 1839.

Es schloß sich für Jean Louis Wensel die Lehrzeit bei seinem Vater an, dem er auch bei Renovierungsarbeiten in der Nicolaikirche half. "Davon zeugt ein Zettel" schreibt Pastor Bruns 1926, "der aus jener Zeit erhalten ist, auf dem der spätere Künstler in schlichter Weise dieTatsache vermeldet, daß er als 16 ½ Jahre alter Malerbursche bei der Renovierung der Kanzel mithelfen durfte." 22)

Wann Jean Louis Wensel seine Wanderzeit begonnen hat, ist aus den Quellen nicht eindeutig zu ersehen. Falls die Angaben in den Militärstammrollen richtig sind, hat Wensel Mölln im Revolutionsjahr 1848 verlassen. Im "Sessionsprotokoll" von 1848 ist Johannes Diedrich Friedrich Ludolph Wensel mit seinem Geburtsdatum als "Maler, Sohn des Malers Wensel" eingetragen. 1849 ist, möglicherweise aufgrund der revolutionären Ereignisse, ein solches Protokoll nicht geführt worden. Zumindest liegt es nicht vor. Die Möllner Militärstammrollen bzw.


20)
Zur Schulgeschichte Möllns s. Rudolf Sielaff: "An den Kinderschulen ist mehr gelegen als der gemeine Mann betrachten kann." - Aus der Schulgeschichte Mölln - In: Lauenburgische Heimat, N.F. Heft 75 (1972) S. 28-44.
21)
Schulordnung für die Stadt Mölln 1811, St.a.M. 4563.
22)
Bruhns, 1926, S. 44.
 

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"Sessionsprotokolle" der Jahre 1850 bis 1858 23) vermerken hinter J. L. Wensels Namen jeweils, daß er nicht erschienen sei. Zur Erklärung ist hinzugesetzt "wandert" bzw. "wandert noch". 1854 findet sich die Ergänzung "ist in Kopenhagen", 1855 heißt es: "n.e. (= nicht erschienen) wandert 1848-53, 1854 n.e. ist in Kopenhagen, 1855 desgleichen, Aufenthalt unbekannt".

Im Anschluß an seine Wanderzeit studierte Jean Louis Wensel drei Jahre an der Königlichen Akademie zu Kopenhagen, "wo er für Fleiss und Begabung von der Regierung Stipendien erhielt, auch die Porträts des früheren Königs und des Kultusministers Simoni malte" 24). Um sein Studium finanzieren zu können, arbeitete Jean Louis Wensel in der Kopenhagener Porzellanmanufaktur, er wandte sich aber auch mit einem Gesuch um Unterstützung seiner weiteren Ausbildung im Frühjahr 1852 an das Ministerium für die Herzogtümer Holstein und Lauenburg. Über die Regierung in Ratzeburg wurde daraufhin der Möllner Magistrat zu einem Bericht über Wensels persönlichen Verhältnisse aufgefordert. In dem Schreiben des Magistrats vom 16. April 1852 heißt es, "daß uns nichts Nachtheiliges über den Lebenswandel des Supplicanten bekannt ist, der Vater desselben hier am Orte wohnhaft ist, aber nicht die Mittel besitzt, den Supplicanten zur Förderung seiner Ausbildung mit den nöthigen Geldmitteln zu unterstützen - soweit uns bekannt, hat der Supplicant kein eigenes Vermögen bisher erworben" 25). Auch über J. L. Wensels Schulbildung wird genaue Auskunft erbeten. Bedauerlicherweise liegen uns die Atteste des Pastors Karstens aus Breitenfelde, der früher Wensels Lehrer gewesen war, und des Pastors Morath sowie das Protokoll der "Vernehmung" von J. L. Wensels Vater nicht vor. Diese Unterlagen wurden nach Kopenhagen weitergeleitet 26).

Daß Wensel während der Studienzeit auch seine Heimat besucht hat, belegt eine Anzeige im "Lauenburgischen Anzeiger" vom 13. August 1853: "In Ratzeburg eingetroffen, empfehle ich mich allen geehrten Kunstfreunden zum Anfertigen von Oel- und Aquarellportraits. Aufträge bitte ich nicht verschieben zu wollen, da ich Ende Septbr. meine Rückreise nach Kopenhagen anzutreten gedenke. J. L. Wensel, Portraitmaler. Meine Wohnung ist bei Herrn R. Fermor im Hotel Zum kleinen Keller'." 27)


J. L. Wensels Vorhaben, sich in Mölln niederzulassen

Um die Jahreswende 1854/55 scheint es, als wolle Jean Louis Wensel sich nach den Jahren der Wanderschaft und des Studiums in seiner Heimatstadt Mölln niederlassen.

Am 13. Dezember 1854 wandte sich Jean Louis Wensel an die Königliche Regierung in Ratzeburg, da er für die geplante Eheschließung mit seiner

23)
St.a.M. 3922 und 3923.

24)
Das geistige Berlin. Hrsg. von Richard Wrede und Hans von Reinfels. Berlin 1897, S. 568-569.
25)
St.a.M. 2876.
26)
St.a.M. 2876.
27)
Lauenburgischer Anzeiger Nr. 65 vom 13. August 1853.
 

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Verlobten Wilhelmine Harring einen "obrigkeitlichen Konsens" benötigte. Die Regierung forderte daraufhin als Grundlage für ihre Entscheidung einen Bericht des Möllner Magistrats an 28).

Aus dem Bericht, der auf den 16. Dezember 1854 datiert ist, geht hervor, daß Wensel sich "vor einiger Zeit" bereits an den Magistrat in Mölln gewandt hatte, um einen Heimatschein zu beantragen, der im auch ausgestellt worden war. Der danach von Wensel persönlich vorgetragenen Bitte um die Zustimmung zur Verheiratung mit Wilhelmine Harring war der Magistrat nicht nachgekommen. Zur Begründung heißt es:

"Der J. L. Wensel hat bisher soviel uns bekannt an keinem Ort ein Domicil erworben." 29) Durch die Eheschließung bekämen auch die Ehefrau und eventuelle Kinder Wensels in Mölln Heimatrecht. "Daraus können aber für die hiesige Commune Nachtheile mancherlei Art hervorgehen, zumal da Wensel und seine Braut mittellos sind (...)" Der Magistrat bittet daher die Regierung, Wensel einen abschlägigen Bescheid zu erteilen. Tatsächlich schließt sich die Regierung mit ihrem Schreiben an Wensel am 3. Januar 1855 der Haltung des Magistrats in Mölln an 30).

Wensel bemühte sich nun zunächst um den Nachweis einer Existenzgrundlage und beantragte am 26. Januar 1855 bei der Regierung in Ratzeburg die "Concession zum Betrieb des Malerhandwerks" in Mölln 31). Auch dazu liegt die Stellungnahme des Magistrats in Mölln vor, in der bescheinigt wird, "daß der Supplicant (...) vorschriftsmäßig gewandert und als Geselle gearbeitet hat" 32). Die erbetene Konzession erhält Wensel am 21. Februar 1855. Am 8. März 1855 bittet Wensel unter Bezugnahme auf diese Genehmigung, ihm die Niederlassung in Mölln zu gestatten, was ihm am 15. März gewährt wird, sobald er das Bürgerrecht erworben habe 33). Als neuer Bürger ist Jean Louis Wensel am 30. April 1855 in der Kämmereirechnung von 1855 eingetragen 34). Gewohnt hat er bis dahin offenbar nicht in Mölln. In den Möllner Unterlagen der Volkszählung vom 1. Februar 1855 ist er jedenfalls nicht aufgeführt. Seine Eltern leben bei der Familie Kistenmacher im II. Quartier Nr. 46 (heute: Grubenstraße 9). Der Name des ursprünglich auch dort eingetragenen Heinrich Wensel wurde gestrichen und mit der Bemerkung versehen "Soldat im 14ten leichten Infant. Bataillon" 35). Vermutlich hat sich J. L. Wensel trotz Bürgerrecht und Handwerkskonzession nicht in Mölln niedergelassen. Im Kontributionsmanual des Jahres 1855 36) ist der "Decorationsmaler Louis Wensel" zwar eingetragen, es sind allerdings keinerlei Zahlungen eingegangen. Daneben wurde vermerkt: "ist nach Engeland gereist". Auch 1857 ist Wensel noch in die Liste aufgenommen worden jedoch mit dem Eintrag "ist von hier weggezogen" 37). Über Wensels Gründe, seine Heimatstadt zu verlassen und nach England zu gehen, läßt sich bislang nur spekulieren.


28)
St.a.M. 2876.
29)
St.a.M. 2876.
30)
St.a.M. 2876.
31)
St.a.M. 2528.
32)
St.a.M. 2528.
33)
St.a.M. 2216.
34)
St.a.M. 242 und 243.
35)
Volkszählung 1855, St.a.M. 4395.
36)
St.a.M. 246.
37)
St.a.M. 253.

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J. L. Wensels Vater stirbt im Alter von 56 Jahren am 14. April 1856 in Mölln und wird vier Tage später "ohne Geleit der Prediger" begraben 38).

Da Jean Louis Wensels Schwester Dorothea nach dem Tod ihres ersten Mannes am 9. Juni 1857 den Forstmeister und Kammerjunker zu Lübz, Ludolph Ulrich Friedrich von Lehsten, heiratet, kann vermutet werden, daß auch J. L. Wensels Mutter spätestens ab diesem Zeitpunkt Mölln verläßt, um künftig bei ihrer Tochter zu leben. Von der Familie Wensel bleibt nur Jean Louis' Bruder Heinrich, der 1868 das Bürgerrecht der Stadt erwirbt 39), in Mölln.

J. L. Wensel ist in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts besuchsweise wieder in Mölln gewesen. Über Besuche aus der Berliner Zeit des Künstlers liegen keine Belege vor.

J. L. Wensel - In Mölln lange Zeit vergessen

Der Hauptpastor Bruns schreibt in seinem 1926 in der "Lauenburgischen Heimat" erschienenen Beitrag über Jean Louis Wensel: "Es ist bedauerlich, wie schnell unsre Zeit vergißt. Wer kennt J. L. Wensel? Wen ich in den letzten Wochen danach fragte, wußte nichts von ihm; selbst in Mölln nicht, seiner Geburtsstadt, wo jeder, der auf dem Rathaus zu tun hat, eins seiner schönsten Werke ("Fragment", ein von seiner in Mölln lebenden Tochter Thorwalda Wensel 1915 der Stadt geschenktes Gemälde) immer wieder bewundern kann."

Bruns selbst hat vieles über Wensel von dessen Tochter Thorwalda erfahren, die 1906 von Hamburg nach Mölln gezogen war, wo sie zunächst im Hause ihres Onkels, des Schornsteinfegers Heinrich Wensel, lebte 40).

Thorwalda Wensel bemühte sich darum, daß die Erinnerung an ihren verstorbenen Vater auch in Mölln gepflegt würde. Im November 1914 wandte sie sich an den Bürgermeister Oetken und teilte ihm mit, daß sie "beabsichtige, ein von ihrem verstorbenen Vater gemaltes Bild dem Rathause zu schenken, wenn unter den Bürgern eine Sammlung für dieses Bild veranstaltet werden könne, deren Erlös sie für Kriegszwecke zur Verfügung stellen werde. 41)" Der Magistrat beschloß, das Bild zunächst zur Ansicht kommen und im Rathaus ausstellen zu lassen. Bei dem Bild, dessen Titel hier nicht genannt wird, handelt es sich mit ziemlicher Sicherheit um das "Fragment", das Bruns in seinem Aufsatz erwähnt. Das Bild hing lange Zeit im kleinen Sitzungsraum des Rathauses und befindet sich heute im Möllner Stadthaus.

Ob tatsächlich die von Thorwalda Wensel angeregte Sammlung durchgeführt worden ist, geht aus den Akten nicht hervor. Immerhin gelang es der


38)
Kirchenbuch Mölln 1856.
39)
St.a.M. 291.
40)
Heinrich Wilhelm Ferdinand Wensel starb am 25. Januar 1919 im Alter von 85 Jahren in Mölln.
41)
Protokolle der Magistratssitzungen 1914/15 (St.a.M. 411).

 

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Tochter des Malers, den Magistrat dafür zu gewinnen, eine Ausstellung anläßlich des 90. Geburtstags des Malers im Rathaus zu zeigen.

Der 1. Weltkrieg, die unruhigen Nachkriegs- und Inflationsjahre und ein inzwischen veränderter Zeitgeschmack haben sicher dazu beigetragen, daß Jean Louis Wensel und seinem Werk auch in Mölln kein dauerhaftes Interesse entgegengebracht wurde.

Erst am 5. Juli 1977 beschloß die Möllner Stadtvertretung zur Erinnerung an Jean Louis Wensel eine Straße nach ihm zu benennen.

 




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Anmerkungen als Endnoten
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Klaus J. Dorsch

Werke von Jean Louis Wensel im
Kreismuseum Herzogtum Lauenburg in Ratzeburg

Das Kreismuseum Herzogtum Lauenburg verwahrt in seinem Bestand nicht weniger als 363 Werken des Möllner Malers, Zeichners, Bildhauers, Dichters und Photographen Johann(es) Wensel, genannt Jean Louis Wensel (1825 - 1899).

Leider ist ansonsten vom Werk dieses vielseitigen und interessanten Künstlers wenig erhalten geblieben. Im Möllner Museum und in Privatbesitz befinden sich noch einige wenige Gemälde. Bedeutende Aufträge wie die großformatigen Bilder der 2. Deutschen Nordpol-Expedition von 1869-70 oder seine Porträts, derentwegen Wensel auch im Ausland und in höchsten Kreisen besonders geschätzt wurde, sind leider größtenteils nicht mehr nachweisbar. Da sich andernorts keine Zeichnungen Wensels finden, scheint das umfangreiche Konvolut des Kreismuseums von Skizzen, Studien und Zeichnungen eine der wenigen Quellen zu sein, die in die Arbeitsweise des Künstlers und die Verbindung zu seiner Heimat Einblick geben kann. Das Kreismuseum verdankt seinen Schatz der Großzügigkeit der Tochter Wensels, Thorwalda, damals wohnhaft in Mölln, Wasserkrüger Weg 5. Sie trug den Gedanken an den Kreis Herzogtum Lauenburg heran, ein „Wensel-Zimmer“ mit Erinnerungsstücken an ihren Vater einzurichten, die sie gegen Zahlung einer Leibrente dem Kreis überlassen wollte. Der damalige Landesarchivar Dr. Hans Ferdinand Gerhard stellte dieses Ansinnen 1926 zunächst zurück, 01) weil das erst geplante Heimatmuseum zu dieser Zeit noch gar kein Domizil hatte - erst 1929 wurde ein Museum in der ehemaligen Bürgerschule in der Schlageterstraße in Ratzeburg eröffnet. Der Kreisausschuß lehnte eine Anfrage vom 18. April 1928 bezüglich eines „Wensel-Zimmers“ ab, da „weder Mittel noch Räume für die Unterbringung vorhanden“ 02) seien. Man beauftragte jedoch Gerhard, ein Gemälde Wensels bis zum Betrag von 300 Reichsmark anzukaufen.

Schon am 13. April 1928 äußerte Gerhard Befürchtungen Frau Wensel gegenüber, daß der Kreisausschuß so entscheiden werde. Diese machte daraufhin das Angebot, einen sog. „Boulle-Schrank“ aus dem Besitz ihres Vaters gegen eine Zahlung von 2.000 RM, die als Abfindung an ihre Verwandten zu zahlen wären, zu verkaufen. Unter dieser Bedingung wür-

01) Aktenvermerk Gerhards vom 9.6.1926 (Kreismuseum Herzogtum Lauenburg)
02)
Kreisausschußakte vom 28.4.1928; Beschluß vom 18.5.1928, No. 9 (Kreismuseum Herzogtum Lauenburg).

 

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Abb. 2
J. L. Wensel: Studie von Mohnblüten.
Bleistiftzeichnung, aquarelliert.

 


 

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de sie dem Museum eine Anzahl Gemälde zum Geschenk machen. 03) Eine Besichtigung des Schrankes durch den Sachverständigen Herrn Münchhausen ergab jedoch, „der Schrank sei ziemlich grobe Arbeit, die Ölgemälde ziemlich wertlos“ 04) und endete mit der Empfehlung Münchhausens, das Gemälde „Bildnis des Grafen Orsini“ für 200-300 RM zu kaufen, welches heute im Kreismuseum ständig ausgestellt ist.

Man verwies Thorwalda Wensel auch an den berühmten Lübecker Museumsdirektor Dr. Carl Georg Heise, der daraufhin an Gerhard schrieb, er wollte die „sympathische alte Dame“ bei deren Besuch in Lübeck nicht gleich endgültig enttäuschen, hielte jedoch Wensels Arbeiten „nicht für museumsreif. Er gehört zu jenen modischen Berühmtheiten, die in den sog. Gründerjahren übertrieben geschätzt worden sind, ohne irgendwelche Bedeutung für die eigentliche Entwicklung der bildenden Künste gehabt zu haben ... Namentlich der grosse französische Boulle-Schrank wird von seiner Besitzerin erheblich überschätzt ... Würde man etwa die gesamten Gemälde in Berlin auf eine grosse Auktion geben, so bin ich überzeugt, dass sie Liebhaber nur zu Spottpreisen finden würden.“ 05) Das harte Urteil des großen Kunsthistorikers Heise galt jedoch ausschließlich den Ölgemälden Wensels, die dem Zeitgeschmack entsprachen und deren künstlerischer Höhepunkt vor allem in den Porträts lag. Eine ganz andere Facette im Werk Wensels tritt uns jedoch entgegen, wenn wir jene dem Publikumsgeschmack seiner Zeitgenossen angepaßten Werke verlassen und uns dem quasi „nicht-öffentlichen“ Wensel zuwenden: seinen privaten kleinen Blättern, den Reisedokumentationen, seinen intimen, liebevollen Naturstudien, die Heise verborgen geblieben waren. Wie bei manch anderem Künstler dieser Epoche überleben hinsichtlich ihrer künstlerischen Qualität auch bei Wensel nicht die großen „Salon-Gemälde“, sondern die stillen Zeugnisse seiner Meisterschaft im Umgang mit Bleistift und Deckfarben.

Am 24. Juni 1928 wurde ein Vertrag geschlossen, der den Verkauf des Gemäldes „Porträt des Grafen Orsini zusammen mit einem zweiten Bild“ für 300 RM bestätigt. “Die Übergabe der Bilder erfolgt erst kurz vor Fertigstellung und Einweihung des Heimat-Museums in Ratzeburg, für welches die Werke bestimmt sind.“ 06) Felice Orsini war ein italienischer Revolutionär und Verschwörer, der 1844 verurteilt wurde und nach seiner Begnadigung nach England floh. Das Gemälde, 07) (Abb. 3) das die Datierung „1856“ aufweist, zeigt Orsini im Kerker. Dies belegt die ungefüge Mauer hinter und der schwere Eisenring an dem Steinquader neben ihm. Orsini bereut nichts, hält vielmehr die Hand geballt und den Blick trotzig erhoben. Zwei Jahre später, 1858, wird er ein Attentat auf den französischen Kaiser Napoleon III. verüben und hingerichtet werden.

Beim „zweiten Bild“ handelt es sich um die „Rehe im Wald“ 08) Neben Skizzen zu den Rehen (Inv. 73 a,b) existiert ein hochformatiger, großer

03) Aktenvermerk Gerhards vom 13.4.1928 (Kreismuseum Herzogtum Lauenburg)
04)
Aktenvermerk Gerhards vom 20.4.1928 (Kreismuseum Herzogtum Lauenburg)
05)
Brief Carl Georg Heises an Gerhard vom 4.4.1928 (Kreismuseum Herzogtum Lauenburg)
06)
Vertrag vom 24.6.1928 (Kreismuseum Herzogtum Lauenburg)
07)
„Porträt des Grafen Orsini“ (Inv. 360), Öl auf Leinwand,; 91,5 x 76,5; unten rechts signiert: J. L.Wensel; datiert: 1856; verso bez.: J. L.Wensel pinxt (!). Weiterhin verso der Vermerk: „C. Davy Artists Colourman 83 Newman Street Oxford St.London Established in 1795“ - wohl der Hersteller der Leinwand.
08)
„Rehe im Wald“ (Inv. 71); Öl auf Leinwand; 56 x 41 cm; unten links signiert: J. L. Wensel; verso bez.: J. L.Wensel pinxit Berlin.


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Abb. 3
J. L. Wensel: Bildnis des Grafen Orsini.
Ölgemälde.

 

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Entwurf (Inv. 72) mit weichem Bleistift und Kohle auf braunem, dünnem Papier, bei dem die wichtigsten Konturen durchgedrückt und so auf den Malgrund übertragen wurden. Das Motiv zeigt jedoch Abweichungen und ist kleiner als das Ölgemälde, so daß es nicht unmittelbar als zugehörig angesehen werden kann. Wensel hat das gefällige Motiv wohl mehrfach gemalt. So ist es im Konvolut des Kreismuseums nochmals als Querformat in Deckfarben (Inv. 170; 25,2 x 35,6 cm) vertreten; hiernach wurde - quasi als „Massenprodukt“ - bei Meissenbach & Riffahrt ein Kupferdruck (Inv. 74; 13,2 x 18,6 cm) herausgegeben.

Weiterhin sind im Oktober 1928 im Zugangsverzeichnis des Kreismuseums acht Studien und zwei Photographien unter aufeinander folgenden Inventarnummern nachweisbar. Die Studienblätter sind aufgelistet: „ a) Blumenstück b) Fuchsien c) Kuh d) Kuh u. Ziegen e) Alter Fischer f) Felsiger Strand g) Baumstudie h) Lugano.“ Bei der Position „ Alter Fischer“ handelt es sich um ein Porträt des Urgroßvaters des späteren Museumsleiters am Kreismuseum Dr. Kurt Langenheim. Die Zeichnung war Vorarbeit für ein Ölporträt des Johann Friedrich Gottlob Langenheim, Pächter auf Bergfeld (1784 - 1860). Langenheim erbat sich bei seiner Pensionierung das Blatt als Geschenk 09). Studien und Photos waren Stiftungen der Thorwalda Wensel an das Museum. Bei den Fotos gab sie an, es handle sich um Aufnahmen aus London von 186.. und Hamburg von 187.. (die letzten Stellen der Jahreszahlen wußte sie nicht zu nennen) 10) Das Kreismuseum besitzt heute darüber hinaus ein Porträt-Foto von Wensel im Profil (Inv. 363) mit reicher originaler Goldrahmung, das am 10. Juli 1934 ebenfalls aus dem Besitz der Thorwalda Wensel ins Museum kam. Die aufwendige Rahmung zeigt, daß Wensel erkannte, daß die neue Technik der Photographie durchaus eine (billigere!) Alternative zum gemalten Porträt sein konnte. Es ist nachvollziehbar, daß sich der Porträt-Spezialist der neuen Technik bediente, um auf der Höhe der Zeit zu sein.

Im Januar 1930 wurde eine 37 x 53 cm große Lithographie „Ratzeburg von der Nordost-Seite“  (Abb. 4) aus anderer Provinienz erworben. Sie wurde von J. Tempeltey nach einer Zeichnung von Wensel bei Delius in Berlin gedruckt. Der Druckervermerk enthält noch die Angabe: „Verlag und Eigenthum von L. Bernitt in Ratzeburg“ (Inv. 359).

Im Juli 1930 verzeichnet das Zugangsregister drei weitere Werke von Wensel: Das „Porträt eines alten Mannes“ und zwei besonders ungewöhnliche Stücke: ein Gipsrelief und eine bemalte Glasscheibe.

Bei dem Porträt 11) handelt es sich um ein Ölgemälde: Ein älterer Mann mit glattem, braunem Haar richtet den Blick theatralisch nach oben zu einer Lichtquelle, die den oberen Teil des Gesichtes schlaglichtartig be-


09) Vgl. Kurt Langenheim: Eine Station im Künstlerleben des Malers Joh. Ludolf Wensel aus Mölln. In: Lauenburgische Heimat, Heft 81, Dezember 1974, S.57-60, Abb. 2.
10)
Brief Thorwalda Wensel an H. F. Gerhard vom 24.6.1928 (Kreismuseum Herzogtum Lauenburg). Die Angabe der Londoner Zeit mit 186.. belegt den Fehler von Bruns (P. Bruns: J. L. Wensel. In: Lauenburgische Heimat, 4.Jg., 1926, S. 44f.), der von Langenheim (vgl. Anm. 9) übernommen wird, Wensel sei unmittelbar nach seiner Studienzeit in Kopenhagen und damit vor 1855 bzw. seiner Heirat 1856 in London gewesen.
11)
„Porträt eines alten Mannes“ (Inv. 361); Öl auf Karton; 44,5 x 35 cm; unten rechts signiert: I.Wensel; verso bez. von anderer Hand: 1848/50.

 

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Abb. 4
Ratzeburg von der Nordost-Seite.
Lithographie nach J. L. Wensel
 


leuchtet. Es wird ein sakraler Eindruck erweckt; der Gedanke an einen Apostel oder eine Heiligengestalt wird durch den langen Bart, den dunklen Mantel und den umbrafarbenen Hintergrund unterstrichen. Die Barthaare sind z.T. in die frische Farbe gekratzt. Das Bild wirkt akademisch und ist wohl eine Studie nach einem professionellen Modell. Die rückseitige Datierung „1848/50“ stammt nicht von der Hand Wensels; möglicherweise ist das Bild auch erst während seiner Akademiezeit in Kopenhagen, also ab 1851, entstanden.

Das zweite Werk ist höchst interessant, weil es eine sehr persönliche Beziehung zum Künstler hat: Ein 8 x 9,5 cm kleines Gipsrelief (Inv. 358) im originalen Goldrahmen zeigt das Pfarrhaus von Sehestedt, in dem Wensel 1856 heiratete und das gleichzeitig das Elternhaus seiner Frau Wilhelmina, einer geb. Harring, war. Dies ist das einzige erhaltene Zeugnis einer plastischen Arbeit Wensels, von dem wir wissen, daß er 1852 die „Gipsklasse“ an der Kopenhagener Kunstakademie besuchte.

Auf eine nur 11,2 x 12,8 cm kleine Glasscheibe  (Abb. 5) malte Wensel den Schiffbruch der „Hansa“ 1870 im arktischen Eis (Inv. 357). Diese ungewöhnliche Arbeit steht wahrscheinlich in unmittelbarer Beziehung zu Wensels verschollenen Panoramabildern der 2. Deutschen Nordpolexpedition in den Jahren 1869-70. Das Glasbild war wohl dafür vorge-


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sehen, in einer „Laterna magica“ - einer Vorform unserer Diaprojektion - vorgeführt zu werden.

Die in 4½ Jahren, 1872 - Herbst 1876, entstandenen Nordpol-Gemälde wurden zunächst im Winter in Hamburg, dann am 22. Juli 1877 in Wiesbaden im Kurhaus, schließlich in der Kaisergalerie in Berlin ausgestellt, wo sie das Wohlwollen Kaiser Wilhelms I. hervorriefen. Wilhelm II. ließ sie später für das Marinesammlung des Institutes für Meeresbiologie in Berlin ankaufen.

1876 wurde eine Broschüre über die Bilder herausgegeben, der man Grußworte des Expeditionsleiters und des Kapitäns der „Hansa“ voranstellte: „Die von Herrn WENSEL gemalten Bilder, welche Szenen aus den Reisen der beiden Schiffe „Germania“ und „Hansa“ der zweiten deutschen Nordpol-Expedition, und ihren Mannschaften darstellen, entsprechen der Natur der Landschaften, und dem dort von uns Erlebten in einer Weise, dass ich in der That beim ersten Anblick der vollendeten Bilder auf das Ausserordentlichste überrascht wurde. Herr Wensel hat es verstanden, die ganze Grossartigkeit und Erhabenheit der grönländischen Gebirge, und der arctischen Eisfelder mit einer Naturtreue zu schildern, die ich ... noch nirgends vorher bei Abbildungen arctischer Gegenden gesehen habe. ... Hamburg, 27. December 1876. Carl Koldewey. Führer der II. deutschen Nordpolexpedition und Kapitän der „Germania“.“

„Herrn Wensel bezeuge ich gerne, dass die von ihm gemalten Bilder ... so naturgetreu als nur irgend möglich sind, und sich auf Thatsachen beziehen, welche wir wirklich erlebt haben. Ganz besonders schön sind die Farben und Formen der Eismassen gelungen, was um so anerkennenswerther ist, weil Herr Wensel nicht nach eigner Anschauung arbeiten, sondern vielmehr erst dieselben, nach vielen mühsamen Versuchen zu der Vollendung bringen konnte, wie sie sich jetzt auf den Bildern darstellen. Hamburg, 29. December 1876. F. Hegemann s.Z. Kapitän der „Hansa“.“


Wensel veröffentlichte am 30. Juni 1878 im Kladderadatsch, einer satirischen Berliner Zeitschrift, als eine Art Werbung eine Witzzeichnung, die zwei Männchen in Frack und Zylinder zeigt, mit dem Dialog: „.... Müller: Dir friert?/ Schulze: Ich war eben ... bei Wensel’n seine Nordpolgemälde, da is Allens so natürlich ... daß Eenen vor Frost die Zähne und alle Glieder klappern ...“

Ein Holzschnitt, der unserem Glasplattenbild sehr ähnlich sieht und die Hansa als Wrack im Packeis zeigt, stammt aus dem Expeditionsbericht von Koldewey von 1874. 12) Entweder entstand der Holzschnitt nach dem Gemälde Wensels, das auch als Vorlage für die Glasplatte diente, oder Wensel selbst hat die Zeichnungen für die Illustrationen des Expeditionsberichtes geliefert.


12) Reinhard A. Krause: Zweihundert Tage im Packeis. Ein authentischer Bericht der „Hansa“-Männer der deutschen Ostgrönland-Expedition 1869 bis 1870. Schriften des Deutschen Schiffahrtsmuseums. Bd. 46. Bremerhaven 1997.


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Abb. 5
J. L. Wensel: Schiffbruch der Hansa,
bemalte Glasscheibe.
 


Das große Lob, das Wensel für seine Gemälde der 2. Deutschen Nordpol- Expedition erntete, hat er sich hart erarbeiten müssen. Wie Kapitän Hegemann vermerkte, hat der Künstler an der Expedition nicht selbst teilgenommen, kannte also die Verhältnisse nicht aus eigener Anschauung, sondern nur aus Berichten. Daß ihm dennoch von den Beteiligten größte Naturtreue attestiert wurde, ist auf Wensels beharrliche und penible Arbeitsweise zurückzuführen, die aus den Studienblättern erkennbar ist. Einen Eisbären und einen Seehund, den er skizziert hat (Inv. 68) mag er im Hamburger Zoo, einen Eskimo (Inv. 67) im Völkerkundemuseum gesehen haben.

Eine weitere Skizze (Inv. 69) zeigt einen Polarforscher auf einer Bank in einem Unterstand, davor Eisberge und eine Schaufel. Wensel beschriftetet das Blatt: „Nichts Neues am Pol!“


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In fast wissenschaftlicher Manier beschäftigte sich Wensel mit den Farbspielen und Lichtbrechungen von Eis und Schnee und deren phsikalischem Verhalten: Auf einer Bleistiftskizze (Inv. 219) zeichnete er verschiedene Ansichten eines schneebedeckten Daches in zeitlichem Abstand und notierte: „dieselbe Schneemasse wie oben, nachdem es eine Nacht getaut.“. Eine kleine Skizze mit grauer und weißer Deckfarbe minutiös laviert, zeigt Wagenspuren im Schnee. Wensel vermerkte darauf akribisch: „Frische Wagenspuren im frischen Schnee bei trübem Wetter. Bei solchem trüben Schneewetter sind die Schatten an den scharfen Abschnitten im Schnee sehr zart und hell. Durch Tauwetter, Nässe werden die kleinen abgeschnittenen Brocken sehr viel klarer, transparent.“

Wie sehr Wensel das subtile Farbenspiel auf den unterschiedlichsten Objekten faszinierte, zeigt ein weiteres Studienblatt (Inv. 231), auf dem die unteren Teile von drei schneeverwehten Bäumen zu sehen sind. Wensel notierte direkt in die Darstellung hinein: „Schnee-Notizen: Die Bäume von der Schattenseite angesehen oder bei trübem Wetter erscheinen sehr wie dunkle silhuetten. Mit wenigem Detail u. Farben, etwas grünlich das Moos usw.“ Unten rechts zeichnet er erneut einen Schneehaufen mit detaillierten Angaben zu dessen Farbigkeit bei Sonneneinstrahlung.

Am 10. Juli 1934 stiftete Frau Thorwalda Wensel schließlich noch ein weiteres Ölgemälde, das „Porträt einer alten Frau“ 13), das heute im Kreismuseum in der ständigen Ausstellung gezeigt wird. Außerdem gelangten noch fast 400 kleine Blätter - Skizzen, Studien und Bleistiftzeichnungen - sowie 24 kleinere Leinwandstücke mit Ölstudien ins Museum. Da Thorwalda Wensel am 16. 6. 1934 starb, dürfte es sich bei den Stiftungen, die „im Auftrag“ ins Museum gebracht worden sind, um eine Testamentsvollstreckung handeln.

Das große Konvolut enthält einige Skizzen und Vorarbeiten, die Ölgemälden Wensels zugeordnet werden können: Drei kurz vor 1891 zu datierende Studien (Inv. 257 - 259) zeigen einen stehenden Großwildjäger mit einem Gewehr. Es handelt sich um Dr. Carl Peters, den Leiter der Emin Pascha-Expedition. Die Studien sind Vorarbeiten zu dem Gemälde „Am Kenia“, das die Expedition zeigt und sich heute in Möllner Privatbesitz befindet. Es war 1891 in Berlin ausgestellt 14). Wie auch bei den Nordpol-Bildern malte Wensel hier nach Erzählungen und Photographien der Expeditionsteilnehmer.

Ebenfalls in Möllner Privatbesitz befindet sich das Ölgemälde einer am Wasser stehenden „Ophelia“, dessen mit einem Raster versehene Entwurfszeichnung (Inv. 66) zu dem Bestand des Kreismuseums gehört.

Weitere derartige Vorarbeiten für Gemälde sind sechs Zeichnungen (Inv. 35 - 40) für das Ölgemälde „Flucht nach Ägypten“, das Wensel, ebenso


13) „Porträt einer alten Frau“ (Inv. 362); Öl auf Leinwand; 50 x 39 cm; originaler, reich verzierter, ovaler Rahmen, wohl etwas später hinzugefügt, da Wensel das Bild zweifach signiert: rechts unten unter dem Rahmen, sowie sichtbar im Oval in Rot: I. L. Wensel.
14)
I. Beilage der „Berliner Börsen - Zeitung“, Nr. 319 vom 12.Juli 1891.


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wie die „Ophelia“, in Hamburg ausgestellt hatte. Zu einem Gemälde im Besitz der Stadt Mölln („Fragment“), das eine Ziegenherde vor einem großen Felsbrocken zeigt, gehören neun Bleistiftzeichnungen, sowie eine große, weißgehöhte Bleistiftzeichnung (Inv. 62) des Motivs. Zwei weitere, zum Durchpausen verwendete Zeichnungen (Inv. 188,189) zeigen eine alpine Landschaft mit einer Berghütte. Das hiernach entstandene Ölgemälde befindet sich heute in Möllner Privatbesitz.

Drei Gemälde Wensels - „Ophelia“, „Am Kenia“ und ein Diptychon mit einer verschneiten Fichte auf der einen und einer Palme auf der anderen Seite, das sich einst im Besitz der Thorwalda Wensel befunden hatte- liegen im Kreismuseum als Photographien des 19. Jahrhunderts vor, die wohl von Wensel selbst in Auftrag gegeben wurden. Sie sind auf Kartons gleicher Größe aufgezogen und mit einem Blindstempel „ Herrmann Boll. Berlin. Unter den Linden 16 Tauenzienstr. 7 B “ versehen. Auf dem Rahmen des Bäume-Diptychons sind zwei Metallschilder unter den Darstellungen angebracht, die je vier Zeilen aus einem Gedicht von Heinrich Heine enthalten, welche die Sehnsucht des nordischen Baumes nach der südlichen Sonne beschreiben.

Unter den vielen Studienblättern sind vor allem jene interessant, die über die Arbeitsweise Wensels und seine persönlichen Verhältnisse Aufschluß geben, wie etwa Blätter, die er auf seinen Reisen zeichnete:

Wensel beteiligte sich an einer Expedition durch Siam, dem heutigen Thailand. Mit einem Team der BBC fuhr er mit einem Boot von Bangkok nach Lakhon. Von dieser Reise zeugen zehn Zeichnungen (Inv. 54-64). Das schönste Blatt (Inv. 58) ist mit Deckfarben laviert und zeigt vier Boote auf dem Wasser in fein nuancierten Farbwerten. Wie so häufig bei den Zeichnungen sieht Wensel das Blatt nicht ein fertiges Kunstwerk an, das etwa für einen Verkauf bestimmt gewesen wäre, vielmehr ist es für ihn eine Studie und er vermerkt direkt unter der Darstellung mit Bleistift seine aus genauester Beobachtung resultierenden, differenzierten Gedanken über das Spiel der Farbreflexionen, die er vor sich sieht: „Im Vordergrund sieht man in den Schattenparthien, ganz ausgesprochen, die dunkle Farbe des Wassers, man sieht in das Wasser hinein, während man dicht am Boote z. Bsp. reine Farbe des Wassers sieht, spiegelt sich ... gemischt nur ein Schein des Bootes tiefer ab. In den Lichtparthien ist es anders, da sieht man blau das Spiegelbild, und auf größere Distanzen solches immer mehr und immer reiner.“ Wensel zeichnete verschiedene Bootstypen, zweimal auch das Boot mit der Fahne der „BBC“, das von Eingeborenen gestakt wird. (Inv. 56, 57). Auf einem dieser Blätter, einer Deckfarbenmalerei, vermerkte er: „Mein Boot, mit dem ich 1200 Meilen weit in’s Innere von Siam reiste. 50 Tage von Bangkok bis Lakhon.“, auf einem anderen (Inv. 54) sind alle drei mit Überdachungen versehenen


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Boote dargestellt, wie sie die Stromschnellen bei der Stadt Teun überwinden. Wensel notierte auf einer anderen, ähnlichen Skizze (Inv. 55): „Passing the last (32 nd) Rapid.“ Der englische Vermerk und seine Reisebegleitung lassen vermuten, daß Wensel die Fahrt während seines Aufenthaltes in London unternahm.

Im Bestand des Kreismuseums befinden sich vier Bleistiftzeichnungen auf stark gegilbtem Papier (Inv. 174, 176, 177, 187), das sich vom Papier der übrigen Skizzen und Studien durch das größere Format unterscheidet. Gemeinsam ist den Blättern auch der knappe Beschnitt des Bildmotivs. Womöglich waren sie früher einmal gerahmt und dem Sonnenlicht ausgesetzt gewesen. Alle Blätter sind vollständig durchgezeichnet und vollendet, wenngleich nicht signiert. Eines der Blätter (Inv. 177) zeigt eine riesige Eiche, hinter der sich weitere Eichen in die Tiefe staffeln, dabei - leichter und zarter gezeichnet - an Licht gewinnen und wie in einem Nebel verschwimmen. Zwei Spaziergänger im Hintergrund wirken winzig gegenüber den gewaltigen Bäumen. Wensel setzt hier alle mit Bleistift erzielbare Nuancen der Helligkeit ein und nutzt die grobe Struktur des Papiers für die Darstellung der Baumrinde.

Besonders die Bauernkate auf dem Blatt mit der Inventarnummer 176 mutet lauenburgisch an und es kann vermutet werden, daß Wensel in dieser Reihe von Zeichnungen seine lauenburgische Heimat wiedergibt. Höchstwahrscheinlich sind sie in den frühen 70er Jahren des 19. Jahrhunderts entstanden, als Wensel sich in Hamburg aufhielt. Leider sind diese Motive nicht durch Ortsangaben definiert.

Wir besitzen nur ein einziges Blatt (Inv. 186) aus dem Gesamtbestand, eine voll ausgeführte, signierte Deckfarbenmalerei, die auf einem auf der Rückseite des originalen Rahmens klebendem Begleitzettel von der Hand Langenheims die Angabe enthält, daß es sich bei dem Motiv um den „Grundlosen Kolk“ handelt und das Blatt 1872/73 entstanden sei. Der „Grundlose Kolk“ ist ein sog. Übergangsmoor bei Mölln, ein Relikt der letzten Eiszeit.

Das Konvolut des Kreismuseums enthält weiterhin zahlreiche Deckfarbenmalereien und Bleistiftzeichnungen von Wensels Ausflügen und Reisen in die Vogesen und die Alpen rund um Basel bis nach Lugano. Mit großem zeichnerischen Können und geschultem Blick für Details und Farbnuancen zeichnete und malte er Bergpanoramen, Naturschauspiele, Felsen, Bäume und Pflanzen.

Wensel wird in den Künstlerlexika auch als „Dichter“ verzeichnet. Die Werke im Kreismuseum erlauben hierfür mehrere Belege:


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Fünf kleine Federzeichnungen mit Weißhöhung (Inv. 3a - e) zeigen Frösche - einen davon mit einer Gitarre - , Störche im Nest und Väterchen Frost, der vor wärmenden Sonnenstrahlen flüchtet. Die Blättchen gehören zu einem Gedicht Wensels „Der herrliche Frühling ...“ 15). Einer gedruckten Fassung sind acht kleine, vignettenartige Darstellungen als Rahmen zugeordnet. Wensel muß die Motive mehrfach gezeichnet haben, denn die vorliegenden Originale weichen leicht von den gedruckten Motiven ab.

Einige auf kleineres Format geschnittene Skizzenblätter aus dem Konvolut des Kreismuseums sind von Wensel selbst auf Kartonstücke vom üblichen Format seiner Skizzenblätter geklebt worden. Die insgesamt sechs Kartonstücke schnitt er aus größeren Bögen von ursprünglich ca. 32 x 25 cm, auf denen englische Verse - es ist zu vermuten aus seiner eigenen Feder - abgedruckt waren. Ein Kartonstück trägt noch die Seitenzahl 75, ein anderes die Seitenzahl 45, ein weiteres die Seitenzahl 99, so daß zu vermuten ist, daß das Gedicht aus einem größeren, wahrscheinlich sogar illustrierten Werk stammt 16). Bei einem Teil könnte es sich um den Anfang handeln, denn er beginnt mit der Überschrift: „The Angry Carrier“. 17) Neben dem Fuhrmann agieren ein Storch, eine Ratte, ein Hase und ein Maulwurf, so daß es sich offenbar um eine Tierfabel in Versform handelt.

Auf der Rückseite einer Studie eines Rosenzweiges (Inv. 332) sind in vier Zeilen verschiedene Versmaße aufnotiert.

Über den Dichter Wensel ist noch weniger bekannt als über den Maler und Fotographen. Es ist erstaunlich, daß trotz der offensichtlichen Beliebtheit in allerhöchsten Kreisen, so wenig von ihm überliefert und bekannt ist. Ungeachtet der vielen Reisen und des wiederholten Wohnortwechsels hat dieser „europäische“ Künstler seine festen Wurzeln im Lauenburgischen. Es ist auffällig, daß die überwiegende Anzahl der erhaltenen Skizzen und Studien, besonders aber die Pausvorlagen für Ölgemälde mit Werken zu tun haben, die sich heute noch im Kreis Herzogtum Lauenburg befinden oder nachweislich befunden haben. Nicht zuletzt dies macht das umfangreiche Konvolut des Kreismuseums zu einem wichtigen Schatz der Kunst des 19. Jahrhunderts im Herzogtum Lauenburg.



15) „Der herrlich Frühling kam leise ins Haus / Und jagdte den Winter zum Tempel hinaus, / Der rannte wie toll, ohne Rast und Ruh’, / Mit riesigen Sätzen dem Nordpole zu. / Und schrieh: „Oh weh! O weh! / Wo bleibt mein Eis und Schnee!“ / Dort legt er, laut scheltend, sich nieder: „Ja wartet, ich komme schon wieder!“ Und überall tönet ein Jubelschrei, / Die Störche und Schwalben, sie eilen herbei, / Die Blumen, sie heben die Köpfchen empor, / Die Frösche, sie quaken in lustigem Chor: / „Quak, quak, juchhe, juchhe! / Dahin ist Eis und Schnee!“ / Die Lerche singt fröhliche Lieder: / „O, käme der Winter nie wieder!“   J. L. Wensel


16)
„The Storke here, you see, is at afternoon-tea; / He is old, but he’s still fresh and hearty / With the raven, the rat, and the monkey - these three, / It makes rather a funny tea-party.“
17)
Eines der Teile - wohl der Anfang - beginnt: „ As the carrier from London was on his way to York He had to stop a little by the way To give some meal and water to the poor old thirsty stork, As it was such a warm and dursty day.“
 

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Aus: Der Maler, Zeichner, Dichter und Photograph
Jean Louis Wensel (1825-1899) und seine Spuren
im Herzogtum Lauenburg
- Zur Sonderausstellung anläßlich des 100. Todestages
Wensels im Kreismuseum Herzogtum Lauenburg
in Ratzeburg. 25. 6. bis 15. 10. 1999.
Herausgegeben vom Kreismuseum Herzogtum Lauenburg.
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Broschur erhältlich!