Informationen zu Leben und Werk:

Friedrich-Franz Pingel
1904 Malchow - 1994 Bäk bei Ratzeburg
 


Hans Jürß – Text des 8seitigen Hausprospektes des Künstlers

„Ich sah die Welt mit liebevollen Augen“


Dieses Bekenntnis von Käthe Kollwitz, der großen Künstlerin in unserem Jahrhundert, kann als Leitmotiv auch über dem bildnerischen Schaffen des Malers und Zeichners Friedrich-Franz Pingel stehen. In seinem Atelier, das er sich mit 80 Jahren gebaut hat, setzt er ins Bild um, was er mit seinen Augen erlebt in seiner Welt um sich herum. Es sind keine lauten Bilder; der Wesensart des Menschen Pingel gemäß, erfassen sie in leisen Farbtönen und -klängen die stille Schönheit und die Harmonie, die immer noch und gerade auch in der Seenlandschaft um Ratzeburg zu finden ist - für den, der Augen hat zu sehen.

In Pingcls Bildern finden wir die Einsamkeit der Seebuchten wieder, den Schleier des Morgennebels und die zaghaft aufsteigende Sonne ebenso wie die Farben des Winters. Es sind lyrische Bilder ohne jede Dramatik; selten tritt zur Landschaft der Mensch hinzu, allenfalls als belebendes Attribut, das die Stille eher vertieft; es sind Bilder eines sublimen späten Impressionismus, der ganz aus dem Licht und der Atmosphäre lebt und in Farbigkeit, in der sich kein Ton vordrängt, sondern jeder auf den anderen eingeht zur Harmonie hin. Es gibt bei Schiller ein Wort, das auf diese Art zu malen paßt:

„Nimm einen Ton aus einer Harmonie,
nimm eine Farbe aus dem Regenbogen,
und alles, was dir bleibt, ist nichts,
so lang das schöne All der Töne fehlt und Farben.“

Pingels Schaffen läßt in der Überschau so etwas wie konzentrische Ringe ahnen, in denen er sich bewegt, die ihn bewegen. Der engere Kreis wird bestimmt durch die stummen Dinge, die ihn unmittelbar umgeben in seinem idyllischen Heim oberhalb des Ratzeburger Sees: Blumen und Früchte vor allem, die er zu Stilleben ordnet. Dann und wann kommt ein Buch hinzu oder eine Brille, die Existenz des Menschen andeutend, zugleich aber die Stille der „nature morte“ als einer Welt in der Abwesenheit des Menschen. Mit diesem Wesen des Stillebens hat sich Pingel geistig und bildnerisch so auseinandergesetzt, daß ihm Bilder gelingen, die über das Schauen zum Nachsinnen führen.

Auch der zweite Kreis mißt keine großen Weiten aus; dem Maler genügt ein Blick aus dem Fenster oder ein Gang in die landschaftliche Nähe, am liebsten ans Wasser und zu den Bäumen. Mit ihnen ist er groß geworden in seiner mecklenburgischen Heimat, im reizvollen Malchow mit seiner Klosterkirche, am Wasser liegend - und sie hat er wieder gefunden in der verwandten Landschaft und Wesensart um den Ratzeburgcr Dom. Für den oberflächlichen Betrachter mag es hier nichts Bedeutendes geben, nur Himmel und Erde, Wasser und Wolken, Bäume und Boote; Pingel indes sind sie unerschöpfliche Quelle für immer neue Bilder. Schönheit ist für ihn überall im Farbenspiel der Natur zu jeder Tageszeit und in allen Phasen des Jahres, selbst und gerade im scheinbar Unscheinbaren.

Den dritten Kreis schließlich bilden die Eindrücke und Erinnerungen von den Reisen, das Erlebnis der großen Landschaft in Nord und Süd, von der kargen Landschaft der norwegischen Fjorde bis zum Licht der Inseln und Küsten des Mittelmeeres. Nun, da mit den Jahren das weite Krisen weniger wird, engt sich der Kreis - nicht zum Schaden für die Malerei, eher kann man ein Vertiefen spüren: im Blick für die Komposition, in der Differenzierung der Farben und überhaupt.

Pingel war Kunsterzieher und Künstler zugleich, und er ist es geblieben, denn Kunst ist für ihn integrierender Teil seines Lebens. Gern spricht er mit seinen Besuchern vor seinen Bildern über sein Verständnis von Kunst und Künstlersein und von seinem Streben nach Verwirklichung dessen, was Gustav Britsch in seiner Theorie der bildenden Kunst fordert: die Verwirklichung des visuellen Erlebnisses durch die Vorstellung zum Bild, das sich nicht im Abbilden genug sein läßt. Und er spricht von seiner Verehrung für einige der großen Meister, die ihn inspirieren, ohne daß er zum Epigonen wird. Es sind vor allem die Impressionisten William Turner und Camille Corot, Camille Pissarro und Max Liebermann mit der Farbigkeit ihrer Landschaftsbilder; in der Stillebenmalerei dagegen ist es vor allem Jean Baptiste Simeon Chardin - und immer wieder Paul Cézanne, der ‚Vater der modernen Malerei’.

Ja, Pingel ist ein später Impressionist; manche mögen das heute für unzeitgemäß halten, da Lautstärke und Sensation eher Erfolg zu versprechen scheinen. Für alle, die sich den Sinn für ‚Schönheit als dem Glanz des Wahren’ bewahrt haben, sind seine Bilder ‚zeitlos’ im guten Sinne des Wortes: Natur gesehen durch das Temperament eines Künstlers. Sie fügen sich keinem Diktat außer dem des Menschen, der hinter ihnen steht - eher bescheiden und zurückhaltend; der sein Schaffen versteht aus dem Wort von Rainer Maria Rilke:

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen.
die sich über die Dinge hinziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.«